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Aktivisten demonstrieren in Kyoto.

Energiepolitik

Japans Kohleausstieg light

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Tokio will rund 100 ineffiziente Kraftwerke stilllegen - dafür aber abgeschaltete Atommeiler wieder ans Netz nehmen. Umweltschützer sprechen von einem Wendepunkt in der Klimadebatte.

Japans Klimapolitik steht seit Jahren international in der Kritik. Auf der UN-Klimakonferenz im Dezember in Madrid bekam Tokio denn auch gleich zweimal von einer Umwelt-NGO den Spottpreis „Fossil des Tages“ verliehen. Jetzt allerdings bewegt sich die Regierung des Landes etwas. Bis zu 100 alte, besonders ineffiziente Kohlekraftwerke mit hohem CO2-Ausstoß sollen bis 2030 stillgelegt oder zumindest eingemottet werden. Erneuerbare Energien und Atomkraft sollen einen größeren Anteil als bisher in der Stromversorgung übernehmen.

Derzeit deckt die Kohle in Japan 32 rund ein Drittel des Stromverbrauchs, Erdgas trägt rund 38 Prozent bei, die Kernenergie sechs Prozent. Japan hatte die Kohle- und Erdgasnutzung nach dem Super-GAU von Fukushima im Jahr 2011 deutlich gesteigert. Damals waren alle AKW zur Sicherheitsüberprüfung vom Netz genommen worden. Inzwischen sind neun der insgesamt 48 noch betriebsfähigen Reaktoren wieder am Netz.

Ein kompletter Ausstieg aus der Kohleverstromung, wie Deutschland ihn jüngst beschlossen hat, ist in Japan derzeit nicht geplant. Das Land hat 140 Kohlekraftwerke am Netz. Weitere 16 sind im Bau, deren geplante Laufzeit beträgt mehrere Jahrzehnte. Von den 114 Kohlemeilern, die vor 1995 in Betrieb genommen wurden, haben etwa 100 einen besonders niedrigen Wirkungsgrad. Für sie strebt Tokio die Abschaltung an. Den Plan dafür soll eine Regierungskommission erarbeiten, die in diesem Monat eingesetzt wird. Das kündigte Wirtschaftsminister Hiroshi Kajiyama an. Man werde den CO2-Ausstoß spürbar senken, Kohle werde aber eine wichtige Energiequelle bleiben, sagte er auf einer Pressekonferenz.

Widerstand gegen AKW

Der Anteil der fossilen Energieträger am Strommix insgesamt soll in Japan bis 2030 von derzeit 77 auf 56 Prozent sinken. Zum Vergleich: In Deutschland sollen es dann noch 35 Prozent sein. Tokio will speziell den Kohleanteil von 32 Prozent (Stand 2018) auf 26 Prozent senken. Umgekehrt soll der Ökostrom zunehmen, von 17 auf 22 bis 24 Prozent. Teil des Energieplans ist es freilich auch, weitere der derzeit noch abgeschalteten AKW wieder ans Netz zu nehmen. Ob Tokio das so umsetzten kann, ist fraglich. Der Widerstand gegen das Hochfahren der Reaktoren in den betroffenen Regionen ist groß, seitdem es im März 2011 im AKW Fukushima-Daiichi zur Kernschmelze kam. Die jeweiligen Regionalparlamente müssen ihre Zustimmung erteilen.

Japans Umweltminister Shinjiro Koizumi sagte, die Kohlepläne seien ein großer Schritt auf dem Weg Japans in eine kohlenstofffreie Zukunft. Der 39-Jährige gilt als Verfechter eines schnelleren Kohleausstiegs. Er konnte sich kabinettsintern jedoch nicht durchsetzten. Umweltorganisationen lobten den angekündigten Schritt, forderten aber mehr Konsequenz. Hanna Hakko von Greenpeace Japan sprach von einem Wendepunkt in der Klima- und Energie-Debatte, auf den aber die Abschaltung aller Kohlemeiler und der Verzicht auf Neubauten folgen müssten. Kimiko Hirata von der kohlekritischen NGO „Kiko Network“ sagte: „Das ist ein wichtiger Schritt, aber noch völlig unzureichend.“

Entsprechenden Spielraum in der Energiepolitik gäbe es. Tatsächlich könnte der Anteil der Ökoenergien an der Stromerzeugung viel schneller steigen als von der Regierung geplant. Bis 2030 seien mindestens 40 statt 22 bis 24 Prozent möglich, zeigte 2019 eine deutsch-japanische Studie der Thinktanks Agora Energiewende (Berlin) und Renewable Energy Institute (Tokio).

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