Umworben: Maschinen der Billig-Langstreckenfluglinie Norwegian.
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Umworben: Maschinen der Billig-Langstreckenfluglinie Norwegian.

Lufthansa

Interesse an Norwegian

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Lufthansa-Chef Spohr denkt laut über den Kauf von Norwegian nach – und treibt damit den Preis bewusst nach oben.

Ein Mann, ein Wort und die Folgen. Carsten Spohr wirft ein Auge auf den norwegischen Billig-Langstreckenflieger Norwegian und augenblicklich geht die Aktie der skandinavischen Airline durch die Decke. Der Kurs kletterte am Montagvormittag um zwölf Prozent, gab im Laufe des Tages allerdings wieder einen Teil seiner Gewinne ab. Gleichwohl hat Spohr damit den Preis für die umworbene Fluggesellschaft in die Höhe getrieben.

Dumm gelaufen? Wahrscheinlich nicht. Spohr wusste ganz genau, was er tut, als er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zu Protokoll gab, dass „wir auch mit Norwegian in Kontakt stehen“. Es handelt sich um einen weiteren Schachzug in einem Spiel, das „Konsolidierung“ heißt. Und wenn Spohr nun vor Publikum anfängt, freizügig mit Norwegian zu flirten, dann tut er es auch, um seine eigene Theorie zu bestätigen. Spohr geht – wie übrigens viele andere Manager in der Branche – davon aus, dass am Ende des Konsolidierungsspiels in Europa maximal halbes Dutzend Fluggesellschaften übrig bleiben: Mit dabei sind in jedem Fall die reinrassigen Billigflieger Ryanair und Easyjet, plus die drei großen Netzwerk-Carrier IAG (Mutter von British Airways), Air France-KLM und Lufthansa, die künftig mit zahlreichen Marken unterwegs sein werden und neben dem traditionellen Langstreckengeschäft auch die Billigfliegerei betreiben werden.

Nun stellt sich die Frage, wer sich die norwegische Airline schnappt. Sie wird eine zentrale Rolle in der Konsolidierung spielen. Denn Norwegian hat in Europa die Billigfliegerei auf der Langstrecke durchgesetzt. Deshalb passen die Skandinavier sehr gut in die Multi-Marken-Struktur der drei großen Netzwerker. Diese machen ihre Billigtöchter zu Gemischtwarenläden. Die sind keine reinrassigen Ryanair-Klone, sondern offerieren zusätzlich auch eine Art Low Cost im interkontinentalen Verkehr – vor allem für Urlauber. Spohr hat erst kürzlich angekündigt, dieses Segment bei seiner Billigtochter Eurowings weiter auszubauen.

Nun haben die Norwegian-Manager einen expansiven Expansionskurs geflogen, sind mittlerweile aber gerade deshalb in Turbulenzen geraten. Die Kosten für Personal, Wartung und das Leasing der Flugzeuge sind aus dem Ruder gelaufen. Die Norweger leiden überdies unter den massiv gestiegenen Treibstoffpreisen. Und dies wird sich im nächsten Jahr noch verschärfen, wenn die Ölpreise so hoch bleiben: Norwegian soll kaum Sicherungsgeschäfte für Kerosinlieferungen abgeschlossen haben, die günstigen Treibstoff garantieren.

So ist die Airline zu einem idealen Übernahmekandidaten geworden. Der Run hat längst eingesetzt: IAG-Chef Willie Walsh war vor gut einem Monat mit seiner Offerte bei den Skandinaviern abgeblitzt, weil er offenbar nicht genug geboten hat – er sollen 1,5 Milliarden Euro gewesen sein. Walsh hat danach so getan, als sei die nordische Braut für ihn gar nicht so attraktiv.

Jetzt mischt sich Spohr ein und treibt den Preis für Norwegian in die Höhe. Sein Kalkül im Konsolidierungsspiel könnte sein, die Rivalen dazu zu provozieren, die Airline zu teuer zu kaufen. Käme die Lufthansa nicht zum Zuge, hätte er immer noch die Möglichkeit, Eurowings durch organisches Wachstum zu stärken, also durch einen forcierten Ausbau der Flotte.

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