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Arbeitet CO2-neutral: der Standort des Schweizer Industriekonzerns ABB in Lüdenscheid.

Klimawandel

Die Industrie prescht vor

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Während die Politik noch diskutiert, machen die Konzerne vorwärts: Bosch will schon ab nächstem Jahr klimaneutral arbeiten. Auch Daimler, ABB und MAN geben Gas.

Ob Deutschland bis 2050 klimaneutral werden soll, darüber will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erst noch ihr Klimakabinett beschließen lassen. Wichtige Player der deutschen Industrie sind da bereits viel weiter. Der Stuttgarter Autobauer Daimler steht mit seiner überraschenden Ankündigung, seine Werke und auch alle Neuwagen bis 2039 „CO2-neutral“ machen zu wollen, nicht allein. Der Technologieriese Bosch plant das für seine Produktionsstätten bereits ab nächstem Jahr, und auch der Lastwagenbauer MAN und der Industriekonzern ABB meldeten jüngst große Fortschritte beim Klimaschutz.

Der Schwede Ola Källenius, der mit der heutigen Hauptversammlung Dieter Zetsche als Chef von Daimler ablöst, will mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie „Ambition 2039“ einen neuen, grüneren Kurs einschlagen. Die Klimaneutralität soll dabei in zwei Schritten erreicht werden. Bis 2022 soll die Autoproduktion in den europäischen Werken durch Energieeinsparung und Ökoenergie soweit wie möglich kohlendioxidfrei werden. Für die verbleibenden Emissionen will der Konzern Zertifikate auf dem Klimakompensationsmarkt kaufen. Die Umstellung der gesamten Neuwagenflotte auf CO2-Neutralität wollen die Stuttgarter binnen 20 Jahren erreichen. Als Zwischenschritt ist vorgesehen, dass bis 2030 jedes zweite verkaufte Auto einen E-Motor haben soll – als reines Batterieauto oder Plug-in-Hybrid. Allerdings will Daimler auch weiter in die Verbesserung des Dieselmotors investieren. Källenius glaubt, bei großen Autos und für Vielfahrer sei diese Technologie „Teil der CO2-Reduktion“.

EU kämpft um das CO2-Limit

Für den Autobauer, der mit seiner schweren und PS-starken Pkw-Flotte das von der EU für 2020 beschlossene CO2-Limit von 95 Gramm pro Kilometer deutlich überschreiten wird und dem deswegen Strafzahlungen drohen, ist das 2039er-Ziel sehr ambitioniert. „Diese Transformation ist die Aufgabe unserer Generation“, sagte Källenius, der bisher im Daimler-Vorstand für Forschung und Entwicklung zuständig war. Die Gesamtemissionen, die Daimler bei Produktion und Nutzungsphase der Autos weltweit zuzurechnen sind, betrugen 2018 rund 80 Millionen Tonnen CO2 – das entspricht fast dem Ausstoß aller deutschen Haushalte. Källenius forderte mehr öffentliche Investitionen in die Infrastruktur „für diesen Systemwechsel“, zeigte sich aber auch „offen für eine Diskussion über die wirksame Bepreisung von CO2“ und Anreize für kohlenstoffarme oder -freie Technologien – möglichst auf globaler Ebene.

Källenius ließ keinen Zweifel daran, dass der geplante Umbau für den Konzern teuer ist. Man müsse „auf der Effizienzseite sehr viel tun, um den nötigen Cashflow zu generieren“, sagte er. Details zu den Kosteneinsparungen nannte er jedoch nicht. In der Daimler-Belegschaft geht die Sorge um, dass der Konzern Tausende Jobs abbauen könnte, da die Herstellung von Elektroantrieben weniger Personal braucht als die von Benzinern und Dieseln. Einen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis 2029 in den deutschen Werken hat der Betriebsrat allerdings bereits vor zwei Jahren erreicht.

Daimler bindet Zulieferer ein

Zu der Daimler-Strategie gehört auch, die Zulieferer in die Klimastrategie einzubinden. Sie sollen ihre Produktion ebenfalls in Richtung CO2-Neutralität umbauen. Das ist ein wichtiger Faktor, da die Teilefabrikanten im Schnitt gut zwei Drittel eines fertigen Autos liefern. Die Daimler-Einkäufer sollen mittelfristig dazu entsprechende Vergabekriterien bekommen. Will sagen: Die Zulieferer müssen dann konkrete CO2-Vorgaben einhalten.

Beim weltgrößten Autozulieferer, dem Bosch-Konzern, rennt Daimler damit offene Türen ein. Bosch hat angekündigt, von 2020 an in allen seinen rund 400 Standorten weltweit netto ohne CO2-Ausstoß zu produzieren und damit zum ersten großen klimaneutralen Industrieunternehmen überhaupt zu werden. Bisher verursacht der Konzern pro Jahr rund 3,3 Millionen Tonnen CO2, und diese Fracht soll bereits im nächsten Jahr – zumindest bilanziell – auf null gesenkt werden.

Auch hier lautet die Strategie, die Energieeffizienz in den Werken zu erhöhen, zum Beispiel mit sparsamerer LED-Beleuchtung, einer bedarfsgeregelten Lüftung und Wärmerückgewinnung aus Druckluft. Außerdem will Bosch grünen Strom produzieren und einkaufen. Der Stromverbrauch selbst soll bis 2020 um 20 Prozent sinken. Hinzu kommt die Kompensation von Emissionen aus Verbrennungsprozessen (Heizung, Prozesswärme), die sich bisher nicht vermeiden lassen: Auch Bosch plant, CO2-Zertifikate zu kaufen. Das Geld fließt dann in Klimaschutzprojekte etwa in Entwicklungsländern die dort den Treibhausgasausstoß vermindern. Der Konzern will dafür pro Jahr 100 Millionen Euro aufwenden. Bosch-Chef Volkmar Denner sieht das Projekt auch vor dem gesellschaftlichen Hintergrund. Er verwies auf Fahrverbote, Dieselproteste, Gelbwesten- und Freitagsdemonstrationen. All das zeige, „dass wir wirtschaftlichen Klimaschutz und neue Lösungen für Luftqualität in Städten brauchen, auch um das gesellschaftliche Klima zu stabilisieren“.

Auch MAN senkt den CO2-Ausstoß

Weitere positive Klima-Nachrichten aus der Wirtschaft kamen in jüngster Zeit vom Lkw- und Bushersteller MAN. Der Konzern meldete, er habe den CO2-Ausstoß seiner Produktionsstandorte im In- und Ausland gegenüber dem Basisjahr 2008 um fast 30 Prozent gesenkt. Damit habe man das selbst gesteckte Ziel von minus 25 Prozent aus der MAN-Klimastrategie, das 2020 erreicht werden sollte, bereits übererfüllt. Jährlich würden so rund 100 000 Tonnen CO2 eingespart, was den Emissionen einer Kleinstadt entspreche. Investiert hat das Unternehmen dafür in den letzten Jahren rund 40 Millionen Euro, zum Beispiel in eine große Solaranlage in Südafrika, in sparsame Blockheizkraftwerke, neue Beleuchtungskonzepte und die Klimatisierung mit Brunnenwasser.

Der Schweizer Technologie- und Energiekonzern ABB wiederum präsentierte das Werk seiner Tochter Busch-Jaeger in Lüdenscheid (NRW) jüngst als „ersten CO2-neutralen Fertigungsstandort“ in Deutschland. Eine neu über den Parkplätzen des Firmengeländes installierte Solaranlage mit Batteriespeichern decke an sonnigen Tagen 100 Prozent des Strombedarfs. Zusätzlich wird Ökostrom vom Versorger MVV sowie Energie aus einem eigenen Blockheizkraftwerk genutzt. Gesteuert wird alles über ein von ABB entwickeltes Energiemanagement-System. Der Konzern will im Rahmen seiner „Mission to Zero“ auch in den anderen Werken Zug um Zug aus den fossilen Energien aussteigen.

Umweltschützer nehmen die Pläne von Daimler und Co. überwiegend positiv auf. Doch es gibt auch Kritiker. „Mehr Öko-Energie in Produktion und Autos ist gut, aber nicht alles“, sagte der Autoexperte und Ex-Greenpeace-Mitarbeiter Wolfgang Lohbeck. Ein Autobauer wie Daimler solle seine Modellpalette überdenken. „Was nützt es, wenn zwar immer mehr Strom erneuerbar wird, aber der Energiebedarf trotzdem ansteigt, weil die Autos immer größer und schwerer werden?“ Helen Clarkson, Chefin von „The Climate Group“, bewertete die Daimler-Ansage hingegen gar als Signal, dass die Autoindustrie, „ihre volle Verantwortung für den Klimawandel übernehmen“ wolle.

Germanwatch lobte, es sei ein „starkes Signal, wenn wichtige Industrieunternehmen ankündigen, dass sie die Weichen in Richtung mehr Klimaschutz und mehr Wettbewerbsfähigkeit stellen wollen“. Dies sei Rückenwind für all jene in der Bundesregierung, die den klimapolitischen Stillstand der vergangenen neun Jahre überwinden wollten.

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