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Biolandwirt Rakash Chinappa baut auch Linsen an - den organischen Dünger stellt er selbst her.

Indien

Anbau ohne Kopfweh

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Immer mehr indische Bauern stellen auf biologische Landwirtschaft um. Dabei haben sie auch den europäischen Markt im Blick.

Liebevoll lässt Rakash Chinappa die Zweige mit den feinen Schoten durch die Finger gleiten. Die gelben Bio-Linsen sind etwas Besonderes für ihn. Früher hat der Kleinbauer aus Kodalipura am Rande der indischen Millionenstadt Bangalore nur Chili angebaut. Heute ist aus der Monokultur der scharfen Schoten ein Feld mit vielen Früchten geworden. Am Rande seines Ackers, der etwa einen halben Hektar groß ist, wachsen kräftige Linsen- und Bohnensträucher. Auf dem Feld recken sich Chili und Okraschoten gen Himmel. Aus der Krume bricht Dill und Koriander. 

„Ich baue jetzt biologisch an“, sagt der 43-Jährige stolz. Abnehmer ist die Kooperative Sahaja Organics. Sie unterhält eine Ankaufstation, nicht weit von Chinappas Feld. Dort liefern 40 Bio-Landwirte aus dem Umkreis ihre Erzeugnisse ab. Sie versorgen damit Verbraucher in der rund 40 Kilometer entfernten Metropole. 

Auf dem Feld von Chinappa ist die wuselige Großstadt weit weg. Bienen summen und Schmetterlinge flattern vorbei. Die grünen Bohnen sind knackig und schmecken mild nach Nuss. Von selber wäre er nicht auf die Idee gekommen, auf Bioanbau umzustellen, erzählt er. Die Nationale Landwirtschaftsbank hat mit Unterstützung der Bundesregierung und der Förderbank KFW ein Programm ins Leben gerufen, um nachhaltige Praktiken in Indiens Landwirtschaft zu fördern. Das ist wichtig in einem Land, in dem der Agrarsektor noch rund 17 Prozent der Wirtschaftsleistung erbringt und, so die KFW, „direkt oder indirekt die Lebensgrundlage für zwei Drittel der Bevölkerung“ bildet. Außerdem ist die Landwirtschaft ein bedeutender Emittent von Treibhausgasen, etwa wegen des Einsatzes von mineralischem Dünger. Und sie verbraucht viel Wasser. 

Beide Aspekte spielen auch auf dem Feld von Bauer Chinappa eine Rolle. Mit technischer Hilfe der Kooperative hat er auf Tröpfchenbewässerung umgestellt. Dadurch verbraucht er nur halb so viel Wasser wie im konventionellen Anbau. Was für sein persönliches Wohl noch wichtiger ist: Er verwendet ausschließlich biologischen Dünger. „Von dem chemischen Dünger habe ich Kopfschmerzen bekommen und mir war oft übel“, erzählt er. „Das ist jetzt vorbei.“

Die Bio-Bauern von Bangalore machen ihren Biodünger selbst. Sie nennen ihn Panchajanya – einem Begriff aus der Hindu-Mythologie, der mit der Zahl Fünf zu tun hat. Fünf Zutaten sind es auch, die mindestens in den Bio-Nährstoff-Shake für den Acker kommen: Kuhurin, Kuhdung, das Speisefett Ghee, Buttermilch und Rohrzucker. Der flüssige Dünger muss regelmäßig gerührt werden und 20 Tage fermentieren. Alle zwei Wochen kommt er auf das Feld. 

Für Bauern wie Chinappa lohnt sich die Umstellung. „Ich verdiene heute 30 Prozent mehr als vorher. Und die Einnahmen sind stabiler, weil ich nicht mehr von den Preisen für Chili alleine abhängig bin“, sagt er. Jetzt verdient er mit seinem kleinen Feld etwa 250 Euro im Monat. 

Auch die Vermarktung ist einfacher geworden. Früher musste er mit dem Mofa bis nach Bangalore fahren, um seinen Chili zu verkaufen. Jetzt bringen die Bauern ihre Ware zur nächsten Ankaufstation, von wo die Kooperative sie in ihre Lager transportiert. 

Sahaja arbeitet in ganz Indien mit 2000 zertifizierten Landwirten zusammen. Die indische Nachfrage für Bioprodukte wachse und erreicht ein Prozent am Gemüse – und Getreideabsatz, erklärt Direktor Krisna Prasad. Während in den heimischen Märkten Bioprodukte oft bis zu 100 Prozent teurer seien als konventionelle Ware, betrage der Unterschied bei Sahaja nur 20 bis 30 Prozent. 

Neben einem besseren Einkommen und dem schonenden Umgang mit Boden und Wasserressourcen geht es der Gemeinschaft noch um etwas anderes: „Wir unterhalten eine Samenbank, um die Vielfalt indischer Landwirtschaft zu bewahren“, sagt Anitha Reddy, eine Gesellschafterin der Kooperative. „Die Samenbank liegt in der Verantwortung der Frauen.“ Es gebe einige Biofarmen, die von Frauen geleitet werden, sagt sie.

Die Kooperative handelt 40 traditionelle Reis- und mehr als 50 Gemüse- und Obstsorten, außerdem Gewürze, Kräuter und Honig. Daneben hat Sahaja Exoten im Programm, etwa das aus Lateinamerika stammende Quinoa-Getreide und die Ölsaat Chia. Die Nachfrage nach diesem „Superfood“ boomt in Europa. Die Preise sind hoch. Das weiß auch Sahaja-Direktor Prasad. „Wir wollen damit nach Deutschland“, erklärt er. Auf der an diesem Samstag endenden Biofachmesse in Nürnberg hat die Kooperative erstmals ihr Angebot präsentiert. Gelingt der Schritt auf den deutschen Markt, sind vielleicht künftig in hiesigen Bio-Märkten auch die Linsen von Kleinbauer Chinappa aus Kodalipura zu finden.

Biologischer Landbau

Indien ist hinter China das zweitgrößte Schwellenland der Erde und eine der zehn größten Volkswirtschaften. Zugleich liegt die Armutsrate (Kaufkraft unter 1,90 Dollar pro Tag) bei 20 Prozent.

Die Landwirtschaft erbringt 17 Prozent der Wirtschaftsleistung und bildet für zwei Drittel der Inder, die auf dem Land leben, ihre Lebensgrundlage. Die Umstellung auf einen zertifizierten Biobetrieb dauert in Indien drei Jahre. Um keine Ausfälle zu haben, stellen Bauern, die mehrere Hektar Land bewirtschaften, peu à peu auf Ökolandbau um. Pro Hektar können sie damit 450 bis 500 Euro erzielen – 30 bis 50 Prozent mehr als im konventionellen Anbau.

Die Biofach ist die weltweit größte Messe für ökologische Konsumgüter. In diesem Jahr präsentieren vom 13. bis 16. Februar 3273 Aussteller aus 98 Ländern ihre Produkte. Die Branche beschäftigt sich auf der Messe unter anderem auch mit der Frage, wie umweltbewusst, zukunftsorientiert und sozial Bioprodukte sind. (ori)

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