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Inflation kurz vor dem Höhepunkt: Doch was folgt danach?

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Von: Stephan Kaufmann

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Frachtraten für Container werden billiger, Staus vor den Häfen lösen sich auf. Das nimmt Druck von den Lieferketten und damit auch den Preisen.
Frachtraten für Container werden billiger, Staus vor den Häfen lösen sich auf. Das nimmt Druck von den Lieferketten und damit auch den Preisen. © Imago/Xinhua

Mit dem Jahresende könnte die Inflation ihren Höhepunkt erreichen. Sinken werden die Preise aber so schnell nicht mehr.

Kurz vor dem Jahresende erlebt die Weltwirtschaft noch eine entscheidende Woche: Die großen Zentralbanken tagen am Mittwoch und Donnerstag. In den USA und der Eurozone stehen wegen der hohen Inflationsrate Zinserhöhungen an, voraussichtlich um jeweils 0,5 Prozentpunkte. Gleichzeitig keimt die Hoffnung, dass die Teuerung ihren Gipfelpunkt überschritten hat.

Für die USA ist das wahrscheinlich, für die Eurozone allerdings noch nicht. Denn für Europa spielt das Energiepreisrisiko eine große Rolle. Insgesamt laufen die Prognosen für das kommende Jahr zwar auf eine sinkende Inflationsrate hinaus. Sie bleibt jedoch, insbesondere in Europa, deutlich zu hoch.

Prognose für Deutschland: Wie entwickelt sich die Inflation weiter?

Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass die Inflationsrate zumindest nicht weiter zulegt, die Geschwindigkeit des Preisanstiegs also nicht zunimmt. Am Dienstag bestätigte das Statistische Bundesamt, dass die Inflationsrate in Deutschland im November von 10,4 auf 10,0 Prozent gefallen ist. Dies lag vor allem daran, dass die Preise für Energieprodukte im November „nur“ um knapp 39 (Vormonat: 43) Prozent zulegten. In der Eurozone fiel die Inflationsrate im November von 10,6 auf 10,0 Prozent.

Zu dem nachlassenden Preisdruck tragen weltwirtschaftliche Faktoren bei: So lösen sich einige Verspannungen in den globalen Lieferketten. Die Frachtraten für Container verbilligen sich, und die Schiffsstaus vor den Häfen verschwinden langsam, was das globale Güterangebot erhöht. Daneben drückt die Aussicht auf eine schwache Weltkonjunktur die Preise für Rohstoffe. Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI am Dienstag mitteilte, verbilligten sich Energierohstoffe im November weiter. Der Index für Industrierohstoffe liege inzwischen 15,4 Prozent unter dem Wert von Ende 2021. Der Index für Nahrungs- und Genussmittel sei nur noch vier Prozent höher als vor einem Jahr.

Inflationsraten im Jahresdurchschnitt
Jahresdurchschnitt in Prozent © FR

„Eine Trendumkehr hin zu stärker steigenden Rohstoffpreisen lässt sich bei den wirtschaftlichen Aussichten kaum ableiten“, kommentiert die Deka-Bank. Anders sehe es beim europäischen Großhandelspreis für Erdgas aus. „Dieser dürfte sehr bald nach oben drehen, wenn die prall gefüllten Gaslager in Deutschland und anderen europäischen Ländern langsam geleert werden.“

Inflation: Fachleute geben noch keine Entwarnung

Für die Eurozone geben Ökonom:innen daher trotz des jüngsten Rückgangs der Inflationsrate noch keine Entwarnung. Angesichts des Anstiegs der Nahrungsmittelpreise im November von 13,6 Prozent und der Teuerung von Konsumgütern von über sechs Prozent erwartet die Fondsgesellschaft DWS den Inflationshöhepunkt in der Eurozone um den Jahreswechsel. „Danach werden Gas- und Strompreisbremsen für Entlastung sorgen.“

Insgesamt bleiben Vorhersagen aber mit großer Unsicherheit behaftet. Die extremen Schwankungen der Preise für Gas, Strom, Benzin und Diesel verhindern laut Commerzbank eine zuverlässige Prognose. „Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate im Dezember und Anfang 2023 noch einmal deutlich steigen wird.“ Mit der Stabilisierung der Energiepreise, zu der auch die geplante Gas- und Strompreisbremse beitragen werde, dürfte die Inflationsrate im weiteren Verlauf 2023 deutlich fallen. Die Kernteuerungsrate jedoch – also die Inflationsrate ohne Energie- und Nahrungsmittel – werde wohl erst Mitte 2023 ihren Hochpunkt erreichen und danach nur langsam sinken. Denn viele Unternehmen hätten ihre höheren Produktionskosten noch nicht vollständig an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben. Ein weiteres Risiko ist ein Anziehen der chinesischen Konjunktur im Zuge einer laxeren Corona-Politik, was die globale Nachfrage gerade nach Rohstoffen und damit deren Preise erhöhen könnte.

Inflation in Deutschland: Teuerung weit über zwei Prozent

Mit Inflationsprognosen von sieben Prozent und mehr für das kommende Jahr liegt die Teuerung in der Eurozone noch weit über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von knapp unter zwei Prozent. Die EZB dürfte also weiter versuchen, mit Zinserhöhungen die Konjunktur zu drosseln, um so die Inflation zu senken. Dabei muss sie allerdings zum einen beachten, dass die Eurozone vor einer Rezession steht, die durch die Zinserhöhungen verstärkt wird. Zum anderen wirken Leitzinserhöhungen erst mit Zeitverzögerung von zwölf bis 18 Monaten. Und schließlich „wächst bei den Währungshütern allmählich die Zuversicht, wonach das Schlimmste des Inflationsschubs bereits überstanden sein könnte“, so die DZ Bank.

Weniger Geld

Die Tariflöhne steigen 2022 gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 2,7 Prozent. Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung hervor. Angesichts einer zu erwartenden Steigerung der Verbraucherpreise um im Schnitt 7,8 Prozent ergebe sich hieraus ein durchschnittlicher Rückgang der tarifvertraglich vereinbarten Reallöhne von 4,7 Prozent. Die Stiftung spricht von einem „in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang einzigartigen Reallohnverlust“. dpa

Ein anderes Bild ergibt sich dagegen in den USA. Sollte die Zentralbank Fed ihre Leitzinsen wie erwartet am Mittwoch um weitere 0,5 Prozentpunkte erhöhen, so hätte sie im laufenden Jahr die Zinsen bereits um insgesamt 4,25 Prozentpunkte nach oben gesetzt. „Unseres Erachtens dürfte die Fed Anfang des kommenden Jahres den Zinserhöhungszyklus für beendet erklären“, so die DZ Bank. „Hierfür sprechen insbesondere die zeitlich verzögerte Wirkung der Zinsanhebungen sowie die bevorstehende konjunkturelle Abkühlung.“ Zudem lässt in den Vereinigten Staaten der Preisdruck schon länger nach – auch weil die USA sich selbst mit Gas versorgen. Die Inflationsrate hatte im Juni mit neun Prozent ihren Höhepunkt erreicht und betrug im November nur noch 7,1 Prozent. (Stephan Kaufmann)

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