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Inflation und Schulden: Wer von der Teuerung profitiert

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Von: Stephan Kaufmann

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Bei drei Prozent Inflation ginge die Schuldenquote Italiens bis 2026 um 20 Prozentpunkte zurück.
Bei drei Prozent Inflation ginge die Schuldenquote Italiens bis 2026 um 20 Prozentpunkte zurück. © Imago

Die Teuerung reduziert nicht nur Sparguthaben, sondern auch Verbindlichkeiten. Davon können insbesondere Staaten in der Euro-Zone profitieren.

Die hohe Inflation mindert die Kaufkraft der Konsumentinnen und Konsumenten und entwertet die Sparguthaben. Sie gilt daher mindestens als Ärgernis, vielen sogar als Gefahr. Doch gibt es Profiteure. Zum einen jene Unternehmen, die durch höhere Verkaufspreise real höhere Einnahmen verbuchen. Zum anderen die Schuldner. Denn die Inflation frisst nicht nur Erspartes, sondern auch die Verbindlichkeiten. Davon können insbesondere Staaten profitieren. Auch in der Euro-Zone, wo „anhaltend hohe Inflationsraten auf Sicht von fünf Jahren die Schuldenstände deutlich reduzieren können“, so die DZ Bank. Allerdings gilt dies nur, solange die Zinsen nicht stark steigen.

In den letzten Monaten des vergangenen Jahres hatten die Preise in der Euro-Zone angefangen, immer schneller zu klettern. Laut Fachleuten sollte die Inflationsrate ab Jahreswechsel deutlich sinken – doch ist dies nicht geschehen. In Deutschland ging die Rate im Januar nur von 5,3 auf 4,9 Prozent zurück. In der Euro-Zone legte sie sogar von 5,0 auf 5,1 Prozent zu. Hauptursache war die teure Energie. Auch „manche EZB-Notenbanker scheinen mittlerweile der Auffassung zu sein, dass der temporäre Inflationsanstieg länger anhalten könnte“, kommentiert die VP Bank.

Reduzierung der Schuldenquote: Durch eine höhere Inflation steigt das nominale BIP

Das steigende Preisniveau erodiert nicht nur die Kaufkraft der privaten Haushalte, worunter insbesondere jene mit niedrigen Einkommen leiden. Sie senkt tendenziell auch die Verschuldung der Staaten in der Euro-Zone. Diese wird in der Schuldenquote gemessen, also im Verhältnis der Gesamtverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Durch höhere Inflation steigt das nominale BIP an. Ein Beispiel: Beträgt das reale Wirtschaftswachstum in einem Jahr 2,0 Prozent und die Inflation 3,0 Prozent, so liegt das nominale Wachstum bei 5,0 Prozent. Je höher das BIP, umso niedriger die Schuldenquote.

„Insofern kann eine höhere Inflationsrate dabei helfen, die Schuldenquote zu reduzieren“, erklärt die DZ Bank, die eine Modellrechnung gemacht hat, wie die Teuerung zur Entschuldung führen kann. In dieser Rechnung spielen verschiedene Variablen eine Rolle: der Schuldenstand, die Inflationsrate sowie das jährliche Primärdefizit, also das Budgetdefizit vor Schuldenbedienung.

Die Bank hat nun einen möglichen Verlauf der Verschuldung in den nächsten fünf Jahren anhand verschiedener Szenarien modelliert. Die Szenarien definieren sich durch die Höhe der Inflation, gemessen am sogenannten BIP-Deflator, der im Gegensatz zur Konsumentenpreisinflation die Preisänderungen aller Güter einer Volkswirtschaft berechnet und sich nicht nur aus einem repräsentativen Warenkorb orientiert. Hier werden jeweils die Werte 3,0 Prozent und 5,0 Prozent angenommen. Die Daten zum Wirtschaftswachstum und Primärsaldo entstammen dem jüngsten World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Inflationsrate und Schuldenstand Deutschlands, der Euro-Zone und ausgewählter Staaten
Inflation und Schulden © FR-Layout

„Unsere Berechnungen zeigen, dass Entschuldung über Inflation funktionieren kann“, so die Bank. Unter der Annahme, dass die Inflationsrate ab 2022 drei Prozent pro Jahr beträgt und somit moderat erhöht wäre, würde die deutsche Schuldenstandsquote von knapp 69 Prozent Ende 2020 bis 2026 auf 58 Prozent fallen. Bei einer Teuerungsrate von fünf Prozent ab 2022 sänke die Schuldenstandsquote sogar auf 53 Prozent. Noch stärker wäre der Effekt im Italien, das mit 156 Prozent seines BIP verschuldet ist. Im Drei-Prozent-Inflationsszenario geht die Schuldenquote um 20 Prozentpunkte zurück, bei fünf Prozent wären es sogar 32 Prozentpunkte. „Italien würde der Schuldenabbau bei einem längerfristigen Überschießen des EZB-Inflationsziels von zwei Prozent massiv erleichtert.“

Deutlich geringer wäre der Entschuldungseffekt dagegen in Frankreich. Denn im Gegensatz zu Italien und Deutschland wird die Regierung in den nächsten Jahren kaum sparen, sondern neue Schulden machen. Der IWF sagt Primärdefizite von jährlich drei Prozent des BIP voraus. Voran käme Frankreichs Entschuldung daher erst bei einer Inflationsrate von fünf Prozent.

Reduzierung der Schuldenqoute: Steigende Zinsen können einen Strich durch die Rechnung machen

Allerdings fehlt in diesen Rechnungen noch eine entscheidende Variable: der Zins, den Staaten auf ihre Schulden zahlen müssen. Und der dürfte bei höherer Inflation steigen, womit die Refinanzierungskosten einer Regierung zunehmen. Wie stark sie zunehmen, das hängt wiederum von der Laufzeit der staatlichen Schulden ab: Hat sich ein Land in der Niedrigzinsphase langfristig verschuldet und sich so die niedrigen Zinsen gesichert, ist es relativ gut geschützt. Hat sich ein Land dagegen kurzfristiger verschuldet, so muss es bald neue Anleihen begeben, um die alten zu refinanzieren und muss dann die höheren Zinsen bezahlen. Damit „ergibt sich ein Wettlauf gegen die Zeit“, so die DZ Bank.

Beim Versuch einer Entschuldung über erhöhte Inflation, so merken die Banker an, begäben sich die Staaten allerdings in eine starke Abhängigkeit von der EZB. Sie „müssten darauf hoffen, dass die Notenbank die hohen Inflationsraten möglichst lange duldet und ihnen über Nullzinspolitik und Anleihekäufe ein historisch niedriges und komfortables Refinanzierungsumfeld ermöglicht“.

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