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Diese Anreize sollte der Staat setzen: Jeder Kilowattstunde zählt

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Von: Joachim Wille

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Die Dämmung des Hauses spart Heizkosten. Doch dafür muss man zurzeit erst einmal eine Fachkraft finden.
Die Dämmung des Hauses spart Heizkosten. Doch dafür muss man zurzeit erst einmal eine Fachkraft finden. © imago

Die Heizperiode beginnt in gut drei Monaten. Wie Haushalte und Unternehmen ihren Energieverbrauch drosseln können und welche Anreize der Staat setzen sollte.

Frankfurt – Die drohende Erdgas-Krise treibt die Deutschen zunehmend um. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) halten es für wahrscheinlich, dass Russland Deutschland den Gashahn künftig ganz abdrehen wird. Und eine große Mehrheit von 89 Prozent wäre dann auch bereit, den eigenen Gasverbrauch deutlich zu senken, wie eine Umfrage des Vergleichsportals Verivox zeigt. Nur elf Prozent würden hier nicht mitmachen.

Nun also doch: Frieren für den Frieden? Jedenfalls gab ein Drittel der Befragten in der Umfrage zum Beispiel an, bis zu vier Stunden pro Tag aufs Heizen verzichten zu können, und jeweils acht Prozent würden das sogar bis zu sechs respektive acht Stunden tun. Für 30 Prozent der Deutschen wäre es auch akzeptabel, die Heizung nachts komplett abzuschalten.

Energiesparen in den Haushalten mit Gasnutzung für Heizung, Warmwasser und Kochen ist denn auch dringend nötig, um die Erdgas-Versorgung im nächsten Winter einigermaßen beherrschbar zu halten. Derzeit sind die Gasspeicher zu rund 60 Prozent gefüllt, bis 1. November sollen es mindestens 90 Prozent sein. Die Bundesnetzagentur teilte jüngst mit, dass dieser Stand bis dahin kaum mehr ohne zusätzliche Maßnahmen zu erreichen sei, „sollten die russischen Gaslieferungen über die Nord Stream 1-Leitung weiterhin auf diesem niedrigen Niveau verharren“. Das heißt: Jede Einsparmaßnahme beim Heizen, aber auch jetzt schon, etwa beim Duschen, hilft, die Füllstände zu verbessern.

Energie sparen: Verhaltensänderungen bringen viel

Die Industrie ist zwar mit einem Anteil von 37 Prozent der größte Erdgasverbraucher; inklusive Gewerbe, Handel und Dienstleistungen gehen sogar etwas mehr als die Hälfte des Gases an die Unternehmen. Doch hier sind größere Einsparungen vielfach kurzfristig nur schwer umzusetzen, teilweise auch gar nicht; zum Beispiel in den Fällen, wo Erdgas als Rohstoff genutzt wird, so in der Ammoniak-Produktion für Düngemittel oder den Abgasreiniger Adblue für Diesel-Autos.

Den Haushalten, die knapp 30 Prozent des Erdgases verbrauchen, kommt also durchaus große Verantwortung zu, zumal hier mit Verhaltensänderungen und Maßnahmen, die wenig kosten, einiges zu holen ist.

Für einen Push bei Energiesanierungen im Gebäudebestand, mit Wärmedämmung, Energiesparfenstern und Heizungstausch zu Wärmepumpe und erneuerbarer Wärme, ist die Zeit zu kurz. Denn bis zum Beginn der nächsten Heizperiode sind es nur noch gut drei Monate. Die notwendigen Materialien sind in den dafür nötigen Mengen am Markt so kurzfristig nicht zu bekommen, und es gäbe auch gar nicht die Handwerker:innen, um genügend Häuser zu Energiesparern zu machen. Trotzdem schätzen Fachleute, dass die Erdgas-Haushalte im Schnitt rund 15 Prozent ihres Verbrauchs senken könnten. Eventuell ging noch mehr. So sagt der Wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), Martin Pehnt: Das Ziel müsse sein, dass etwa im Gebäudebereich im nächsten Winter 25 Prozent Gas eingespart werden. Dazu müssten die Eigentümer:innen aber auch staatliche Hilfen bekommen.

Energie sparen: Jede Heizungswartung nutzen

In Deutschland heizt etwa die Hälfte der Haushalte mit Gas, es gibt bundesweit knapp sieben Millionen Gasheizungen. Pehnt fordert, dass alle Betreiber:innen von Gaskesseln einen kostenlosen Gasspar-Check bekommen, bei dem Energieberaterinnen, Heizungsinstallateure oder Schornsteinfeger:innen Hinweise geben, wie sie kurzfristig und mit Blick auf die nächsten Jahre ihren Gasverbrauch reduzieren können. „Dazu sollte jede Heizungswartung, jeder Schornsteinfegerbesuch, jede Energieberatung genutzt werden.“ Die Maßnahme solle aus einer Überprüfung der Heizungsanlage, einem Check des Heizverhaltens und Beratung zu Einsparungen bestehen – auch anhand von mitgebrachten beispielhaften Hilfsmitteln wie Thermometern, elektronischen Thermostatventilen und Hocheffizienz-Umwälzpumpen oder einem Baumarktgutschein für solche Komponenten.

Die Absenkung der Raumtemperaturen um ein Grad bringt bereits sechs Prozent Minderung. Weitere Maßnahmen: Heizkurve flacher einstellen, Vorlauf-Temperatur absenken, die Nachtabsenkung verlängern, Stoßlüften statt Kipplüften, überheizte Räume identifizieren und sie herunterregeln. Allerdings warnen Experten davor, die Temperatur in Räumen zu stark abzusenken, gerade bei schlecht gedämmten Außenwänden droht dann nämlich Schimmelbildung. Etwa 16 Grad gelten als Minimum, zudem muss dann öfter gelüftet werden.

Pehnt schätzt, dass kurzfristig allein durch die einfachen Maßnahmen rund zehn Prozent Gas eingespart werden können. In Verbindung mit kleinen Investitionen ist noch mehr drin. Beispiele hier: das Anbringen von Reflexionsfolien hinter Heizkörpern sowie die Dämmung von Heizkörpernischen und Rollladenkästen. Etwas aufwendiger, aber bis zum Winter machbar, von handwerklich Begabten auch in Eigenleistung: Dämmung der obersten Geschossdecke, wenn das Dachgeschoss nicht zum Wohnen genutzt wird, und der Kellerdecke, Abdichtung von Türen und Fenstern, Dämmung von Rohrleitungen.

Energie sparen: Auch beim Warmwasser ist viel zu holen

Doch es geht nicht nur um die Heizung. „Auch beim Warmwasser ist viel zu holen“, sagt Pehnt. Hier helfen Duschsparköpfe, Durchfluss-Begrenzer, Reduktion der Zirkulationszeiten, Temperaturabsenkung beim Heißwasser, aber unter Beachtung hygienischer Anforderungen. Kürzer Duschen ist ebenfalls ein Tipp, der viel bringt. Wer Geld in die Hand nehmen will oder sowieso eine Renovierung plant, dem empfiehlt der Experte den Einbau einer Duschwanne mit Wärmerückgewinnung.

Doch auch Strom sparen bedeutet Gas sparen, weil Strom auch durch Gaskraftwerke erzeugt wird. Deswegen, so Pehnt: „Alle verbliebenen Glühlampen austauschen gegen LED-Lampen. Abschaltbare Steckerleisten verwenden und alte Kühlschränke außer Betrieb nehmen; eine Solaranlage installieren – selbst eine kleine Balkon-PV-Anlage spart bis zu zehn Prozent Strom. Zudem kann man die Wäsche an der Luft trocknen. Denn: Jede eingesparte Kilowattstunde zählt.“

Das vorgeschlagene Gasspar-Programm würde laut dem Experten ein bis zwei Milliarden Euro kosten, die in den nächsten fünf Monaten fließen müssten. „Aber das bringt uns mehr Energiesicherheit, eingesparte Heizkosten bei den Endkunden und Klimaschutz in einer überhitzten Zeit.“

Energiefachleute halten es aber für genauso wichtig, auch in der Wirtschaft die vorhandenen Sparpotenziale schnell anzugehen. Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) fordert Anreize und Gutscheine für Maßnahmen zum Gassparen auch in Betrieben. In der Deneff sind rund 200 Firmen zusammengeschlossen. Die notwendigen Maßnahmen seien unter anderem durch vorhandene Energieaudits bekannt. Für kleine und mittlere Firmen sollten Energiespargutscheine mit festem Betrag zum Beispiel pro Mitarbeiter:in ausgegeben werden, einfach einzulösen über Rechnungen beauftragter Dienstleister oder Zulieferer. Zudem solle die Regierung eine Sofort-Abschreibungsmöglichkeit für klimafreundliche Investitionen einführen. (Joachim Wille)

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