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Wahnsinn: Der amerikanische Leitindex Dow Jones stieg am Freitag erstmals über die Marke von 29 000 Punkten.

Börse

Iran-Krise lässt Märkte kalt

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Weder Aktien- noch Rohstoffanleger lassen sich beunruhigen. Die Stimmung an den Börsen bleibt tendenziell positiv.

Die Finanzmärkte sind vom Konflikt zwischen den USA und Iran bisher wenig beeindruckt. Nur für Stunden reagierten sie in der vergangenen Woche so, wie man es angesichts der Spannungen erwartet hätte: Aktienkurse fielen, Öl- und Goldpreise stiegen, Staatsanleihen wurden gekauft. Als sich die Kontrahenten um Mäßigung bemühten, waren die Anleger sofort wieder da, der Ölpreis fiel unter das Vorkrisenniveau. Der US-Aktienindex Dow Jones startet auf Rekordniveau in die neue Woche, der Dax ist nicht weit davon entfernt. Nur der konstant hohe Goldpreis zeugt vom Sicherheitsbedürfnis der Anleger.

„Turbulent, aber erfolgreich“, beschreibt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, den Jahresbeginn. „Die Kapitalmärkte tun so, als sei nichts gewesen“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment. Das Vertrauen in die Kraft der Volkswirtschaften sei offenbar groß. Dabei stand das vergangene Jahr noch ganz im Zeichen konjunktureller Sorgen. Die deutsche Wirtschaft wuchs nur noch wenig. Schwächen der US-Wirtschaft werden ebenfalls befürchtet, doch sie zeigt sich ein ums andere Mal stabiler als erwartet.

Auch an externen Risiken fehlt es nicht. Der Handelsstreit der USA mit China bremst seit Monaten die Wirtschaft im einstigen Boomland China und die Risikobereitschaft der Unternehmen. Im Handelskonflikt zwischen den USA und der EU herrscht nur oberflächlich Ruhe. Mit dem Brexit in gut zwei Wochen beginnt zudem das Ringen um ein Freihandelsabkommen zwischen den Briten und der EU. Und die US-Wahl im Herbst verheißt der Wirtschaft vor allem eins: Unsicherheit. „Das Jahr 2020 verspricht, ein hochpolitisches zu werden“, sagt Hans-Jörg Naumer, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors.

An der Börse gewinnen seit Wochen die Optimisten

Doch an der Börse gewinnen seit Wochen die Optimisten. Die größten Konjunktursorgen ließen vor gut einem Jahr und dann noch einmal im Sommer 2019 die Kurse fallen. Aber das Schlimmste blieb aus, und sie erholten sich wieder – nicht zuletzt, weil die Notenbanken signalisierten, dass sie bei einem Abschwung gegensteuern würden. Die Notenbanken, darauf verlassen sich Anleger inzwischen fast blind, werden das Schlimmste schon verhindern.

Ein Brexit in geregelten Bahnen und Fortschritte im Handelsstreit beruhigten die Gemüter so weit, dass es sogar für eine Kursrallye am Jahresende reichte. Rund 25 Prozent über dem – allerdings schwachen – Jahreswechsel 2018/19 beendete der Dax das vergangene Jahr. Der amerikanische Dow-Jones-Index reihte Rekord an Rekord.

Die Experten tun sich zunehmend schwer mit der Frage, ob dieses Kursniveau zur unruhigen Weltlage passt. Einerseits fallen die Konjunkturprognosen inzwischen wieder etwas optimistischer aus, und wenn am Mittwoch US-Präsident Trump und der chinesische Vizepremier Liu He ein erstes Teilabkommen im Handelsstreit unterzeichnen, kann das eine Art Befreiungsschlag sein. Andererseits häufen sich die Risiken wie selten.

Union-Experte Zeuner sieht keinen Grund zur Entwarnung: Durch den Konflikt zwischen den USA und dem Iran „werden die geopolitischen Risiken um ein weiteres ergänzt“. Andererseits spiele der Iran weltökonomisch keine große Rolle, und der Ölpreis reagiere aus verschiedenen Gründen nicht mehr so sensibel wie früher. Zeuners vorsichtige Schlussfolgerung: „Die Ruhe an den Kapitalmärkten entbehrt nicht einer gewissen ökonomischen Grundlage.“

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