Analyse

Jenseits der Debatte

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Top-Manager und Sportler verdienen zu viel? Reden wir mal über diejenigen, die in ganz anderen Sphären unterwegs sind.

Das Resultat war Augenpulver. So nannte ein Layouter das, was die Frankfurter Rundschau ihren Leserinnen und Lesern am Dienstag auf der Titelseite zumutete: mehr als 2000 kleine Kästchen, jedes davon symbolisierte 17 976 Euro – oder das, was jemand in Deutschland verdient, wenn er ein Jahr lang in Vollzeit zum gesetzlichen Mindestlohn arbeitet.

Auf diese Weise konnte die Redaktion den Verdienstabstand zwischen einem Mindestlohnempfänger und dem laut „Forbes“-Liste bestbezahlten deutschen Sportler, dem Rennfahrer Sebastian Vettel, gerade noch abbilden. Vettel verdient nämlich 2065 Mal den gesetzlichen Mindestlohn oder 37 Millionen Euro. Der bestbezahlte Chef eines Dax-Konzerns kommt auf 23 Millionen Euro. Sie sind Lichtjahre von dem Rest der Gesellschaft entfernt. Politische Elite und Bürger liegen in dieser Darstellung hingegen nah beieinander.

Doch eine Geschichte erzählt die Grafik nicht, sie hätte ganz einfach nicht auf die Titelseite gepasst. Denn wenn es um die Top-Einkommen geht, ist beim Rennfahrer Vettel längst noch nicht Schluss. Die reichste Frau Deutschlands, Quandt-Erbin Susanne Klatten, hat im vergangenen Jahr für ihre Beteiligung am Autobauer BMW mindestens 504 Millionen Euro Dividende bekommen, Bruder Stefan Quandt sogar mindestens 622 Millionen Euro. Um diesen Einkommensabstand zu einem Mindestlohnbezieher abzubilden, hätte die Frankfurter Rundschau fast 16 weitere Titelseiten benötigt.

Das zeigt auf plastische Weise, dass die deutschen Superreichen finanziell in einer Sphäre unterwegs sind, in der sie für die öffentliche Debatte gar nicht mehr zu fassen sind. Ihre Einnahmen und Vermögen liegen schlichtweg jenseits des Vor- und Darstellbaren.

Die Superreichen sind aber auch deshalb kaum Teil der öffentlichen Debatte, weil sie sich geschickt verhalten. Sie meiden in der Regel die Öffentlichkeit, von manchen gibt es noch nicht einmal aktuelle Fotos, und bleiben so unter dem Radar. Darüberhinaus wird über ihre Einkünfte weniger diskutiert, weil auch kaum etwas darüber bekannt wird. Was BMW an die Quandt-Erben zahlt, ist dokumentiert, weil es sich um eine Aktiengesellschaft handelt, und somit sowohl die Großaktionäre als auch die Gewinnausschüttungen veröffentlicht werden. Aber was ist bei Aldi? Oder Lidl? Vollkommene Intransparenz.

Ob die Reichen zu reich sind, ob die Top-Manager zu viel verdienen, dieses Urteil sei jedem selbst überlassen. Was es jedoch braucht, ist die gesellschaftliche Debatte darüber. Denn viel Geld ist nie einfach nur viel Geld. Viel Geld bedeutet auch viel Einfluss. Superreiche sind häufig (Mit-) Eigentümer von Firmen. Sie entscheiden über Arbeitsplätze und Investitionen – an beidem besteht großes politisches und gesellschaftliches Interesse.

Debattiert werden muss auch darüber, wie es die Gesellschaft mit dem Leistungsprinzip hält. Denn die Verteilung des Geldes in diesem Land ist durch Leistung nicht zu erklären. Die Aufstiegsmöglichkeiten sind vergleichsweise schlecht. Andererseits sind zwei von drei der 100 reichsten Deutschen durch Erbschaften zu ihrem Vermögen gekommen. Also durch Glück. Diese Widersprüche sind eklatant.

Die Politik wird daran von sich aus nichts ändern. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Den Bürgern ist das Thema aber auch nicht wichtig genug, um wirklich aktiv zu werden.

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