1. Startseite
  2. Wirtschaft

In Frankreich geht das Licht aus

Erstellt:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

Statt der Regierung stimmen indes Pariser Medien die Menschen auf Blackouts im Januar ein, falls es im Winter zu Versorgungsengpässen kommen sollte.

Paris/Frankfurt – Jetzt also doch: Seit mehreren Monaten hatte die Regierung in Paris beteuert, ein nationaler Stromausfall sei sehr unwahrscheinlich. Jetzt werden die 65 Millionen Bewohner des Landes aber doch auf die Eventualität eines Blackouts eingestimmt. Und zwar auf sehr vorsichtige Weise: Am Donnerstag berichteten die Pariser Medien mit Bezug auf nicht näher bezeichnete „Regierungsquellen“, dass die ersten Unterbrechungen der Stromversorgung im Januar erfolgen könnten. Laut der Berichte will Premierministerin Elisabeth Borne die Präfekte, das heißt die Staatsvertreter in den Departements, detailliert instruieren.

Die Situation des französischen Stromnetzes ist ernst. 27 der 56 Atommeiler im ganzen Land sind wegen Wartungsarbeiten oder Sicherheitslecks außer Betrieb. Statt 60 Gigawatt Leistung produziert der imposante AKW-Park Frankreichs nur noch gut die Hälfte. Der Stromkonzern Electricité de France (EDF) hinkt seinem Versprechen, noch in diesem Jahr wieder 40 Gigawatt zu erreichen, seit Wochen hinterher. Anfang der Woche musste deshalb im lothringischen Saint-Avold ein zweites Kohlekraftwerk angeworfen werden, obwohl Präsident Emmanuel Macron geschworen hatte, die CO2-Schleudern endgültig abzuschalten.

Das Palais du Louvre: Paris hat Strom.
Das Palais du Louvre: Paris hat Strom. © Imago

Frankreich bereitet sich auf Blackout vor: Strom auf gestaffelte und gezielte Weise kappen

Diese Energiequelle genügt Frankreich aber so wenig wie der Stromimport aus Deutschland und Belgien. Die Appelle zum Energiesparen zeitigen offenbar zu wenig Resultate. Die nächtliche Straßenbeleuchtung wird eingeschränkt, die Wassertemperatur in den Schwimmbädern gesenkt und das Homeoffice wie zu Covidzeiten gefördert. Der Arbeitgeberverband Medef hat 16 Empfehlungen herausgegeben, darunter eine Bürotemperatur von 19 Grad. Beamte dürfen auf der Autobahn nur noch 110 Stundenkilometer fahren.

Doch all diese Vorkehrungen genügen nicht. Die Regierung bereit sich deshalb vor, den Strom auf gestaffelte und gezielte Weise zu kappen. Sie spricht wenig präzise von „délestage“ („Entlastung“, im Stromerjargon „Lastabwurf“). Das ominöse Wörtchen „Blackout“ soll offensichtlich vermieden werden, um die Ruhe im Land zu wahren. Die anonymen „Regierungsquellen“ erklären, dass die Stromabschaltungen nicht das ganze Land ins Dunkel stürzen würden; sie beträfen nur einzelne ausgewählte Gebiete „wie auf einem Leopardenfell“. Die betroffene Bevölkerung würde über die neue App Ecowatt drei Tage im Voraus informiert. Am Vorabend um 17 Uhr werde der Ausfall straßengenau festgelegt.

Der Stromausfall soll maximal zwei Stunden lang dauern und sich auf die Spitzenkonsumzeiten von acht bis 13 sowie von 18 bis 20 Uhr beschränken. Die Hauptbetroffenen sind Büros und Häuser, von denen in Frankreich zwei Drittel elektrisch geheizt werden. Öffentliche Ämter und Schulen würden in dem Fall am Morgen geschlossen. Die Eisenbahn bliebe zwar am Netz, nicht aber die Signale. Laut der Bahn SNCF dürften deshalb viele Züge ausfallen. Genauso wie die Ampeln im Straßenverkehr.

Deutschland könnte angesichts der Energiekrise und des Ukraine-Krieges ein Blackout drohen. Bestimmte Vorräte sollten Sie pro Person für zehn Tage im Haus haben.

Frankreich bereitet sich auf Blackout vor: Erste Anzeichen von Hamsterkäufen für Kerzen

Problematisch wird es, da auch die Kommunikationsnetze inklusive Notrufnummern von Polizei, Feuerwehr und Ambulanzen unterbrochen würden. Die Regierung behauptet, die generelle Notnummer 112 werden in Betrieb bleiben, doch Fachleute zweifeln daran. Die Direktorin des Handybetreibers Orange, Christel Heydemann, räumte ein: „Wir wissen nicht, wie sich das Telekom-Netz verhalten wird.“

Ausgenommen vom verordneten Blackout sind Wohnviertel, in denen sich Krankenhäuser, Gefängnisse, Polizeiwachen und Feuerwehrkasernen befinden. Wer in ihrer Nähe wohnt, entgeht also dem Blackout. Die ganze Innenstadt von Paris – wo solche Einrichtungen verdichtet vorkommen – dürfte deshalb keinen Stromausfall erleiden. Auch die Insel Korsika, die ihren Strom aus Italien bezieht, bliebe verschont. In allen anderen Landesteilen gab es am Donnerstag erste Anzeichen von Hamsterkäufen für Kerzen. Und nicht nur für Weihnachten.

Dass auch Deutschland von den Stromausfällen betroffen wäre, ist nicht zu erwarten, solange Frankreich weiterhin deutsche Elektrizität bezieht. Frankreich dürfte auch weiter Gas ins Saarland liefern, wie das im Gegenzug vereinbart wurde. Die französischen Gasspeicher sind nämlich gut gefüllt. (Stefan Brändle)

Auch interessant

Kommentare