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Bessere Versorgung durch weniger Kliniken? Eine Bertelsmann-Studie bestärkt diese These.

Interview zu Bertelsmann-Studie

„Allein Krankenhäuser schließen hilft nicht“

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Gesundheitsexperte Boris Augurzky über den radikalen Vorschlag, rund 800 Kliniken in Deutschland dicht zu machen, und die Spezialisierung in der Medizin.

Es ist ein radikaler Vorschlag, der massiv kritisiert wird: Gesundheitsexperten schlagen vor, mehr als jedes zweite deutsche Plankrankenhaus zu schließen. Es soll weniger, dafür größere Klinik-Standorte geben, die eine bessere Behandlungsqualität anbieten können, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Lobbyverein der Krankenhäuser, spricht von „Zerstörung“. Im FR-Interview verteidigt einer der beteiligten Wissenschaftler, der Krankenhausexperte Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, den Vorschlag. Augurzky ist im Gesundheitssektor als Autor des Krankenhaus Rating Reports und damit als besonders intimer Kenner des Klinikwesens bekannt.

Herr Augurzky, eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die Schließung eines großen Teils der deutschen Krankenhäuser vorschlägt, erhitzt die Gemüter. Sie wurden für die Studie als Experte konsultiert. Hat Sie die vehemente Kritik an der Untersuchung überrascht?
Nein. Überhaupt nicht. Immerhin würde es bei konsequenter Umsetzung um die Schließung von 800 Krankenhäusern gehen, das heißt mehr als jedes zweite Haus.

Eine häufige Kritik war, dass die Menschen auf dem Land vernachlässigt würden. Ist dem so?
Man hat bei der Simulationsstudie schon geschaut, dass es für die Bevölkerung auf dem Land ein Krankenhaus in erreichbarer Nähe gibt. Allerdings könnten solche Krankenhäuser in manchen Fällen zu klein ausfallen, um die gesamte Grundversorgung mit hoher Qualität anbieten zu können. Deshalb müssen für die ländliche Versorgung auch das Rettungswesen, die ambulante Versorgung und technologische Innovationen unbedingt mit in die Betrachtung einfließen. Mindestens für die ländliche Versorgung brauchen wir eine sogenannte sektorenübergreifende Versorgung – idealerweise aber auch für die Ballungsgebiete.

Was spricht für die Krankenhaus-Schließungen?
Viele Faktoren sprechen für eine Zentralisierung der Krankenhausversorgung in der Zukunft. Im Laufe der kommenden 20er Jahre werden allmählich die finanziellen Ressourcen zur Finanzierung unserer recht dezentralen Krankenhausstruktur knapp werden, weil wir schrittweise die großen Kohorten der Babyboomer als potente Beitragszahler für die Sozialversicherungen verlieren …

… wobei das keine Rolle spielt, solange die Wirtschaft weiter wächst. Theoretisch wäre dann weiterhin Geld für die Sozialsysteme vorhanden. Man müsste aber das Finanzierungssystem anpassen. Welche Faktoren gibt es noch?
Noch gravierender wird sich die Knappheit an Nachwuchskräften auswirken, weil immer weniger in den Arbeitsmarkt eintreten, während gleichzeitig immer mehr Menschen als Rentner den Arbeitsmarkt verlassen. Den Nachwuchs, und zwar vor allem den ärztlichen, zieht es außerdem stärker in die Zentren. Hinzu kommen Entwicklungen in der Medizin, besonders ihre zunehmende Spezialisierung und Ambulantisierung. Je stärker sich die Medizin spezialisiert, desto mehr lässt sie sich vollumfänglich nur noch in größeren Zentren abdecken. Und je mehr ambulant erbracht werden kann, desto weniger stationäre Kapazitäten brauchen wir. Darüber hinaus schaffen es meist nur größere Einrichtungen, die anstehende Digitalisierung der Medizin eigenständig voranzutreiben.

Boris Augurzky ist einer der renommiertesten deutschen Krankenhausexperten. Der Volkswirt und Mathematiker ist Professor an der Uni Duisburg-Essen und leitet am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung den Kompetenzbereich Gesundheit. Augurzky ist Verfasser des jährlich erscheinenden Krankenhaus Rating Reports. 

Die Zahl der Krankenhäuser schrumpft ohnehin seit Jahren. Warum sollte die Politik in diesen Konzentrationsprozess steuernd eingreifen?
Tatsächlich läuft der Prozess bereits. In den vergangenen Jahren bildeten Krankenhäuser größere Verbünde, regional und überregional. Innerhalb solcher Verbünde ist es auch möglich, Kapazitäten zu bündeln, wirtschaftlicher zu arbeiten und die Medizin voranzubringen. Einige solche Vorhaben befinden sich derzeit in der Umsetzung. Der Strukturfonds unterstützt diese Entwicklung mit Investitionsmitteln. Denn darum geht es vor allem auch. Allein Krankenhäuser schließen hilft nicht. Die Kapazitäten müssen an anderer Stelle zumindest teilweise neu aufgebaut werden. Zentralkliniken müssen dafür völlig neu gebaut oder bestehende Kliniken deutlich erweitert werden. Dies verschlingt eine Menge Investitionsmittel. Allein Dänemark veranschlagt für den Umbau seiner Krankenhauslandschaft in Richtung Zentralisierung mindestens sechs Milliarden Euro. Bezogen auf die deutsche Bevölkerungszahl wären dies mindestens 80 Milliarden Euro.

Wie geht man bei der Zentralisierung am besten vor?
Um Zentralisierung zu erreichen, braucht es im Vorfeld eine Verbundbildung. Nur ein Verbund wird von sich aus Kapazitäten bündeln. Trägerübergreifend ist dies meist nicht möglich, weil kein Träger bereit dazu ist, Marktanteile an einen anderen abzugeben. Wenn sich zwei Träger einig sind, einen Verbund zu bilden, kann das Vorhaben aber immer noch am Kartellrecht scheitern – so geschehen neulich in Köln. Zwei kirchliche Träger wollten zusammengehen. Sie hätten dann aber nach Ansicht des Kartellamts in ihrem lokalen Markt eine marktbeherrschende Stellung erreicht, weshalb der Zusammenschluss untersagt wurde. Offenbar drohen schon im Status quo monopolähnliche Zustände im Ballungsraum Köln. Das heißt, dass einer Zentralisierung der Krankenhausstrukturen zunächst eine Veränderung der Art der Fusionskontrolle vorausgehen muss.

Ist der Bau großer Kliniken überhaupt machbar? In den Städten fehlt es an Bauflächen, es gibt ja schon zu wenig Mietshäuser.
Dies dürfte eine nicht zu unterschätzende Anforderung sein. Daran kann in einer Großstadt das Zusammenziehen von mehreren kleineren Standorten zu einem neuen großen Zentralklinikum scheitern, keine Frage. Die Politik muss für ausreichend große Bauflächen sorgen.

Die Studie macht klar: Krankenhäuser mit 100 Betten sind zu klein, um den medizinischen Anforderungen gerecht zu werden. Aber wie groß sollten die Häuser denn idealerweise sein?
Ab einer gewissen Krankenhausgröße können Komplexitätskosten entstehen. Eine eindeutige, empirisch gesicherte Antwort auf Ihre Frage gibt es nicht. Aber mir scheint, dass mehr als 1000 Betten an einem Standort schwierig zu managen sein dürften.

Interview: Daniel Baumann

Mehr Qualität

Durch eine Konzentration auf große Kliniken könnte laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung die medizinische Versorgung verbessert werden. Die am Montag in Gütersloh veröffentlichte Untersuchung empfiehlt dafür eine drastische Verringerung von aktuell 1 400 Krankenhäusern auf 600. Politiker, Klinikverbände, Ärzte und die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierten den Vorschlag als „Kahlschlag“ zulasten der Patienten.

Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf weniger, dafür aber besser ausgestattete Kliniken vermeiden, heißt es in der von zehn Gesundheitsexperten erstellten Studie. Viele Krankenhäuser seien zu klein und hätten nicht die nötige Ausstattung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt angemessen zu behandeln.

Der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach sagt der „Passauer Neuen Presse“, tatsächlich sei es so, dass mit weniger Kliniken die Qualität wahrscheinlich steigen würde, „wenn die richtigen Krankenhäuser geschlossen, fusioniert oder in ambulante Einrichtungen umgewandelt würden“. Der Gesundheitsexperte warnte aber, es dürften nicht die falschen Krankenhäuser geschlossen werden. „Klar ist: Es darf keine Gewinnmaximierung durch Krankenhausschließungen geben.“ Dringend notwendig sei die Förderung von Kliniken in dünn besiedelten Regionen.

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