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Die Bewegung, die die Klima-Kämpferin Greta Thunberg angestoßen hat, freut den US-Ökonomen Jeremy Rifkin.

Interview

Jeremy Rifkin: „Wir müssen handeln, sonst sind wir verloren“

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US-Ökonom Jeremy Rifkin über die Fridays-for-Future-Bewegung, die deutschen Pläne für den Klimaschutz und die Bedeutung des Kapitalmarkts für die Finanzierung der Energiewende.

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin ist für seine ökologisch orientierten Zukunftsprognosen bekannt – und hat damit oft recht behalten. In seinem neuen Buch sagt Rifkin voraus: Der Wandel weg von Öl und Kohle wird viel schneller gehen als erwartet.

Professor Rifkin, sind Sie von den Plänen der deutschen Regierung zum Klimaschutz enttäuscht?
Ich habe Angela Merkel kurz nach ihrer Wahl 2005 beraten, wie Deutschland seine wirtschaftlich starke Position auch in Zukunft erhalten kann. Kernpunkt war mein Hinweis auf die Notwendigkeit, das Wirtschaftssystem umzubauen. Die Lebensweise, die auf fossilen Brennstoffen beruht, ist ausgereizt. Hier lässt sich kein Wachstum mehr herausholen. Ich habe auf eine möglichst schnelle Umstellung auf neue Energiesysteme gedrängt. Doch Merkel hat von Anfang an gesagt, dass das nicht leicht wird.

Warum?
Sie hat auf den Föderalismus in Deutschland hingewiesen, demzufolge der Zentralstaat nur den Rahmen setzt und die Investitionen durch die Länder zu erfolgen haben. Das kenne ich von den US-Bundesstaaten her. Anfangs sah es ja dennoch sehr gut aus, Deutschland wurde zur weltweiten Speerspitze neuer Formen der Energieversorgung. Merkel hatte hier mit CDU, SPD und den Grünen die drei wichtigsten Parteien auf eine Linie gebracht.

„Das ist eine Bewegung planetaren Maßstabs – die erste in der Geschichte.“

Jeremy Rifkin über Fridays for Future

Jetzt haben wir 2019 und liegen weit hinter dem Zeitplan …
Fridays for Future wirft der Bundesregierung zu Recht vor, dass Deutschland den Plan nicht aggressiv genug angegangen ist. Jetzt wird es Zeit, hier nachzulegen. Es ist bald zu spät. Wer an der Vergangenheit festhält, wird unweigerlich zurückfallen.

In Ihrem neuen Buch „Der globale Green New Deal – warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert“ sagen Sie voraus, dass die Wirtschaft schon in wenigen Jahren eine „grüne Linie“ überschreitet, die die Abkehr von der Kohlenstoffverbrennung markiert.
Die gewaltige Blase einer Wirtschaftsweise, die auf fossilen Rohstoffen beruht, steht vor dem Platzen. Wir nähern uns einem Wendepunkt, mit dem ein neues industrielles Zeitalter beginnt – mit neuen Möglichkeiten der Energieversorgung, Kommunikation und Mobilität. Sobald der Wendepunkt erreicht ist, geht die Veränderung sehr schnell, denn Energie aus Sonne und Wind wird konkurrenzlos preiswert sein. Marktkräfte werden den weiteren Wandel von selbst antreiben. Ich könnte mir vorstellen, dass bis 2028 ein Fünftel aller verkauften Auto elektrisch fahren. Volkswagen liegt richtig damit, das Ende neuer benzingetriebener Antriebe für 2026 anzusetzen.

Bis 2028 ist es nicht mehr lange hin. In Deutschland sorgen sich viele Menschen genau deshalb um ihre Arbeitsplätze, wenn die von ihnen beschriebene Umwälzung weg vom Verbrennungsmotor bevorsteht. Gehen Sie da nicht über einige Realitäten einfach hinweg?
Es wird selbstverständlich erhebliche Änderungen geben. Aber zugleich entstehen viele, viele neue Arbeitsplätze. Die Umstellung der Energieversorgung erfordert eine ganz neue Infrastruktur. Hier werden Millionen Menschen Beschäftigung finden – und zwar mit niedriger wie mit hoher Qualifikation. Es werden keine Roboter sein, die smarte Netze verlegen und die Kohlekraftwerke abbauen. Hier ist wahnsinnig viel zu tun, jeder wird gebraucht. Deshalb halte ich es auch für sehr schlau von der Bundesregierung, vorab schon 40 Milliarden Euro für den Wandel in den Kohleregionen anzukündigen – das schafft Zustimmung und Konsens.

Jeremy Rifkin, Jahrgang 1945, ist Soziologe und Ökonom. Er unterrichtet an der Wharton School of Business, hat die Foundation on Economic Trends in Washington gegründet und berät weltweit Regierungen.

Wie können Sie so sicher sein, dass diese Mega-Programme tatsächlich kommen? In den USA regiert mit Donald Trump ein Leugner des Klimawandels und Feind der Kohle, und auch in Europa hat die Energiewende viele politische Feinde.
Schauen Sie sich doch hier in Berlin um, überall gibt es Proteste von jungen Leuten für wirksamen Klimaschutz. Das ist eine Bewegung planetaren Maßstabs – die erste in der Geschichte. Der Umbau der Energieversorgung ist nicht mehr ein abstraktes Feld für Wissenschaftler und auch kein einzelnes Politikziel neben vielen, sondern es ist eine reale, aktuelle Überlebensfrage.

Und Trump?
Trump ist in diesem Kontext der Ausreißer, ein vorübergehendes Phänomen. Am Ende kann auch er sich nicht gegen die Umwälzung stellen. Angesichts des immer erkennbareren Klimawandels und der Jugendbewegung, die sich formiert hat, gehe ich von entsprechenden Wahlergebnissen aus, auch in Deutschland.

Selbst wenn es so kommt – wie finanziert sich ein Umbau der Infrastruktur in so gigantischem Ausmaß?
Es ist genug Kapital da, und Investoren fliehen bereits aus Geldanlagen, die mit Kohle zu tun haben. Deshalb halte ich es für seltsam, dass Deutschland so viel der Veränderungen aus dem Steuertopf finanzieren will.

Das neue Buch von Jeremy Rifkin trägt den Titel „Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann“. Das Werk ist bei Campus erschienen.

Die Regierung will eben verhindern, dass der Strompreis noch weiter steigt.
Dabei sollte es keine Umlage, sondern der Kapitalmarkt sein, der das Geld bereitstellt. Da sich dadurch der Zugang zu unschlagbar günstiger Energie und neuen Wachstumsfeldern eröffnet, sind hier die höchsten Renditen zu erwarten. Es kommt darauf an, die vorhandene Liquidität in die richtige Richtung zu lenken.

Stört es Sie eigentlich, dass Greta Thunberg nun dasselbe sagt wie Sie schon seit Jahrzehnten – und nun alle auf sie hören?
Stören!? Es freut mich enorm! Auch ich habe als junger Aktivist angefangen. Damals in den 60er-Jahren richtete sich der Protest vor allem gegen den Vietnamkrieg. Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass etwas passiert, und die Rebellion der Teenager spielt hier eine enorme Rolle. Wir haben keine Alternative. Wir müssen handeln, sonst sind wir verloren.

Interview: Finn Mayer-Kuckuk

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