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Ausverkauf in Italien: Experten fragen sich, wie lange die Italiener noch Herr im eigenen Haus sind.

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Italien im Ausverkauf

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Große italienische Unternehmen wie Alitalia und Telecom drohen, in ausländische Hände zu gehen. In Italien ist eine heftige Debatte entbrannt. Wer hat Schuld am Versagen der italienischen Industrie- und Wirtschaftspolitik?

Vom Ausverkauf Italiens ist die Rede, vom Scheitern der Italien GmbH und davon, dass die Italiener bald nicht mehr Herr im eigenen Haus seien. Eine hitzige und empörte Debatte wird in diesen Tagen zwischen Mailand und Sizilien geführt, ausgelöst dadurch, dass zwei ehemalige Staatsunternehmen in ausländische Hände gehen sollen: Die spanische Telefonica wird Mehrheitseigner des Telefonanbieters Telecom Italia und die Gruppe Air France/KLM will ihre Anteile an der kränkelnden Fluglinie Alitalia aufstocken und zum maßgeblichen Aktionär werden.

Für wenig Geld

Es ist kein neues Phänomen. Viele andere Firmen, etwa aus der Mode- und Nahrungsmittelbranche – den Aushängeschildern italienischer Lebensart – sind für wenig Geld verkauft worden und längst nicht mehr italienisch: Fendi wurde vom französischen Luxusgüterkonzern LVMH übernommen, Gucci vom ebenfalls französischen PPR, Bulgari gehört zu Louis Vuitton, Valentino dem Königshaus Katar. Den Lebensmittelhersteller Parmalat hat der französische Konzern Lactalis geschluckt, der Nudelproduzent Buitoni ist unter dem Dach der Schweizer Nestlé. Die Entwicklung wird allgemein als Folge des Versagens der italienischen Industriepolitik und der Wirtschaft gesehen. „Alle sind schuld“, schreibt die Tageszeitung „La Repubblica“, „die Industriellen, die Banker, die Politiker und die Gewerkschaften.“ Italienische Unternehmen seien billig zu kaufen, weil sie viel zu lange schlecht geführt wurden und weil sie in einer globalisierten Welt nicht konkurrenzfähig seien.

Am Dienstag war bekannt geworden, dass die spanische O2-Mutter Telefonica 440 Millionen Euro zahlen will, um ihren Anteil an der Telecom-Holding Telco auf 66 Prozent aufzustocken. Damit kontrolliert sie den italienischen Anbieter. Ab 2014 könnten die Spanier die Stimmrechte voll erwerben. Telefonica und Telecom Italia sind Erzrivalen auf dem wichtigen Markt in Südamerika, vor allem in Brasilien und Argentinien. Offenbar erwägen die Spanier unter anderem, den Brasilien-Zweig zu verkaufen, um Telecom Italia zu sanieren. Denn das 1997 privatisierte Unternehmen sitzt auf einem Schuldenberg, die TI-Aktie hat seit 2007 mehr als 70 Prozent verloren. Die italienischen Gewerkschaften fürchten, dass bis zu 16 000 Jobs gestrichen werden. Und der Parlamentsausschuss zur Kontrolle der Informationsdienste warnt, die nationale Sicherheit stehe auf den Spiel: „Durch das Telecom-Netz fließen die Daten aller Italiener.“

In der Vergangenheit hatte es mehrfach für „patriotisch“ erklärte Rettungsaktionen gegeben, um ausländische Übernahmen zu verhindern, die aber nur zu neuen Problemen führten. 2008 bewahrte ein italienisches Banken- und Unternehmerkonsortium, darunter die Familie Benetton, Alitalia vor der Insolvenz, es wurde versucht, sie teils mit Steuergeld zu sanieren. Profitabel wurde sie damit nicht, Alitalia braucht dringend eine Finanzspritze. Jetzt erwägt die Gruppe Air France/KLM, die bereits 25 Prozent hält, im Zuge einer Kapitalerhöhung auf 50 Prozent aufzustocken.

Letta wirbt um Investoren

Dem sozialdemokratischen Regierungschef Enrico Letta wird vom Berlusconi-Lager, aber auch aus der eigenen Partei vorgeworfen, nichts gegen die Übernahmen zu tun. „Man muss daran erinnern, dass Telecom eine Privatgesellschaft ist und wir uns in einem europäischen Markt befinden“, sagt Letta. Kapital habe eben keinen Reisepass. Letta hat erst vor einer Woche einen 50-Punkte-Plan mit dem Titel „Zielland Italien“ vorgestellt, mit dem er Investitionen nach Italien locken will. Unter anderem verspricht er, Bürokratie abzubauen und die organisierte Kriminalität stärker zu bekämpfen.

Wettbewerbsfähigkeit Laut einem am Mittwoch vorgestellten EU-Report erlebt Italien gerade eine „echte Deindustrialisierung“. Die Industrieproduktion ist seit 2007 um 20 Prozentpunkte geschrumpft. Und was Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit betrifft, ist es neben Finnland das einzige Land der Euro-Zone, das einen Rückgang verzeichnet. Inzwischen ist es auch von Spanien überholt worden, das in der Krise notwendige Reformen auf dem Arbeitsmarkt vorangetrieben hat.

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