Weltwirtschaft

IWF schlägt Alarm: Schulden von Industriestaaten wachsen - Entwicklungsländer stürzen ab

  • vonStephan Kaufmann
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Um das Schlimmste zu verhindern, verlangt der Internationale Währungsfonds, dass die Gläubiger ihnen Schulden erlassen.

  • IWF warnt: Sollten nach Coronakrise nicht auf nächste Krise warten.
  • China als großer Kreditgeber problematisch.
  • In den Industriestaaten werden Schulden um ca. 20 Prozent steigen.

Paris - Die Coronakrise lässt die Schulden der Staaten weltweit explodieren. Denn der Wirtschaftseinbruch lässt ihre Einnahmen schrumpfen. Gleichzeitig wenden Regierungen Milliarden auf, um Arbeitslose zu unterstützen und Unternehmen am Leben zu erhalten. Bei diesem Unterfangen sind die Staaten allerdings nicht alle gleich: Die Euro-Zone, die Vereinigten Staaten und auch Japan können sich die neuen Kredite leicht leisten, sie profitieren von den gesunkenen Zinsen. Auf der anderen Seite stehen die weniger kreditwürdigen Länder, die die wachsende Schuldenlast zunehmend überfordert. Jetzt schlägt der Internationale Währungsfonds (IWF) Alarm: „Die Welt steht an einer Wegscheide und sollte nicht untätig auf die nächste Krise warten“, warnt IWF-Chefin Kristalina Georgieva.

IWF schlägt Alarm wegen Coronakrise: Sollten nicht auf die nächste Krise warten

Um den Rückgang der privaten Nachfrage aufzufangen, nimmt die Regierung in Washington dieses Jahr über drei Billionen Dollar an neuen Krediten auf. Die staatliche Gesamtschuld, die 2019 noch bei knapp 80 Prozent der Wirtschaftsleistung lag, dürfte dieses Jahr auf 100 Prozent steigen. Noch nicht inbegriffen ist ein mögliches neues Hilfspaket, das sich auf 1,6 bis 2,2 Billionen Dollar summieren könnte. Ähnlich sieht es in der Euro-Zone aus, wo die Schuldenquote dieses Jahr von 90 auf 100 Prozent der Wirtschaftsleistung steigt.

Für den Dollar- und den Euro-Raum ist dies jedoch verkraftbar. Denn die Zinsen sind drastisch gesunken, was den Schuldendienst erleichtert. Grund der gesunkenen Zinsen: Anleger an den Finanzmärkten reißen sich um Dollar- und Euro-Schuldscheine. Zudem treten die Zentralbanken der USA und der Euro-Zone als potente Käufer der Staatsanleihen ihrer Länder auf und erwerben für Billionen staatliche wie private Schuldscheine. In diesem Zusammenspiel geben sich Europa und Amerika quasi selbst Kredit. Das geht solange gut, wie an den Finanzmärkten keine Zweifel an der Solidität von Euro und Dollar aufkommen.

Schiffsverkehr vor der Hagia Sophia in Istanbul: Die Türkei bekommt die Härte der internationalen Kapitalmärkte schon zu spüren.

IWF: Entwicklungs- und Schwellenländer leiden unter der Coronakrise

Auch die Entwicklungs- und Schwellenländer leiden unter der Krise. Denn sie hängen an der Konjunktur in den großen Wirtschaftsräumen, deren sinkende Nachfrage sie durch schrumpfende Exporte zu spüren bekommen. Dazu kommt der Rückgang des Tourismus wie auch der Rohstoffpreise, die am Corona-Geschehen hängen. „Der jüngste Preisrückgang auf den Rohölmärkten lässt sich durch die weltweite Zunahme an Neuinfektionen erklären“, stellt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut fest.

Auch die ärmeren Länder des Globus versuchen, die Rezession durch vermehrte Staatsverschuldung zu mildern. So wachsen im globalen Süden die Defizite, die in Indien oder auf den Philippinen dieses Jahr um mehr als acht Prozent der Wirtschaftsleistung steigen werden. Gleichzeitig ist ihre Verschuldungsfreiheit begrenzt. Denn das globale Finanzkapital beäugt argwöhnisch die Defizite in jenen Ländern, die ohnehin als weniger kreditwürdig gelten.

Wachstumserwartung 2020

Coronakrise: In Phase der Unsicherheit setzen Investoren eher auf US-Dollar oder Euro

„Die tiefe Rezession der Weltwirtschaft wird bei Staaten und Unternehmen zu Herabstufungen ihrer Kreditwürdigkeit und steigenden Ausfallraten führen“, so die Deka-Bank. „Besonders betroffen sind Länder, die stark auf Kapitalimporte angewiesen sind.“ In dieser Phase der Unsicherheit, so die Ökonomen, dürften Investoren eher auf Währungen wie den US-Dollar oder den Euro setzen, „weshalb wir für Schwellenländer-Währungen nicht nur nominale, sondern auch reale Abwertungen erwarten“.

Ein typischer Fall ist die Türkei: Statt die Zinsen zu senken, sah sich die Zentralbank dazu gezwungen, sie zu erhöhen. Denn die steigenden Defizite des Landes nährten das Misstrauen der Investoren, dies ließ die türkische Lira fallen, was die Importe verteuerte. Damit stieg die Inflationsrate auf zwölf Prozent, was die Türkei unattraktiver machte für das internationale Kapital, von dessen stetem Zufluss sie abhängt.

Coronakrise: Verschuldung von Entwicklungsländern bleibt begrenzt

Die ärmeren Länder sind also vielfach auf das Wohlwollen der Investoren angewiesen. Gleichzeitig haben sie kaum die Möglichkeit, die sinkende Nachfrage nach ihren Anleihen zu kompensieren, indem ihre Zentralbanken die Papiere aufkauft, also „Quantitative Easing“ (QE) betreibt. Denn diese den großen Industriestaaten zugestandene Form der Selbst-Finanzierung nährt im Falle der Schwellenländer das Misstrauen des Finanzmarkts in deren Währungen. Ergebnis: „QE findet in den Schwellenländern überraschend wenig statt“, so das internationale Bankeninstitut IIF. Grund dafür sei vermutlich die Furcht vor einem „Vertrauensverlust der Investoren“.

Die zusätzliche Verschuldung der Entwicklungs- und Schwellenländer bleibt also begrenzt. Während in den großen Industriestaaten die Schulden dieses Jahr um durchschnittlich 20 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen werden, beträgt dieser Wert im globalen Süden nur zehn Prozent. „Diese Zuwächse addieren sich allerdings zu den alten Schuldenständen, die bereits hoch waren“, mahnt der IWF. Gerade vielen armen Ländern drohe dies nun das Genick zu brechen. „Schon vor der Krise bestand in der Hälfte der Länder mit niedrigem Einkommen ein hohes Risiko einer Schuldenkrise, der Schuldenanstieg ist alarmierend.“ Eine solche Krise zu verhindern, mache den Unterschied zwischen einer verlorenen Dekade und einer schnellen Erholung.

IWF und Weltbank: Es braucht Erleichterung wie die Streckung oder den Erlass von Schulden

Die Forderung des Fonds vor der Herbsttagung von IWF und Weltbank in der kommenden Woche ist daher glasklar: Es braucht Erleichterungen wie die Streckung oder den Erlass von Schulden. Und zwar nicht mehr nur, wie bisher, von staatlicher Seite, sondern auch vom Privatsektor. Davon, so Georgieva, würden nicht nur die überschuldeten Staaten profitieren, sondern das System als Ganzes. Die Schuldenerleichterung aufzuschieben „macht die Situation nur noch schlimmer“, sprich: Die Gläubiger sollen auf die Einnahmen verzichten, die ohnehin uneinbringbar sind.

Der Währungsfonds und die G20-Gruppe haben bereits temporäre Erleichterungen beschlossen, zum Beispiel den Catastrophe Containment an Relief Trust oder die Debt Service Suspension Initiative, die allerdings Ende 2020 auslauen wird. Weitere Maßnahmen seien allerdings nötig, so Georgieva, um das Weltkreditsystem stabiler zu machen.

IWF: China als großer staatlicher Kreditgeber problematisch

Ein gravierendes Problem ist laut der IWF-Chefin, dass der größte Teil der staatlichen Kreditgeber mittlerweile aus Ländern bestehe, die nicht dem Pariser Club staatlicher Gläubiger angehören – allen voran dürfte es sich dabei um China handeln. Dies, so Georgieva, mache Schuldenrestrukturierungen im Rahmen des Pariser Clubs schwierig. Insgesamt, so mahnt der IWF, müssten die Schulden der Entwicklungsländer transparenter werden und die staatlichen Gläubiger müssten sich auf ein gemeinsames Vorgehen bei Schuldenrestrukturierungen einigen. „Die Alternative dazu wären Pleiten in großem Maßstab, die die Erholung auf Jahre hinaus verzögern würden.“ (Von Stephan Kaufmann)

Rubriklistenbild: © OZAN KOSE/AFP

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