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In sieben Jahren soll niemand mehr hungern müssen

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Von: Pitt von Bebenburg

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„Wir haben es satt“: Protest für eine klima- und tiergerechte Landwirtschaft am Samstag in Berlin. epd
„Wir haben es satt“: Protest für eine klima- und tiergerechte Landwirtschaft am Samstag in Berlin. epd © epd

Özdemir bekräftigt Ziel bei internationaler Agrarministerkonferenz.

Außenminister ist er nicht geworden, obwohl er dafür im Gespräch war. Aber auch als Agrarminister kann Cem Özdemir zeigen, dass er internationale Diplomatie beherrscht.

Am Wochenende in Berlin empfing der Grünen-Politiker im dunklen Anzug Vertreterinnen und Vertreter aus 64 Staaten. Er sprach mit ihnen über die Krisen der Welt – von der globalen Ernährungskrise über die Klimakatastrophe und das Artensterben bis zum Ukraine-Konflikt. Fast wie ein Außenminister.

Laue Ukraine-Erklärung

Dabei stieß er an ähnliche Grenzen wie seine Parteifreundin Annalena Baerbock, die Außenministerin. Die Agrarministerinnen und Agrarminister konnten sich in ihrem Abschluss-Kommuniqué nicht auf eine klare Verurteilung des russischen Krieges gegen die Ukraine verständigen. Die gemeinsame Formulierung lautete schließlich: „Die meisten Mitglieder verurteilen den Krieg in der Ukraine aufs Schärfste und betonen, dass er immenses menschliches Leid verursacht und die bestehenden Unsicherheiten der Weltwirtschaft verschärft.“

Weltweit hungerten 800 Millionen Menschen, schilderte der deutsche Minister Özdemir. Sogar zwei Milliarden Menschen hätten keinen gesicherten und dauerhaften Zugang zu Nahrungsmitteln. Der deutsche Minister bekräftigte den Anspruch der Welt-Nachhaltigkeitsziele, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu beenden – und darauf verständigte sich auch die Ministerkonferenz. Das seien nur noch „acht Ernten“, betonte Özdemir, die Zeit dränge.

Die Afrikanische Union (AU) verfolgt ambitioniertere Ziele. AU-Landwirtschaftskommissarin Josefa Sacko sagte in Berlin: „Unser Bestreben ist es, den Hunger bis 2025 zu beenden, nicht erst bis 2030.“ Sie räumte allerdings ein, dass nur eines der 55 afrikanischen Länder auf dem Weg sei, dieses Ziel zu erreichen. „Wir müssen die Anstrengungen beschleunigen“, verlangte die Angolanerin.

Özdemir stellte in diesem Zusammenhang die bisherige Agrarpolitik der Europäischen Union (EU) in Frage. Man müsse sich darüber Gedanken machen, ob der Export von landwirtschaftlichen Produkten aus Europa „dazu beigetragen hat, dass in Afrika heimische Märkte, etwa für Geflügel, etwa für Milch, keine Chance mehr haben“, sagte Özdemir.

Künftige Agrarpolitik müsse eher darauf bauen, „Getreidesilos zu bauen statt Getreidesäcke zu schicken“, fügte der Landwirtschaftsminister hinzu. Zugleich forderte er ein, dass „good governance“ Voraussetzung für Ernährungs-Partnerschaften sei, also ein demokratisches Regierungshandeln, das Korruption unterbindet.

Der Minister betonte, Deutschland und die Europäische Union müssten im Kampf gegen den Hunger in Afrika endlich präsenter sein. „Wir dürfen das Feld nicht den autoritären Staaten überlassen, die dort aktiv sind und durch ihre Investitionen versuchen, neue Abhängigkeiten zu schaffen.“

Die Bundesregierung vereinbarte dazu mit der Afrikanischen Union eine „Zukunftspartnerschaft“, um Ernährungssysteme krisenfester zu machen. „Wir haben keine kolonialen Absichten, sondern wir wollen Partnerschaften auf Augenhöhe“, versicherte Özdemir.

Tausende in Berlin

Die Konferenz tagte parallel zur internationalen Agrarmesse Grüne Woche in Berlin. Zum Beginn der Messe zogen mehrere tausend Menschen für eine umweltfreundliche und nachhaltige Landwirtschaft unter dem Motto „Wir haben es satt“ vom Brandenburger Tor durch das Berliner Regierungsviertel. Das veranstaltende Bündnis aus rund 80 Agrar-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sprach von rund 10 000, die Polizei von rund 7 000 Teilnehmenden.

Nach Angaben der Veranstalter wurde eine Protestnote mit Forderungen an Özdemir übergeben. In dem Sechs-Punkte-Plan würden unter anderem faire Erzeugerpreise, gute Löhne für alle, ein Ende der Lebensmittelverschwendung und eine faire Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gefordert, teilte das Bündnis mit. (mit epd/dpa)

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