1. Startseite
  2. Wirtschaft

Internationaler Frauentag: In Japan bahnt sich ein Wandel an

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Felix Lill

Kommentare

Für Frauen in Japan ein echter Grund zum Feiern: Diese Studentin hat die Aufnahmeprüfung an der Universität Tokyo bestanden.
Für Frauen in Japan ein echter Grund zum Feiern: Diese Studentin hat die Aufnahmeprüfung an der Universität Tokyo bestanden. In dem Land gibt es häufig Diskriminierungen nach Geschlecht. © Toshifumi Kitamura/AFP

Zum Internationalen Frauentag: Diskriminierungen nach Geschlecht sind in Japan häufig vertreten. Mittlerweile findet jedoch ein Wandel statt.

Frankfurt - Kaum ein Industriestaat diskriminiert so stark nach Geschlecht wie Japan. Öffentlicher Druck und Arbeitskräftemangel sorgen allmählich für einen Wandel. Die Corona-Pandemie hat die Bemühungen allerdings wieder zurückgeworfen.

Die Nachrichten, die Ende Februar von den Medizinuniversitäten Japans kamen, ließen aufatmen. „Es ist jetzt herausgekommen, dass die Annahmequote nicht nur für Frauen niedrig ist“, sagte ein offenbar zufriedener Regierungsvertreter gegenüber der Nachrichtenagentur Kyoto. Erstmals seit Beginn offizieller Statistiken im Jahr 2013 haben weibliche Bewerberinnen landesweit bei den Aufnahmetests für das Medizinstudium besser abgeschnitten als Männer. Im ostasiatischen Land machte die Notiz Schlagzeilen.

Internationaler Frauentag: In Japan erstmals Bewerberinnen für Medizinstudium besser

Warum? Weil es gut sein kann, dass der Notendurchschnitt der Frauen auch schon in vergangenen Jahren besser gewesen ist als der der Männer. 2018 war herausgekommen, dass mehrere der führenden Hochschulen bei ihren Tests Frauen systematisch benachteiligt hatten. Vertreterinnen und Vertreter der Universitäten rechtfertigten dies damit, dass in Japan nunmal akuter Arbeitskräftemangel herrsche und Frauen wegen ihrer typischen Aufgaben im Haushalt oft jung aus dem Job ausschieden. So hatte man sich von männlichen Studienbewerbern mehr für das Land versprochen als von weiblichen.

Wenn es um den Zusammenhang zwischen Sexismus und den Arbeitsmarkt in Japan geht, war der Fall nur einer von vielen über die letzten Jahre. Kaum ein Industriestaat diskriminiert so stark nach Geschlecht. Zwar sind Frauen durchschnittlich keineswegs schlechter ausgebildet als Männer, tendenziell trifft eher das Gegenteil zu. Doch Arbeitgeber investieren weniger Geld in deren Weiterbildung, geben ihnen relativ häufiger befristete Arbeitsverträge und befördern sie seltener.

Internationaler Frauentag: Japan steht bei Geschlechtergerechtigkeit auf Platz 120 von 156

Im Gender Gap Report des World Economic Forum, das Länder nach Geschlechtergleichstellung in den Bereichen Bildung und Gesundheit sowie der Beteiligung in Politik und Wirtschaft vergleicht, steht Japan derzeit auf Platz 120 von 156. Besonders schlecht schneidet das Land auf dem Arbeitsmarkt ab. Eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigte etwa, dass kaum 22 Prozent der Ärzte im Land weiblich waren. Ein entsprechender Durchschnitt der Industrieländer aus dem Jahr 2015 hatte bei 46 Prozent gelegen.

Ein wichtiger Grund für die klaffende Ungleichheit sind die traditionellen Erwartungen an Männer und Frauen. Während es über die letzten Generationen überwiegend die Männer waren, die das Geld verdienten, sorgten die Frauen eher für Haushalt und Kinder. Mit dem Wirtschaftswachstum in den Nachkriegsjahrzehnten festigte sich diese Tendenz, indem Männern oft lebenslange Arbeitsverträge angeboten wurden, deren Gehälter zumindest bis zu einem Börsencrash im Jahr 1990 die ganze Familie ernähren konnten. Frauen nahmen eher Teilzeitjobs an.

Wandel in Japan zum Weltfrauentag: Politik orientiert sich an Geschlechterrollen

Bis heute orientiert sich die Politik an diesem gedanklich längst überholten Modell der Geschlechterrollen. Und während diverse andere Länder seit Jahren strukturelle Geschlechterdiskriminierung abbauen, fällt Japan im internationalen Vergleich zurück. Im Jahr 2015 hatte das ostasiatische Land noch auf Platz 101 des Gender Gap Reports gelegen. Denn anderswo geht man die Herausforderungen des Sexismus deutlich schneller an.

Daraus aber abzuleiten, dass sich in Japan nichts tut, wäre ein Missverständnis. Seit Jahren geloben Regierungen, Wirtschaftsverbände und Konzerne, Arbeitsplätze freundlicher für Frauen zu machen – etwa durch bessere Kinderbetreuungsangebote und Unterstützungen in der Schwangerschaft. Schon im Jahr 2003 kündigte die Regierung an, dass im Jahr 2020 30 Prozent aller Führungsposten weiblich besetzt seien. Bis heute sind nicht einmal 20 Prozent erreicht. Aber gestiegen ist der Anteil über die Jahre dennoch.

Und es wird erwartet, dass sich der Wandel über die nächsten Jahre beschleunigt. Als Tokio im vergangenen Jahr die Olympischen Spiele veranstaltete, wurde landesweit immer wieder über strukturellen Sexismus diskutiert. Yoshiro Mori, ehemaliger Premierminister und Vorsitzender des olympischen Organisationskomitees, musste seinen Posten räumen, nachdem er gesagt hatte, Frauen könnten sich in Meetings nicht kurzfassen. Offener Sexismus ist schwieriger geworden.

Situation in Japan zum Internationalen Weltfrauentag: Offener Sexismus schwieriger geworden

Neben steigendem sozialem Druck nehmen die Erwartungen von außen zu. Goldman Sachs und andere Großbanken haben sich etwa vorgenommen, dass ihre Vertreter in Aufsichtsräten mit ihrem Stimmverhalten den Frauenanteil anheben sollen. Die Tokioter Börse belohnt in ihren Kategorisierungen von Unternehmen mittlerweile jene mit einem höheren Frauenanteil in ihren Führungsetagen. Keidanren, der mächtigste Wirtschaftsverband des Landes, verlautbarte in einem Papier im vergangenen Jahr, dass es nur natürlich wäre, wenn es in Unternehmen Gleichberechtigung gäbe.

Auch ökonomisch wäre dies sinnvoll – nicht nur, weil divers aufgestellte Unternehmen häufig betrieblich erfolgreicher sind. Längst geht es auch um schlichte Notwendigkeit. In Japans alternder und schrumpfender Bevölkerung mangelt es von Jahr zu Jahr mehr an Arbeitskräften. Weil auch die Immigrationspolitik nur sehr zögerlich ausgebaut wird und die Automatisierung bisher längst nicht alle Arbeitsprozesse erreicht, werden Frauen zu einem zusehends wichtigen Teil der Lösung für Japans Wirtschaftspolitik. Weiblichen Studierenden von heute werden auf dem Arbeitsmarkt gute Aussichten vorausgesagt.

Nur ist dies eher eine langfristige Entwicklung. In der Pandemie hat sich das Niveau der Geschlechtergleichstellung in vielerlei Hinsicht zunächst verschlechtert. Als Hotels und Restaurants zum Schließen aufgefordert wurden, verloren vor allem Frauen ihre Jobs. Und insbesondere unter arbeitslosen Frauen ist seither auch die Selbstmordrate angestiegen. In Bezug auf Männer ist sie dagegen leicht gefallen. (Felix Lill)

Auch interessant

Kommentare