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Japan: Der Yen fällt und fällt

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Von: Felix Lill

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Zentralbankchef Haruhiko Kuroda steht unter Druck.
Zentralbankchef Haruhiko Kuroda steht unter Druck. © afp

Japans Währung ist schwach, trotzdem hält die Notenbank an ihrer Nullzinspolitik fest. Darunter leiden große Teile der Wirtschaft – eine Branche aber profitiert.

Ende vergangener Woche schickten führende Medienhäuser Eilmeldungen raus. „Der Yen hat ein 32-Jahres-Tief erreicht“, hieß es sinngemäß auf mehreren Kanälen. Für einen US-Dollar erhielt man am Finanzmarkt auch am Dienstagnachmittag an die 149 Yen. Derart schwach war die japanische Währung zuletzt, als Anfang der 1990er Jahre eine riesige Immobilienblase im ostasiatischen Land geplatzt war. Heute liegen die Gründe für den Sinkflug im Ausland: Während diverse große Volkswirtschaften ihre Leitzinsen angehoben haben, will die Bank of Japan (BOJ) davon nichts wissen.

Praktisch überall auf der Welt wirkt die Nullzinspolitik, auf die sich mit der globalen Finanzkrise ab 2007 diverse führende Wirtschaftsräume für mehr als ein Jahrzehnt besannen, mittlerweile wie eine Sache vergangener Tage. In Japan aber, der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft, ist sie weiterhin Realität. Und am Montag erklärte Zentralbankgouverneur Haruhiko Kuroda, dass dies auf absehbare Zeit auch so bleiben werde. Gegenüber dem Parlament sagte Kuroda: „Japan befindet sich mitten in der Erholung von Covid-19.“ Diese Erholung wolle man nicht durch eine Zinsanhebung abwürgen.

Japan: Die Bevölkerung altert und schrumpft

Kuroda verfolgt damit das, was kritische Stimmen in Europa von der EZB fordern. „Höhere Rohstoffpreise, bedingt durch die Situation in der Ukraine, führen zu einem Abfluss von Geld aus Japan ins Ausland, was die Wirtschaft unter Druck setzt.“ Allerdings seien dies zeitlich begrenzte Phänomene, so Kuroda. Wichtiger sei daher, dass durch Nullzinsen sowie Staatsanleihenkäufe weiterhin die Nachfrage im Inland gestärkt werde.

Der Kurs des Yen.
Immer weniger ist der Yan wert. © FR

Seit Jahrzehnten versuchen Japans Regierung sowie die Notenbank, eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen, wie es auch als Mandat der BOJ festgeschrieben ist. Jährlich nimmt in Japans alternder und schrumpfender Bevölkerung aber tendenziell die volkswirtschaftliche Kapazität für Produktion und Konsum ab, was sich auch auf Investitionen eher negativ auswirkt. Als Haruhiko Kuroda im Frühjahr 2013 die BOJ-Führung übernahm, kündigte er eine monetäre Expansion an, die die zuvor schon lockere Geldpolitik noch deutlich übertraf.

Auch der Ukraine-Krieg spielt eine Rolle

Die Instrumente der BOJ haben auch dazu geführt, dass vor zehn Jahren der Yen zu fallen begann, was Exporte billiger und Importe teurer gemacht hat. Doch als auf die durch den Ukraine-Krieg gestiegenen Rohstoffpreise andere führende Wirtschaftsräume mit Leitzinserhöhungen reagierten, ist der Außenwert des Yen noch einmal deutlicher abgesunken. Die Notenbankpolitik wird zusehends hinterfragt, in japanischen Zeitungen und TV-Sendern ist die Sache seit Monaten regelmäßig Thema.

Im September versuchte das Finanzministerium den Fall der Währung aufzuhalten, indem es US-Dollar verkaufte und Yen ankaufte. Es war die erste solche Marktintervention seit Ende der 1990er Jahre. Ein nachhaltiges Signal hat der Schritt aber bisher nicht gesendet. Seither ist der Yen gegenüber dem Dollar noch weiter abgesunken. So behält sich Finanzminister Shunichi Suzuki weitere solcher Maßnahmen vor und verkündete am Montag: „Wenn wir exzessive Volatilität inmitten spekulativer Bewegungen sehen, werden wir entschiedene Schritte machen.“

Drei Prozent Inflation in Japan

Zuletzt betrug die Inflationsrate in Japan rund drei Prozent, Haupttreiber dieser Zunahme sind die gestiegenen Rohstoffpreise. Gerade deshalb, weil die hohe Teuerung nicht von einem Nachfrageschub ausgeht, sieht sich die BOJ in ihrem Vorgehen bestätigt. Allerdings beklagen Haushalte, deren Realeinkommen über Jahre praktisch nicht gestiegen sind, seit Monaten steigende Preise. Anfang Oktober ergab ein Geschäftsklimaindex der BOJ, dass unter herstellenden Betrieben, die oft von Importen abhängen, die Zuversicht im dritten Quartal in Folge nachgelassen hat.

Allerdings kennt der historisch schwache Yen nicht nur Verlierer in Japan. Tatsächlich wirkt das Festhalten an der Nullzinspolitik auch wie eine Art Appeasement gegenüber einer Branche, die sich mehr als zweieinhalb Jahre hintanstellen musste: der Tourismus. Als sich Anfang 2020 Covid-19 weltweit auszubreiten begann, reagierte die japanische Politik schnell mit strengen Grenzschließungen. Sie brachte damit diverse Hotelketten und Reiseagenturen in Probleme, die im Vorfeld der Olympischen Spiele von Tokio 2020 eigentlich von einem großen Geschäft ausgegangen waren.

Tourismus profitiert von offenen Grenzen

Seit 11. Oktober sind die Grenzen Japans – als letztem Staat der G7 – nun auch für den Fremdenverkehr wieder geöffnet. Am ersten Wochenende nach der Öffnung stürmten Touristinnen aus allen möglichen Ländern nach Kyoto, um buddhistische Tempel zu sehen, und nach Hiroshima in den Friedenspark, wo 1945 die Atombombe explodierte. Selbst in der Hauptstadt Tokio, wo für die letztlich unter Ausschluss von Publikum 2021 stattgefunden Olympischen Spiele zahlreiche neue Hotels gebaut worden waren, freut sich die Hotelleriebranche schon über gute Auslastung.

Das Geld, das die Touristinnen und Touristen aus dem Ausland nun in Japan lassen, ist besonders wertvoll – nicht nur weil aufgrund der langen Grenzschließungen sehnlichst darauf gewartet wurde. Sondern auch weil Personen, die ihr Geld in einer ausländischen Währung halten, wegen des schwachen Yen jetzt besonders kaufkräftig in Japan sind. Ein kleiner Cappuccino bei der in Japan weitverbreiteten Kaffeekette Starbucks kostet etwa 415 Yen. Im Moment sind das rund 2,86 Euro. Vor der Pandemie waren es noch 3,45 Euro. Entsprechend ist der reale Preisverfall auch bei anderen Produkten.

Mit ihrer höheren Kaufkraft können sich Besucher:innen aus dem Ausland jetzt deutlich mehr Dinge in Japan leisten. Eine teure Tourismusdestination ist das ostasiatische Land, das einst für horrende Preise bekannt war, derzeit auch wegen der Geldpolitik der BOJ nicht.

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