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Prachtvoller Bau: Die Filiale der Deutschen Bank am Rossmarkt in Frankfurt.

Deutsche Bank

Interview zum 150. Jubiläum der Deutschen Bank mit Historiker Alexander Nützenadel

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Die Deutsche Bank wird 150 Jahre alt. Historiker Alexander Nützenadel im Interview über prägende Vorstandschefs, politische Verbindungen und die besten und schlechtesten Jahre der Bank.

Frankfurt - Vor 150 Jahren, am 10. März 1870, erteilte die preußische Regierung der Deutschen Bank die Erlaubnis, Bankgeschäfte zu betreiben. Feiern wollte das Geldhaus seinen Geburtstag eigentlich am 21. März mit etwa 1000 geladenen Gästen in Berlin. Doch wegen des Coronavirus sagte die Bank diese Veranstaltung am Montag ab.

Alexander Nützenadel, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, hat mit weiteren Historikern ein neues Buch mit dem Titel „Deutsche Bank: Die globale Hausbank 1870-2020“ über die Geschichte von Deutschlands größtem Geldinstitut geschrieben. Im Gespräch mit der FR erklärt er, warum er trotz aller aktuellen Probleme an die Wandelbarkeit und Zukunft der Deutschen Bank glaubt.

Herr Nützenadel, die Deutsche Bank hat viele Hochs und Tiefs erlebt. Seit einigen Jahren befindet sie sich in einer tiefen Krise, was ihre Reputation, aber auch ihre Ergebnisse angeht. Würden Sie die Geschichte der Bank insgesamt dennoch als eine Erfolgsgeschichte bezeichnen?

Die Frage ist, wie man Erfolg bemisst. An einem hohen oder wachsenden Marktanteil? An betrieblichen Daten wie Umsatz oder Gewinn? Oder daran, wie ein Unternehmen in seiner Geschichte auf Krisen und exogene Schocks reagiert hat? Letzteres ist für Wirtschaftshistoriker besonders interessant. Dass die Deutsche Bank so lange überlebt hat, spricht per se dafür, dass sie immer wieder in der Lage war, sich neu zu erfinden und gegenüber der Konkurrenz zu behaupten. Von daher: Ja, es ist eine Erfolgsgeschichte.

In welchen schwierigen Situationen hat die Bank Durchhaltevermögen bewiesen?

Vor dem ersten Weltkrieg ging es der Deutschen Bank sehr gut. Sie expandierte rasch und etablierte sich als führende deutsche Bank im internationalen Finanzgeschäft. Aber nach dem Kriegsausbruch 1914 funktionierte dieses Geschäftsmodell nicht mehr, da der internationale Markt wegbrach. 

Geschichte der Deutschen Bank: Wichtige Fusion in den 1920er Jahren

Die Bank hat daraufhin ihre Strategie geändert und sich stärker auf den heimischen Markt konzentriert; sie baute ihr Filialnetz aus und warb um Kleinkunden, die sie vorher den Sparkassen überlassen hatte. Das war ausgesprochen klug. Auch durch die Weltwirtschaftskrise kam die Bank besser hindurch als die Konkurrenz. 

Durch die Fusion mit der Disconto-Gesellschaft 1929 stärkte sie ihre Marktposition und musste – anders als andere Banken damals – keine nennenswerte Staatshilfen in Anspruch nehmen. Dies erwies sich gerade nach 1933 als Vorteil, weil die Bank eine größere Autonomie gegenüber dem NS-Regime bewahren konnte. In geschäftlicher Hinsicht hat sie sich im „Dritten Reich“ dann sehr gut entwickelt und vor allem von der NS-Expansion während des Zweiten Weltkriegs profitiert. Ihre internationale Erfahrung kam nun wieder zum Tragen, bei vielen Arisierungen und Finanztransaktionen in den besetzten Gebieten spielte sie eine zentrale Rolle.

Deutsche Bank: Kollaboration mit NS-Regime als dunkles Kapitel der Geschichte 

Diese Kollaboration mit dem NS-Staat gehört zu den dunklen Kapiteln. Dennoch hat die Bank – anders als oft angenommen – den deutschen Bankenmarkt keineswegs allein dominiert, sondern musste sich stets in einem scharfen Wettbewerb behaupten. In historischer Perspektive kann man feststellen, dass die Geschäftsmethoden immer dann besonders aggressiv wurden, wenn der Konkurrenzdruck zunahm.

Wann erlebte die Bank ihre besten Zeiten – was ihre Reputation und ihre Machtstellung anging?

Sicherlich waren die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg sowie die Ära des Wirtschaftswunders nach 1945 die besten Jahre. Es gab wenig Skandale, die Bank verfügte über eine hohe Reputation und ausgezeichnete Verbindungen in die Politik. Die Bank verkörperte wie keine andere die Deutschland AG. Sie war durch Beteiligungen und Aufsichtsratsmandate eng mit der Industrie verflochten, das haben andere Institute nicht in gleichem Maße geschafft. Dieser Vorteil ging aber mit dem Strukturwandel der 1970er Jahre allmählich verloren.

Geschichte der Deutschen Bank: Strukturwandel in den 70er Jahren

Während viele Großunternehmen in eine Krise gerieten, gewann der Mittelstand an Bedeutung – hier war die Bank nicht so gut verankert. Außerdem gingen die Zins- und Provisionseinnahmen der Bank seit den 1970er Jahren zurück. Dies fiel zunächst nicht auf, weil sie hohe Dividendenausschüttungen von den Unternehmen bekam, an denen sie beteiligt war. 

Alexander Nützenadel ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität.

Die insgesamt gute Ertragslage hat die Defizite im Kerngeschäft der Bank lange kaschiert und dazu beigetragen, dass Reformen unterblieben. Die Deutsche Bank litt in den 1980er Jahren unter einer Verkrustung ihrer Organisations- und Personalstruktur. Gleichzeitig nahm die Konkurrenz stark zu, da alle Institute die gleichen Geschäftsfelder bespielten. Auch für die Deutsche Bank gab es keine Überlebensgarantie, sie praktizierte daher zunehmend riskante Geschäfte.

Geschichte der Deutschen Bank: Rolle in der Politik

Sie sprachen vorhin darüber, dass die Bank politisch Einfluss nehmen konnte. Woher kommt diese Nähe zwischen der Politik und der Deutschen Bank?

DieNähe zur Politik spielte in der Anfangszeit keine große Rolle, sondern hat sich erst im Laufe der Zeit ergeben. Der Erste Weltkrieg war eine wichtige Zäsur. Die Politik brauchte die Banken damals für die Kriegsfinanzierung, später dann für die Klärung der Reparationsfragen. In den 1920ern benötigten Kommunen internationale Kredite, da halfen auch die Banken. Sie brachten ihre Expertise in die internationale Finanzdiplomatie ein – sie waren nicht nur Finanziers, sondern auch Berater der Politik

Die Deutsche Bank spielte hier immer wieder eine herausragende Rolle. Es war der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, der das Londoner Schuldenabkommen von 1953 für Deutschland verhandelte. Alle Chefs der Deutschen Bank nach dem Zweiten Weltkrieg gingen im Bundeskanzleramt ein und aus. Der Bruch kam erst mit Josef Ackermann, obgleich auch er ja noch gute Kontakte in die Politik hatte. Aber es wurde weniger.

Die wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Deutschen Bank

Wer, würden Sie sagen, waren die besonders prägenden Chefs der Deutschen Bank?

Der allererste Sprecher, Georg von Siemens, führte die Bank 30 Jahre lang und baute sie zu einem großen Geldhaus auf. Arthur von Gwinner, der das Institut durch den Ersten Weltkrieg steuerte, war ebenfalls eine wichtige Persönlichkeit. Oscar Wassermann begleitete 1929 die Fusion mit der Disconto-Gesellschaft – die meines Erachtens wichtigste Fusion in der Geschichte der Deutschen Bank – und brachte das Institut durch die Weltwirtschaftskrise. Er wurde 1933 von der Bank wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen. 

Und natürlich Hermann Josef Abs, der in den Aufsichtsräten unzähliger Unternehmen saß und enge Kontakte in die Politik hatte. Alfred Herrhausen war sicherlich auch noch ein herausragender Charakter, der gegen viele Widerstände begann, verkrustete Strukturen in der Bank aufzubrechen und versuchte, die Bank wieder stärker auf Profitabilität zu trimmen. Viele seiner Reformideen wurden dann allerdings erst durch seinen Nachfolger Hilmar Kopper realisiert. Insgesamt hat sich die Bank in ihrer Geschichte durch eine hohe personelle Kontinuität ihres Vorstandes ausgezeichnet.

Inwiefern?

Die Vorstände waren überwiegend sehr lange im Amt. Und sie waren meistens Hausgewächse. Es wurden nur wenige Manager von außen geholt, man machte die Ausbildung bei der Deutschen Bank und stieg dann auch dort auf. Die Bank plante immer lange im Voraus, wen sie intern in Richtung Vorstand fördern wollte, das war Teil ihres Erfolgs. Allerdings berief man gerade in Umbruchsphasen auch externe Führungspersonen: Dies galt für Abs und Herrhausen, aber auch für Josef Ackermann. Interessanterweise waren die Sprecher nie allmächtig – sie repräsentierten die Bank nach außen, nach innen war der Vorstand eher kollegial aufgebaut.

Deutsche Bank: Mehrere strategische Neuausrichtungen in der Geschichte der Bank

Können Sie Brüche in der Geschichte der Bank ausmachen?

Politische Zäsuren wie 1918, 1933, 1945 und 1990 stellten die Deutsche Bank stets vor große Herausforderungen. Noch wichtiger waren allerdings die Umbrüche im Geschäftsmodell. Die Bank war anfangs eine Großbank, die vor allem im Bereich der Industrie- und Handelsfinanzierung aktiv war. Vor dem ersten Weltkrieg fing sie dann langsam an, im Deutschen Reich in die Fläche zu gehen und Filialen aufzumachen, nach dem Krieg beschleunigte sie diese Neuausrichtung. 

Durch zahlreiche Fusionen stärkte sie ihre Marktposition. In den 1980ern wollte die Bank dann plötzlich alles machen: Retailbanking, Baufinanzierung, Versicherungsgeschäft, Unternehmensberatung – das war die Zeit des Allfinanzkonzepts. Und dann kam natürlich der große Umbruch in den neunziger Jahren, den die Bank bis heute nicht verdaut hat: Die Ausrichtung aufs Investmentbanking. Jetzt sind wir wieder in einer Umbruchphase, in der die Bank sich neu aufstellt.

Geschichte der Deutschen Bank: Aufarbeitung der Rolle im Nationalsozialismus

Hat sie ihre Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus ordentlich aufgearbeitet?

Wie die meisten Unternehmen viel zu spät. In der Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag der Deutschen Bank wurde die NS-Zeit in ein paar Nebensätzen abgehandelt und die Bank eher als Opfer denn als Mittäter dargestellt. Erst in den 1980er Jahren vollzog man eine Kehrtwende. 

Dies war auch geschäftlich notwendig, um das internationale Renommee zu wahren. Tatsächlich hat die Bank ihre NS-Geschichte dann umfassend aufgearbeitet – früher als die meisten anderen Unternehmen. Heute verfügt die Bank über ein historisches Archiv, das weltweit einzigartig ist.

Woher kommt es, dass die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an die Deutsche Bank besonders hoch zu sein scheint?

Das liegt sicherlich auch am eigenen Anspruch, das führende Finanzinstitut in Deutschland zu sein. Und der Name Deutsche Bank ist Fluch und Segen zugleich. Die herausragende Position hat zur Folge, dass die Bank in schwierigen Zeiten stets besonders in der Kritik stand. 

Geschichte der Deutschen Bank: Besondere Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit

Lange Zeit galt die Deutsche Bank als Symbol der Bankenmacht. Heute steht sie stellvertretend für alle Missstände des Finanzsektors. Im Ausland führte der Name in der Anfangszeit übrigens zu Verwirrung, die Bank wurde bisweilen für ein Staatsinstitut gehalten.

Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel: Eine Prognose für das Jahr 2120 oder noch später möchte ich Ihnen nicht zumuten. Aber vielleicht schätzen Sie, ob es die Deutsche Bank in 50 Jahren noch geben wird?

Ich glaube ja, aber sie wird sich komplett verändern. Sie wird, denke ich, nur Bestand haben, wenn sie sich mit anderen Banken zusammenschließt. Das müssen nicht zwangsläufig Fusionen sein, es könnte sich auch um andere Formen der Kooperation handeln – gerade im internationalen Geschäft. Ein bloßer Rückzug auf den deutschen Markt wird nicht funktionieren. Der Name Deutsche Bank wird aber bestimmt überleben, da er als Marke einen hohen Wert besitzt.

Interview: Nina Luttmer

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