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Der Preis für Tomaten ist seit Februar um fast ein Viertel gestiegen. 

Verbraucherpreise

Inflation oder Deflation?

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Gemüse, Obst und Fleisch sind deutlich teurer geworden, die offiziellen Verbraucherpreise aber nur moderat gestiegen. Was steckt dahinter?

Die Tomate ist in aller Munde. Buchstäblich und im übertragenen Sinn. Das rote, manchmal auch grüne oder gelbe Gemüse ist derzeit derart beliebt, dass es sich seit Anfang Februar um fast ein Viertel verteuert hat. Das geht aus dem Chili-con-Carne-Index hervor, den Wirtschaftswissenschaftler der Uni Hohenheim berechnet haben. Auch Mais und Karotten, zwei weitere wichtige Bestandteile des Tex-Mex-Gerichts, haben sich spürbar verteuert. Die Chili-Zutaten stehen nicht alleine. Nach den Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag vorgelegt hat, verteuerte sich Gemüse im April im Vergleich zum Vorjahresmonat im Schnitt um 6,5 Prozent. Noch stärker ging es mit Obst (plus elf Prozent) sowie Fleisch- und Wurstwaren (9,3 Prozent) nach oben.

Befeuert Corona also die Inflation? Oder müssen wir bald mit dem Gegenteil rechnen: einer Deflation? Dass die offiziellen Verbraucherpreise im April insgesamt doch nur um 0,9 Prozent – und damit deutlich weniger als in den vorangegangenen beiden Monaten – nach oben gingen, hat vor allem mit billigem fossilem Brenn- und Treibstoff zu tun. Durch die Pandemie ist die Nachfrage massiv gesunken, die Erdölmärkte haben einen beispiellosen Einbruch erlitten. Heizöl verbilligte sich fast um 25 Prozent. Beim Superbenzin ging es um 16,5 Prozent nach unten.

Aber schlummert da nicht eine Gefahr, die deutsche Urängste wieder weckt? Inflation! Die Hohenheimer Wissenschaftler haben Preisentwicklungen der Sortimente in fünf europäischen Supermarktketten von Anfang Februar bis Mitte April analysiert. Auf das gesamte Jahr hochgerechnet würden die registrierten Aufschläge eine Preissteigerung um 3,8 Prozent ergeben. Beim Chili-con-Carne-Index, er besteht aus 70 möglichen Zutaten für das Gericht, kam sogar noch ein deutlich höherer Wert heraus. Das Gericht wurde binnen zweieinhalb Monaten um sechs Prozent teurer.

Der Grund für die hohen Diskrepanzen: Der offizielle Verbraucherpreisindex wird durch eine festgelegte Auswahl von Gütern und Dienstleistungen bestimmt. Durch Corona haben sich die Ausgaben der Verbraucher aber deutlich verschoben. Für Kultur- und Sportveranstaltungen, für Restaurantbesuche und Hotelaufenthalte wird kaum noch Geld ausgegeben. Wegen Homeoffice fallen vielfach die Spritrechnungen erheblich geringer aus. Dafür werden mehr Drogerieartikel und mehr Nahrungsmittel gekauft. Es wird zu Hause gekocht.

Die Wissenschaftler haben herausgefunden: „Zunächst haben die Supermarktbetreiber die Preise nur zögerlich angepasst und es vermieden, die Krisensituation für kurzfristige Gewinne zu missbrauchen.“ Mit zunehmender Dauer der Pandemie wurden Preisaufschläge aber immer deutlicher. Die Autoren der Chili-Studie warnen: „Eine systematische Verzerrung des Index könnte eine fehlerhafte Geldpolitik auslösen.“

Der Hintergrund: Die Europäische Zentralbank (EZB) orientiert sich an einer Inflationsrate knapp unter der Zwei-Prozent-Marke, da dies als Indikator für eine gesunde Konjunktur gilt. Derzeit liegt der Wert nicht nur in Deutschland, sondern für die gesamte Euro-Zone unter einem Prozent. Ein Signal: Bei der EZB sitzt das Geld extrem locker. Und um einen ökonomischen Corona-Kollaps zu verhindern, wird derzeit Liquidität in riesigen Mengen in die Wirtschaft gepumpt. Zudem haben nationale Regierungen die größten Hilfsprogramme seit Jahrzehnten auf den Weg gebracht. Zunehmend diskutieren Experten darüber, ob all dies zwangsläufig in einer seit Jahren nicht mehr gekannten Inflation mündet.

Lieferketten gerissen

Das Szenario: Durch die Corona-Krise sind Lieferketten gerissen, Unternehmen verstärken die Lagerhaltung – die Kosten steigen. Generell ist allenthalben die Rede von einer anhebenden De-Globalisierung. Kein unendlich großes weltweites Angebot an Waren mehr, sondern Verknappung auf Produkte, die es regional gibt. Das alles erhöht für Unternehmen die Chancen, höhere Preise durchzusetzen. Ferner könnte der Wettbewerb nachlassen, weil durch die Krise viele kleinere Anbieter von Waren und Dienstleistungen verschwinden. Trifft viel Geld auf ein geringes Angebot kann die Teuerung sehr schnell Fahrt aufnehmen. Hohe Lohnabschlüsse wegen Arbeitskräftemangel – die Baby-Boomer gehen in den nächsten Jahren in Rente – könnten wie ein Verstärker wirken.

Das gegenläufige Szenario geht davon aus, dass die derzeitigen Ausreißer bei Obst und Gemüse nur von vorübergehender Natur sind. Die Kerninflation, bei der die kurzfristigen Effekte durch Nahrungsmittel- und Energiepreise herausgerechnet werden, liegt aktuell bei nur 1,2 Prozent. Die Experten der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS machen darauf aufmerksam, dass dieser Wert „heute gleich hoch ist wie vor zehn Jahren“ – trotz einer lang anhaltenden extrem expansiven Politik der EZB.

Axel Angermann, Chefökonom des Investmenthauses Feri, sieht denn auch in der Corona-Krise eher eine „deflatorische Wirkung“ wegen eines drastischen Rückgangs der Investitions- und Konsumnachfrage. Dekabank-Ökonom Ulrich Kater sekundiert: Lohnerhöhungen seien nun nur noch schwer durchsetzbar. „Wir können uns auf eine Deflationsdebatte vorbereiten“, ergänzt er. Das bedeutet: Konsumenten halten ihr Geld zusammen – was momentan schon auf dem Automarkt erkennbar ist. Ein Käuferstreik drückt die Preise, wodurch Ausgaben für größere Anschaffungen und Investitionen von Unternehmen immer weiter herausgeschoben werden – ein Teufelskreis.

Und die zunehmende Zahl der Baby-Boomer in Rente könnte die Lage noch verschärfen. Weil Rente weniger Kaufkraft bedeutet. Auch Produktivitätsgewinne durch die Digitalisierung begrenzen laut Angermann das Inflationspotenzial zumindest. Zudem werde es mit dem grenzüberschreitenden Wettbewerb trotz De-Globalisierung weitergehen. Dazu passt, dass Experten der US-Notenbank Fed den gigantischen Marktplatz des wachsenden Onlinehandels als einen wesentlichen Faktor für konstant niedrige Preise bewerten.

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