Die Deutschen fliegen weiter in Urlaub, Klimakrise hin oder her.
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Die Deutschen fliegen weiter in Urlaub, Klimakrise hin oder her.

Reisen und Klima

Nur jeder Zehnte verspürt Flugscham

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Online-Buchungen schlagen mittlerweile Reisebüros. Jeder zweite Urlauber würde persönliche Daten für Rabatte hergeben. Das Klima ist Touristen nur theoretisch wichtig.

Der Coronavirus bringt derzeit die Reiseaktivitäten vielerorts zum Erlahmen. In Berlin wurde die weltgrößte Tourismusmesse ITB abgesagt. An langfristigen Reisetrends ändert das aber nichts, glaubt Bernhard Rohleder als Hauptgeschäftsführer des IT-Branchenverbands Bitkom. Im Vorfeld der nun gestrichenen ITB hat der dazu über 1000 Bundesbürger befragt und dabei teils überraschende Antworten erhalten. So zeigten sich zwar zwei Drittel aller Befragten von negativen Klimafolgen durchs Reisen betroffen. Gleichzeitig bekannte die Hälfte, deshalb am eigenen Reiseverhalten aber nichts ändern zu wollen. Nur jeder zehnte Befragte verspürt Flugscham. „Da hätte ich mehr erwartet“, räumt Rohleder ein. Der Schritt vom Bewusstsein zum Handeln sei manchmal wohl eine lange Wegstrecke.

Am Urlaubsort verhalten sich Deutsche dagegen betont umweltbewusst, zumindest wenn es um Fortbewegung geht. Immerhin 29 Prozent nutzen dort laut Bitkom-Studie Sharing-Angebote vom Leihfahrrad bis zum E-Scooter. Über zwei Drittel nutzen bewegen sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort und nur gut ein Drittel per Mietwagen.

Bewegung im Verhalten heimischer Touristen gibt es auch an anderer Stelle. So haben Online-Buchungen binnen zwei Jahren die im stationären Reisebüro überflügelt. 45 Prozent aller Reisenden buchen mittlerweile im Internet, nur noch 39 Prozent im Reisebüro. Bei einer Bitkom-Umfrage 2018 war das Verhältnis noch umgekehrt. „Wir erleben einen Gezeitenwechsel“, stellt Rohleder klar. Sogar Pauschalreisende, die als betont traditionelle Kundschaft gelten, haben mittlerweile mehrheitlich schon online gebucht. 2018 war das erst knapp ein Drittel.

Weniger Ferienflüge

Etwa ein Prozent  weniger Ferienflüge werden in diesem Jahr laut Auswertung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ab Deutschland starten. Besonders Flüge in die Karibik, nach Asien und Südamerika werden weniger angeboten als im Vorjahr.
Die Zahl der Flüge  insgesamt, Urlaubsreisen und Geschäftsreisen, wird sogar um 2,5 Prozent sinken. Die Verbreitung des Coronavirus bleibe allerdings ein Unsicherheitsfaktor für die Entwicklung.
In die Türkei  und nach Italien gehen die Flüge ebenfalls zurück. Ein Plus verzeichnen Griechenland und Zypern.  

Dabei gehe es primär gar nicht um den Preis, sondern um das im Netz größere Angebot und die Möglichkeit, auch nach Ladenschluss eine Unterkunft oder einen Flug zu buchen, betont Rohleder. Selbst das Stornieren sei online einfacher, fänden viele moderne Touristen.

Online-skeptisch – vor allem mit Blick auf Datensicherheit – geben sich hier zu Lande ein Drittel aller Reisenden. Jeder Zweite würde dagegen ohne Bedenken persönliche Daten zu Verfügung stellen, wenn dabei bei einer Reisebuchung ein Rabatt herausspringt. Jeder Vierte würde das für maßgeschneiderte Angebote wie Ausflugsmöglichkeiten oder spezielle Restaurantangebote tun. Mit individualisierten Angeboten lassen sich im Tourismus zunehmend Kunden gewinnen, folgert der Bitkom-Manager.

Ausgesprochen gespalten sind deutsche Touristen bei einem anderen Reizthema. So buchen 16- bis 29-jährige hierzulande für ihren Urlaub überwiegend Privatunterkünfte über Plattformen wie Airbnb. Zugleich sehen mehr als sieben von zehn Reisenden, dass dadurch in Städten benötigter Wohnraum verloren geht. Sechs von zehn Reisenden finden sogar, dass Airbnb & Co verboten gehören. Letzteres sehen vor allem ältere Touristen so, weiß Rohleder.

Nahe liegt deutschen Touristen offenbar eine gewisse Endzeitstimmung. So rechnet knapp die Hälfte aller Befragten damit, dass 2030 die letzten Naturräume der Erde zerstört sein werden. Mehr als vier von zehn Urlaubern in spe fürchtet, dass sich in zehn Jahren nur noch Reiche das Reisen leisten werden können.

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