+
„ Apple bietet den Computer, das Mobiltelefon und zugleich die Plattform. Apple regelt damit den Zugang und den Verkauf. Eine schöne, neue geschlossene Welt“, sagt Philipp Staab.

Neue Wirtschaftsordnung

„Die Internet-Konzerne nehmen die Märkte in Besitz“

  • schließen

Der deutsche Soziologe Philipp Staab über digitalen Kapitalismus und die Machtvon Amazon, Apple, Facebook und Co.

Die Universitätsstrasse liegt gleich hinter dem Berliner S-Bahnhof Friedrichstraße. Das Büro von Philipp Staab liegt auf einem Flur mit den Arbeitsräumen des Politologen Herfried Münkler („Imperien“) und des Soziologen Steffen Mau („Lütten Klein“). Demnächst stößt in den Denkerflur der Humboldt-Universität auch noch Andreas Reckwitz („Gesellschaft der Singuläritäten“). Ein wahrer Kreis von wissenschaftlichen Bestsellerautoren.

Herr Professor Staab, Sie beschreiben in Ihrem Buch eine neue Wirtschaftsordnung des digitalen Kapitalismus, was verstehen Sie darunter?

Digitaler Kapitalismus beschreibt etwas anderes als Digitalisierung. Bei Letzterem geht es um verschiedene Phänomene von der Waschmaschine mit Internetanschluss über Leichtbauroboter bis hin zu selbstfahrenden Autos. Das sind primär technologische Entwicklungen. Anders ist das, wenn wir das Epizentrum des Gegenwartskapitalismus in seinen Strukturen betrachten: das kommerzielle Internet. Dann lässt sich als Strukturmerkmal ein Markt beschreiben, der vollständig vermachtet ist durch eine kleine Zahl kommerzieller Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft. Diese großen Konzerne stellen für sich genommen so etwas dar wie privatisierte Märkte.

Der Markt als Ort des Kräftespiels von Angebot und Nachfrage im klassischen Kapitalismus wird von Privaten ausgehebelt. Welche Konsequenzen hat diese Enteignung des Marktes?

Der Neoliberalismus, so meine zentrale These, zeichnete sich in den vergangenen vier Jahrzehnten durch die Eroberung immer neuer Felder durch den Markt aus. Im digitalen Kapitalismus vollzieht sich nun die Eroberung des Marktes durch wenige Unternehmen. Die großen Internetkonzerne sind zunehmend marktgleich geworden. So kontrolliert Amazon auf seiner Seite Dritthändler, Google und Apple regeln den Zugang von App-Anbietern. Diese Kontrolle auf der Angebotsseite der Unternehmen wird vervollständigt durch eine Lock-In-Strategie auf der Nachfrageseite, bei den Konsumenten. Apple bietet den Computer, das Mobiltelefon und zugleich die Plattform. Apple regelt damit den Zugang und den Verkauf. Eine schöne, neue geschlossene Welt.

In der allein der Internetkonzern den Marktzugang regelt. Welche Folgen hat das?

Die großen Internetunternehmen befinden darüber, ob etwa ein App-Anbieter auf den Philippinen Zugang zum Markt hat oder nicht. Es profitiert vor allem das große Unternehmen. Als Faustregel des kommerziellen Internets gilt: Dreißig Prozent der Umsätze bleiben bei den marktbeherrschenden Unternehmen hängen. Das ist eine Welt, in der sie dreißig Prozent weniger zu verteilen haben – auf der Seite des Produzenten. Den Preis zahlen also die Drittanbieter – und ihre Angestellten. Der Nutzer profitiert von niedrigeren Preisen, er zahlt aber mit seinen Daten. Kurz gesagt gilt die Formel: Der digitale Kapitalismus ist geprägt durch eine Allianz von Kapital und Konsument gegen den Faktor Arbeit.

„Kapital + Konsument vs. Arbeit“, lautet auch eine Überschrift in Ihrem Buch. Kurz gesagt, der User gibt sich eher mit billigen Preisen im Netz zufrieden als für höhere Löhne zu streiten. Gehen wir nochmal zurück: In der Old Economy verlief die Konfliktlinie vereinfacht gesagt zwischen Kapital und Arbeit…

Das stimmt nur bedingt. Die Teilbefriedung des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit verlief über eine Ausweitung der Bürgerrechte, erst über das Wahlrecht, dann auch über betriebsbürgerliche Rechte wie Mitbestimmung und Tarifhoheit. Die vergangenen vierzig Jahre, also die Hochphase des Neoliberalismus, brachten teilweise einen Rückbau von Bürgerrechten, etwa wenn wir an die Debatte um Vorratsdatenspeicherung denken. Andere Rechte sind aber expandiert, etwa im Bereich des Verbraucherschutzes. So haben die Menschen gelernt, sich immer mehr als Konsumenten und weniger als Bürger zu verstehen. Das ist eine fatale Logik, die man durchbrechen müsste.

Warum bleibt die Rebellion gegen die Internetgiganten aus?

Der soziale Konflikt im digitalen Kapitalismus ist systematisch blockiert, denn die Rolle von Arbeitenden und Konsumenten lassen sich nur schwer trennen. Die kommerziellen Internetunternehmen werden größtenteils als gut für den Konsumenten wahrgenommen, auch, weil ihre Dienste teilweise gratis sind. Die entscheidende Schwachstelle ist: Die ganze Optimierung verfolgt nur das Ziel einer privatwirtschaftlichen Gewinnmaximierung. Der Gewinn aber verschwindet auf Offshore-Konten. Die Allgemeinheit hat nichts davon – außer billige Taxifahrten mit Uber. Deshalb die Forderung nach alternativen Zwecken. Wir müssen diese Technologien in den Dienst sinnvollerer politischer Projekte stellen: Im Grunde glaube ich, dass wir dabei in Europa auf einem guten Weg sind. Mit Datenschutz und Klimaneutralität haben wir im Grunde ein großes, demokratisches Transformationsvorhaben definiert. Es geht hier letztlich darum, ob wir mit den Zielen, die wir uns gesetzt haben, auch ernstmachen oder nicht.

Zur Person

Philipp Staab, 36, ist Professor für die Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität in Berlin. In seiner Promotion befasste er sich mit dem neuen Dienstleistungsprekariat der Servicegesellschaft.

Sein neues Buch „Digitaler Kapitalismus“ untersucht die Auswirkungen der Internetwirtschaft auf Markt, Staat und Gesellschaft. rp

Die Politik müht sich gerade, die neuen Konfliktlinien des digitalen Kapitalismus mit seinem Dienstleistungsprekariat zu verstehen. Was nutzt ein Mindestlohn von zwölf Euro, wenn beim scheinselbstständigen Uber-Fahrer nichts ankommt? Welche Strategie könnten Parteien links der Mitte fahren?

Es gibt im Prinzip zwei Wege. Die Thematik lässt sich eher klassisch bearbeiten über die Frage von Löhnen oder guter Arbeit. Das ist das, was viele sozialdemokratischen Parteien in Europa versuchen. Diese Taktik ist aber eher defensiv und verwaltet lediglich eine Stagnation, mit der niemand zufrieden ist. Wenn dem Ganzen neuer Schwung verliehen werden soll, muss ein neuer Wohlstandsbegriff gefunden werden. Diese offensive Variante, zieht seit Monaten jeden Freitag durch die Straßen und hat die Kraft der Jugend hinter sich. Insofern ist im Moment Robert Habeck der König des alternativen Wohlstandsbegriffs.

Die EU diskutiert über ein neues Klimaschutzprogramm, Deutschland steht vor einem industriellen Wandel. Wie wirkt sich der digitale Kapitalismus auf die Arbeitswelt aus?

Die Durchsetzung von digitalen Technologien in der Arbeitswelt gewinnt zwar derzeit an Fahrt, aber der Prozess der Digitalisierung läuft schon relativ lange. Deshalb sollte man nicht allein die Frage stellen, wie viel Arbeitslosigkeit durch Digitalisierung entsteht. Wichtiger sind die Steuerungs- und Kontrolltechnologien: Tracking, Ratingtechnologien – alles, was in den Bereich Überwachung fällt. Das bietet ein völlig neues Feld für Gewerkschaften, um sich zu profilieren. Weil diese Projekte auf der Sammlung und Nutzung von Daten beruhen – wie das gesamte kommerzielle Internet. Insofern bestünde auch im Bereich des digitalen Arbeitsrechts eine Chance für einen europäischen Pfad im Internetzeitalter.

Eine Frage an den Professor für die Zukunft der Arbeit mit Blick auf den Umbau der Industriegesellschaft, etwa im Automobilbau: Den Elektroautohersteller Tesla zieht es in die Nähe Berlins, nicht nach Schwaben. Wo liegen die Kernregionen des digitalen Kapitalismus?

Es gibt in der Digitalökonomie den Trend hin zu Metropolen. Hier finden sie flexiblere und in aller Regel gutausgebildete junge Arbeitskräfte. Das deckt sich mit dem Wunsch junger Menschen in Metropolen zu leben. Das bedeutet aber nicht, dass alle Mittelstädte vor der Verödung stehen. Aber man sollte in der Peripherie nicht die Illusion wecken, dass die alten Arbeitsplätze zurückkommen.

Würden Sie eigentlich für eine Zerschlagung der Internetgiganten plädieren wie mit den Ölkonzernen zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Da muss man differenzieren. Zerschlagung hat ein entscheidendes Problem: Denken Sie an Facebook. Wenn Sie daraus fünfzig soziale Netzwerke machen, wird der Markt als solcher nicht mehr funktionieren. Was folgt daraus? Da wird im Moment erstaunlich viel auf den Tisch gelegt. Von linker Seite kommt die Forderung nicht zu zerschlagen, sondern zu sozialisieren. In geordneten Kapitalismen wie Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo es eine große Tradition der Regulierung ohne Verstaatlichung gibt, erschließt sich mir nicht, warum eine Regelvorgabe mit einer Versorgungsvorgabe hier nicht auch funktionieren soll. Das englischsprachige Kartellrecht nennt das: Regulation as a public utility – Regulierung als öffentliches Gut. Die Europäische Union hat mir der Datenschutzgrundverordnung schon einen ersten Ansatz der Rückeroberung des digitalen Raums geliefert.

Der digitale Kapitalismus lebt von der Hoffnung auf das nächste Google oder Amazon. Welche Risiken birgt das?

Uber schreibt keinen Gewinn. Die Fahrten sind auch deshalb so billig, weil das Unternehmen Risikokapital anzieht. Ein Blick auf die USA zeigt, dass vier von fünf Digitalunternehmen, die dort zuletzt an die Börse gingen, keinen Gewinn schreiben. Die Quote war das letzte Mal Ende der 90er-Jahre so hoch, kurz vor dem Platzen der Blase am Neuen Markt. Deshalb spreche ich auch von einem Dotcom-Boom 2.0. Die Ironie dabei ist: Das Platzen der Dotcom-Blase hat den Markt bereinigt und damit den Aufstieg der großen Internetunternehmen zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts begünstigt. Ein Crash dürfte auch jetzt nur den großen Playern nutzen.

Interview: Peter Riesbeck

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare