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Um mit dem sozialen Druck umzugehen, legen sich immer mehr Menschen unters Messer. Die Entwicklung eines positiven Körperbildes bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Genitalchirugie

Intime Schönheitsideale

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Eingriffe im Genitalbereich nehmen zu . Zwar gehört es zum Recht eines jeden, über seinen Körper zu entscheiden. Dies bedeutet aber nicht blind an den Markt zu glauben. Die Gastwirtschaft.

Vaginalstraffung, Schamlippenverkleinerung oder Penisvergrößerung: Über die letzten Jahre ist das Interesse an kosmetischer Intimchirurgie eindeutig gestiegen. 2015 wurden laut der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen in Deutschland beispielsweise 4000 Schamlippenkorrekturen vorgenommen. Vor allem das Schönheitsideal für Schamlippen ist zuletzt durch die Popularität der Intimhaarrasur präsenter geworden. Diese Tendenz erklärt sicherlich einen Teil der Nachfrage nach chirurgischen Eingriffen. Allerdings ist die Botschaft vieler Anbieter in diesem Bereich, auch an diejenigen, die sich eine solche Operation niemals leisten könnten, eindeutig: Es gibt ein Schönheitsideal für Genitalien, das mithilfe einer Operation erreicht werden kann. Das reproduziert und verstärkt die Verbindung von Genitalien mit Geschlechtsidentität und legt zusätzlich für diese Genitalien ganz spezifische Maßstäbe fest.

Modifizierungen des Körpers, sei es durch Schminke, Haarentfernung oder Operationen, gehören zum Recht eines Menschen, über seinen Körper zu entscheiden. Dies bedeutet aber nicht einen blinden Glauben an den Markt, der diese Produkte und Dienstleistungen anbietet. Denn der ist niemals objektiv und wertfrei, sondern immer in Normbildungs- und Marginalisierungsprozesse gesellschaftlicher Strukturen eingebettet. Er bietet nicht bloß nachgefragte Produkte an, sondern formt diese Nachfrage mit. Das bedeutet unter anderem, dass er sich Stereotypen bedient und aus dem Bedürfnis dazuzugehören Kapital schlägt. Das Problem ist dabei nicht die bloße Existenz eines Angebots, sondern dessen Vermarktung und die daraus folgende Reproduktion und Verbreitung gewisser Ideale. Dabei bleibt der Kauf einer Leistung, eines Produkts oder eines Eingriffs oft als einzige Lösung übrig, um mit sozialem Druck umzugehen. Natürlich ist es essenziell, dass es möglich und akzeptiert ist, diese Lösung zu wählen. Konstantes Unwohlsein mit dem eigenen Körper ist niemandem zuzumuten. Doch die Entwicklung eines vielfältigen Körper- und Geschlechterbilds und die Förderung von Körperpositivität und Emanzipation wird stets eine gesamtgesellschaftliche, politische Aufgabe bleiben. Der Markt kann höchstens punktuell Trost bieten.

Die Autorin ist Mitglied des Kollektivs für Gesellschaft und Ökonomie. Es kritisiert und politisiert Ökonomisches aus feministischer Perspektive.

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