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Aufgelöst: Polizisten führen einen Mann ab, der am vorigen Samstag an einer Demonstration gegen die Zustände auf der Flughafenbaustelle teilgenommen hatte.

Flughafenbau in der Türkei

Irrsinn von Istanbul

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Im Norden Istanbuls entsteht der größte Flughafen der Welt. Die gigantische Baustelle gilt als "Sklaven- und Todeslager", im ambitionierten Zeitplan sind Arbeitsschutz und Menschenwürde nicht vorgesehen.

Die größte Baustelle, die es in der Türkei je gab, gleicht seit Kurzem einem Arbeitslager in einem totalitären Staat. Auf dem gesamten Baugelände und in den Arbeiterquartieren sind Soldaten der Gendarmerie und Aufstandspolizisten mit Panzerfahrzeugen aufgezogen. Sie kontrollieren seitdem das Heer Tausender Beschäftigter auf dem neuen Istanbuler Flughafens nördlich der Metropole am Schwarzen Meer. Das ist die Reaktion des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf eine beispiellose Arbeiterrebellion bei seinem ambitioniertesten Prestigeprojekt.

Am Freitagnachmittag haben sich fast 3000 Arbeiter in gelben Regenmänteln vor der stählernen Umzäunung um die Flughafenbaustelle versammelt. Sie rufen „Bauarbeiter sind keine Sklaven“ und „Mörder IGA“. Ohne Vorwarnung feuern die Gendarmen Tränengas und Gummigeschosse in die Menge, während Wachmänner der Flughafenbaugesellschaft IGA versuchen, die Demonstranten am Filmen mit ihren Handys zu hindern.

Am Samstagmorgen um halb drei umstellen Hunderte Gendarmen das fünf Kilometer entfernte Camp der Bauarbeiter beim Dorf Akpinar, in dem 15.000 der insgesamt 36 000 Beschäftigten untergebracht sind. Sie brechen die Unterkünfte auf, nehmen 561 Männer fest. Dazu gehört auch der Generalsekretär der kleinen linken Bauarbeitergewerkschaft Insaat-Is, Yunus Özgür, der die Mega-Baustelle gegenüber regierungskritischen Medien als „Sklaven- und Todeslager“ mit lebensgefährlichen Zuständen bezeichnet hatte. 

Erdogans Flughafen fordert fast täglich Menschenleben

Der wilde Streik hatte begonnen, nachdem ein Servicebus, der Arbeiter vom Camp zur Baustelle transportierte, verunglückt war. 17 Beschäftigte wurden teils schwer verletzt. Bei einem ähnlichen Unglück starben vor zwei Wochen acht Arbeiter, wie Augenzeugen sagen. Am Sonnabend fielen zwei Männer von einem Baugerüst. Einer der beiden liegt auf der Intensivstation. Am Sonntag forderte ein umkippender Kran ein weiteres Todesopfer. Die regierungskritische Zeitung Evrensel zitierte einen Arbeiter mit den Worten: „Es gibt jeden Tag eine Beerdigung. Das wissen wir.“

Zu diesem Zeitpunkt schlossen sich immer mehr Arbeiter dem Streik an, während die Regierung in Ankara versuchte, die Berichterstattung darüber weitgehend zu unterbinden. Der mit diktatorischen Vollmachten regierende Staatschef Erdogan kann Streiks überhaupt nicht gebrauchen.

Denn der reguläre Flugbetrieb soll unbedingt zum 95. Geburtstag der Republik am 29. Oktober aufgenommen werden, wenn Erdogan den ersten Teil des Airports nach einer Rekordbauzeit von nur viereinhalb Jahren eröffnen will. Dann soll er den weiter südlich gelegenen Atatürk-Flughafen ersetzen, der zu klein geworden ist.

Mit einer Fläche von fast acht Quadratkilometern wird der neue, noch namenlose Airport drei Mal so groß sein wie der Frankfurter Flughafen. Mit anfangs 90 Millionen und später bis zu 200 Millionen Passagieren im Jahr soll er einmal das größte Luftdrehkreuz der Welt werden.

Ökologisch ist der Bau des Flughafens ein Desaster

Inmitten der eskalierenden türkischen Wirtschaftskrise soll die Eröffnung des Elf-Milliarden-Dollar-Projektes internationalen Investoren wieder Vertrauen einflößen. Deshalb will die Regierung den Termin einhalten, koste es, was es wolle. „Der Ort, an dem Träume wahr werden“, wirbt das Betreiberkonsortium in einem bombastischen Trailer.

Für diesen Traum sind viele Bauern und andere Landeigentümer in der bewaldeten ehemaligen Bergbauregion mitunter brutal zwangsenteignet worden. Eine Million Bäume wurden gefällt, Tausende Tonnen Erde und Beton herangekarrt. Ökologisch ist der Bau ein Desaster: Er wird nicht nur die Zufuhr frischer Luft nach Istanbul, sondern auch eine der wichtigsten Vogelzugrouten zwischen Europa und Asien versperren. 

Baustelle abgeschottet wie eine Festung

Auch für die meisten Arbeiter fühlt sich das Flughafenprojekt wie ein Alptraum an. Bereits im Februar berichtete die oppositionelle Zeitung „Cumhuriyet“ in einer Reportage, dass mindestens 400 Arbeiter seit Baubeginn gestorben seien. Beschäftigte würden im Schlamm begraben, unter Geröll verschüttet, fielen von Dächern und stürben in überfüllten Bussen. Die meisten Unfälle aber würden durch den unablässigen Strom von 1500 Lastwagen auf dem riesigen Gelände verursacht, die Bauschutt und Abraum transportieren, schrieb die Zeitung.

Denn je mehr Touren ein Fahrer absolviert, desto mehr verdient er. Das Grundgehalt liegt bei 2500 Lira im Monat, umgerechnet rund 340 Euro, dazu kommen Prämien. Ein 59-jähriger Lastwagenfahrer gab an, den Angehörigen toter Arbeiter werde ein Schweigegeld von 400.000 Lira, etwa 55.000 Euro, gezahlt, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gingen – viel Geld in der Türkei. Der Mann berichtete auch, dass er drei tödliche Unfälle mit eigenen Augen beobachtet habe. „Nichts davon stand in der Zeitung.“

„Sicherheitsvorschriften zählen nicht“

Tatsächlich dürfen Journalisten das Baugelände ebenso wenig betreten wie Gewerkschafter oder Parlamentarier. „Dieser Flughafen ist abgeschottet wie eine Festung“, sagt Gewerkschaftsadministrator Kadir Kurt, ein schlanker junger Mann mit langen schwarzen Haaren, im kleinen Büro der Bauarbeitervertretung Insaat-Is im Istanbuler Bezirk Maltepe auf der asiatischen Stadtseite.

Viele Beschäftigte kämen vom Land, würden nur kurz angelernt und seien in keiner Weise für die schwere Arbeit qualifiziert. Hinzu komme das berüchtigte Subunternehmersystem. „Es bedeutet, dass die Bosse die Arbeiter dazu pressen, immer schneller zu arbeiten, denn je früher sie fertig werden, desto höher sind die Profite. Sicherheitsvorschriften zählen nicht.“

Zwar wurde der „Cumhuriyet“-Bericht sofort durch einen Gerichtsbeschluss im Internet blockiert, doch ihm ist es zu verdanken, dass die Behörden die Todesfälle nicht mehr abstreiten können. Zwei Tage nach der Publizierung räumte das Arbeitsministerium die Unfälle erstmals ein, sprach aber von „nur“ 27 tödlich verunglückten Arbeitern.

400 getötete Arbeiter

„Die ganze Türkei weiß, dass diese Zahl viel zu niedrig ist“, sagt Kadir Kurt. Doch viele dieser „Arbeitsplatzmorde“ würden nirgends registriert. „Das betrifft vor allem ausländische Arbeiter aus Vietnam, Kambodscha, Georgien oder Aserbaidschan.“ Die Migranten würden sich auch davor hüten, den Mund aufzumachen. „Wer Kritik übt, dem wird mit Entlassung gedroht.“

Insaat-Is und zwei weitere Bauarbeitergewerkschaften haben die „Cumhuriyet“-Schätzung von 400 getöteten Arbeitern bestätigt. „Und inzwischen sind viele hinzugekommen“, sagt Kadir Kurt. Die unabhängige türkische Nachrichtenwebseite T-24 zitierte kürzlich einen Ingenieur, der zwei Jahre auf der Baustelle gearbeitet hat. „Die Zahl von 1000 Toten seit Baubeginn im Juni 2014 wäre eine optimistische Schätzung“, sagte er. „Aber fast alle Fälle hätten durch vernünftigen Arbeitsschutz vermieden werden können.“

Erdogan opfert die Sicherheit auf der Baustelle dem Zeitdruck

Zustände wie auf der Istanbuler Flughafenbaustelle seien wegen des strengen Arbeitsschutzes in Deutschland unvorstellbar, sagt dazu Dietmar Schäfers, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt in Frankfurt. „So viele Tote auf einer Großbaustelle sind bei uns völlig ausgeschlossen.“ Er könne die Zahl von 500 toten Arbeitern in Istanbul zwar nicht bestätigen, aber 27 Tote als „geringe Zahl“ zu bezeichnen, sei „einfach nur zynisch“. „Der internationale Verband der Bau- und Holzgewerkschaften erklärt, dass es dort weit mehr Tote gibt, als die türkische Regierung zugibt.“ 

Ohne eine gründliche Untersuchung bleiben alle Zahlen jedoch Schätzungen. Das passt ins Kalkül der Regierung, aber es schürt auch Misstrauen. Der Zeitdruck zur Einhaltung des Eröffnungstermins in sechs Wochen führt nun offenbar dazu, dass das Flughafenkonsortium noch mehr bei Sicherheit und Unterbringung spart. Inzwischen haben es einige Arbeiter gewagt, mit der oppositionellen Presse zu sprechen, und ihre Angaben stimmen überein. Sie sagen, ein Mix aus Schlamperei. Arbeitshetze und Korruption sei die Ursache der zahllosen Unglücke. 

So würden viel zu wenige, völlig überladene, schrottreife Busse viel zu schnell fahren, um Tausende Arbeiter zu transportieren. Niemand überwache das Gewicht der Laster oder die Sicherheit der Maschinen. Weil die Baufirmen vom Staat geschützt würden, drückten Polizisten beide Augen zu, selbst wenn Bremsen nicht funktionierten, Achsen gebrochen seien oder Fahrer keinen Führerschein hätten. Da viele Fahrer länger als die erlaubten acht Stunden arbeiteten, schliefen sie oft vor Erschöpfung am Steuer ein. Die Zeitung „Evrensel“ nannte die Straßen um den Flughafen deshalb „Todespisten“.

„Wir leben wie Sklaven“

Während Manager und westliche Ingenieure mit Hubschraubern einfliegen und in eigens errichteten Villen wohnen, werden die Arbeiter zu sechst in Vierbettzimmer oder Container gepfercht. Ihre Berichte gleichen sich: Zimmer und Toiletten seien verdreckt, das Essen ungenießbar, die Matratzen voller Wanzen und Flöhe. „Wir leben wie Sklaven“, sagen sie. Viele Arbeiter müssten wochenlang auf die Auszahlung der Löhne durch Subunternehmer warten. „Aber wenn sie sich beschweren, heißt es, andere würden auf den Job nur warten“, sagt Kadir Kurt.

Trotzdem gab es in den vergangenen Jahren mehrfach Proteste. Im Februar sperrten 1500 Beschäftigte eine Zufahrtsstraße, weil ihre Löhne monatelang nicht ausgezahlt wurden. Die Flughafenbetreiber riefen die Gendarmerie, versprachen dann aber, die Forderungen zu erfüllen. „Passiert ist nichts“, sagt Kurt.

Im Gegenteil, je näher der Eröffnungstermin rückte, desto mörderischer seien Arbeitstempo und Zeitdruck geworden. „Tag und Nacht wird gearbeitet, in Schichten, die zwölf, manchmal 16 Stunden dauern.“ Allerdings sei die Missachtung der Sicherheit und des Lebens von Arbeitern keine Besonderheit der Flughafenbaustelle. „Das gilt für alle Baustellen in der Türkei. Arbeitssicherheit wird als reine Formalie verstanden.“ Rund 1400 Menschen sterben pro Jahr in der Türkei während der Arbeit, mehr als in jedem anderen Land Europas. 

Wie so oft in der Türkei stehen auch auf dem Flughafengelände schwache Gewerkschaften einem Bündnis aus Regierung und Konzernen gegenüber. Das IGA-Konsortium aus fünf der islamischen Regierungspartei AKP nahestehenden Großunternehmen bezahlt dem Staat 22 Milliarden Euro für das Recht, den Flughafen bauen und 25 Jahre betreiben zu dürfen. „Vetternwirtschafts-Kapitalismus“ nennen die Gewerkschafter dieses Modell. 

Gewerkschafter inhaftiert

Kurz nach dem Bieterverfahren enthüllten Abgeordnete der größten Oppositionspartei CHP, dass die IGA-Gruppe bei der Ausschreibung massiv bevorteilt wurde. Allein 2,5 Milliarden Euro sparte sie, weil die Höhe des Flughafens über dem Meeresspiegel nach dem Bieterverfahren plötzlich statt auf 105 Meter auf 75 Meter festgelegt wurde.

Das Konsortium profitierte außerdem von einem regierungsgestützten Kreditarrangement, das die türkischen Steuerzahler noch teuer zu stehen kommen wird. Die Bauarbeiten werden noch bis weit ins nächste Jahrzehnt andauern, aber vielen Firmen geht jetzt bereits das Geld aus, weil sie ihre Dollarkredite nicht mehr bedienen können. 

Die Finanzkrise der Türkei ist so gravierend, dass Erdogan am Freitag zähneknirschend erklärte, alle neugeplanten öffentlichen Großbau-Investitionen würden vorerst eingefroren. Den Aufstand auf seiner Prestigebaustelle hält der Staatspräsident für eine Verschwörung des Auslands. Rund 400 Extremisten hätten die Arbeiter auf Befehl von EU-Staaten aufgehetzt, um den Erfolg des Flughafens zu sabotieren, schrieb sein Berater Ilnur Cevik in der Zeitung „Yeni Birlik“. Andere regierungsnahe Medien bezeichneten die Streikenden als „Terroristen“, die von „deutschen Agenten“ aufgestachelt würden.

Unterdessen hält die Unruhe an. Insaat-Is erklärte, die festgenommenen Kollegen seien mit Drohungen und Schlägen gezwungen worden, die „Streikanstifter“ aus den Gewerkschaften zu benennen. Zwar wurden die meisten Arbeiter inzwischen freigelassen, doch 24 Männer am Dienstag von einem Richter inhaftiert, darunter der Insaat-Is-Chef Yunus Özgür. Die Vorwürfe lauten unter anderem „Beschädigung öffentlichen Eigentums“ und „Aufstachelung zu Hass und Feindseligkeit“. 

Gewerkschaften fordern Auszahlung der Löhne

Die drei Gewerkschaften haben inzwischen eine gemeinsame Forderungsliste aufgestellt. Sie verlangen eine regelmäßige Reinigung der Unterkünfte, den Austausch der wanzenverseuchten Matratzen, bessere ärztliche Versorgung.

Vor allem aber fordern sie die Verbesserung der Arbeitssicherheit und die Auszahlung ausstehender Arbeits- und Überstundenlöhne. Die größte Oppositionspartei CHP verlangt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um die „ungesetzliche Praktiken“ und „die wahre Zahl der Todesfälle“ auf der Großbaustelle zu ermitteln. 

Zwar traf sich die Leitung des Flughafenbetreibers IGA am Samstag mit Gewerkschaftsvertretern, um deren Beschwerden anzuhören. Dabei habe es mündliche Versprechen gegeben, die Zustände zu verbessern, sagt Gewerkschafter Kurt, aber keine schriftlichen Zusagen. „Die Arbeiter gehen jetzt widerwillig wieder zur Arbeit. Aber sie können jederzeit wieder demonstrieren, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.“

Eröffnung des Flughafens verschoben

Am Sonntag schwenkte das IGA-Konsortium auf eine harte Linie um. Die streikenden Arbeiter seien „Provokateure, Verräter und Terroristen“, erklärten ihre Subunternehmer und brachten Hunderte neu angeworbene Arbeiter aus fernen Landesteilen auf die Baustelle. Auch Verkehrsminister Ahmet Arslan wies die Vorwürfe bei einem Baustellenbesuch zurück. Alle Arbeiter erhielten ein ausreichendes Sicherheitstraining, zudem seien Hunderte Kontrolleure im Einsatz, behauptete er. 

Trotz der Arbeitshetze zeichnet sich ab, dass der dritte Flughafen Istanbuls den Betrieb Ende Oktober wohl nicht aufnehmen kann, selbst wenn Erdogan ihn dann offiziell eröffnen sollte. Schon die erste Landung eines Flugzeugs mit dem Präsidenten an Bord musste von Februar auf Juni verschoben werden. Am Dienstag sickerte durch, dass überdies bis weit ins nächste Jahr Tickets für den Atatürk-Airport verkauft werden, selbst von der halbstaatlichen Fluglinie Turkish Airlines.

Die Gewerkschaft Insaat-Is publizierte am Dienstag auf ihrer Webseite die Meinung eines Flughafenarbeiters über das Megabauprojekt: „Es ist, als ob wir eine Pyramide für den Pharao bauen. Niemanden interessiert, wer sein Leben beim Bau dieser Pyramide verliert.“

Mitarbeit: Hakan Eser

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