Neue Minen

Indien gibt sich sauber, setzt aber auf Kohle

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Die Regierung plant mindestens 40 neue Minen. Indigene Gruppen, wertvolle Wälder und viele Tierarten sind bedroht

Indien gibt gerne den Vorreiter bei den erneuerbaren Energien. Erst kürzlich hat Premierminister Narendra Modi im Bundesstaat Madhya Pradesh das größte Solarkraftwerk Asiens mit 750 Megawatt Spitzenleistung eingeweiht. Die Photovoltaik sei „sure, pure and secure“ (etwa: verlässlich, umweltfreundlich und sicher), sagte er. Doch gleichzeitig versucht die Regierung, der darbenden Kohlebranche im Land einen Push zu geben. Nicht weniger als 40 neue Kohleminen sind geplant, für die 170.000 Hektar Wälder gerodet werden sollen – eine Fläche, 1000 Mal so groß wie der Hambacher Forst in NRW. Das Projekt ist umstritten.

Die Elektrizitätsversorgung des Riesenlandes mit seinen über 1,3 Milliarden Einwohnern beruht noch zum größten Teil auf Kohle. Allerdings ging die Kohleverstromung wegen der Corona-Krise deutlich zurück, um bis zu 30 Prozent. Teil des von der Regierung in Neu-Delhi aufgelegten Corona-Wiederaufbauprogramms sind gigantische Kohleprojekte im Zentrum und im Osten des Landes. Als Ziele nennt die Modi-Regierung, man wolle Indiens Abhängigkeit von Energieimporten verringern und die ökonomische Entwicklung in den betreffenden Regionen vorantreiben.

Indien öffnet mit dem Projekt den bisher staatlichen Kohlebergbau auch für die Privatwirtschaft. Im Juni startete sie die Versteigerung der geplanten Abbauflächen. Die Regierung hofft, dass damit Hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden. „Die Menschen in diesen Bezirken streben nach Entwicklung“, sagte Modi. Es gebe dort „riesige Kohlevorräte“, aber die Menschen dort könnten bisher nicht von diesem Rohstoff-Reichtum profitieren.

Der Premier kündigte an, das Land werde umgerechnet 6,5 Milliarden Dollar für neue Kohleinfrastruktur ausgeben und versprach: „Zusätzliche Einnahmen durch Kohleproduktion werden für öffentliche Wohlfahrtssysteme verwendet.“ Zu den Interessenten für die Minen gehört etwa die Adani-Gruppe, die Indiens größte Kohlekraftwerke betreibt. Nächste Woche soll bekannt gegeben werden, wie viele Unternehmen Gebote abgegeben haben.

Eine ganze Reihe der geplanten Kohle-Tagebaue liegt in ökologisch sehr wertvollen Wäldern, betroffen sind zudem Siedlungsgebiete von indigenen Gruppen. Die Pläne treffen daher lokal, aber auch überregional auf Protest. Vier betroffene Bundesstaaten kritisierten die Pläne. Teils wurden daraufhin geplante Abbauflächen räumlich verschoben, eines der ursprünglich 41 Minenprojekte wurde auch ganz fallen gelassen, da es sich mit einem bestehenden Tigerreservat überschnitten hätte. Für die restlichen Flächen läuft das Auktionsverfahren weiter.

Zu den prominenten Kritikern der Kohlepläne gehört auch der ehemalige Umweltminister Jairan Ramesh. Er attackierte den Premier: „Modi gibt weltweit den großen Umweltchampion, aber seine Erfolgsbilanz besteht darin, die Umweltgesetze und -vorschriften komplett zu lockern.“

Experten halten es unterdessen für fraglich, ob die Strategie der Regierung voll aufgehen wird. Indien ist nach China zwar weiterhin der zweitgrößte Kohleverbraucher der Welt und importierte in Vor-Corona-Zeiten jährlich rund 250 Millionen Tonnen davon, unter anderem aus Australien. Aufgrund der stark gesunkenen Kosten für die Ökoenergien ist es aber gerade im sonnenreichen Indien inzwischen billiger, Strom mit Sonne oder Wind zu erzeugen als mit Kohle.

Laut einer Analyse des US-Forschungsinstituts „Ieefa“ stellten erneuerbare Energien im Geschäftsjahr 2019/20 mehr als zwei Drittel der neu installierten Stromkapazitäten in Indien. Experten erwarten zudem, dass der Strombedarf im Land in den nächsten fünf Jahren wegen der Corona-Folgen um bis zu 15 Prozent niedriger liegen wird als vor der Krise. Ein aktueller Bericht des umweltorientierten Forschungszentrums zu Energie und sauberer Luft (Crea) mit Sitz in Helsinki zeigt, dass die Kapazitäten der vorhandenen staatlichen indischen Kohleminen mehr als ausreichend sind, um den für 2030 erwarteten Kohlebedarf zu decken.

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