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Uff, ist das trocken. Das Flussbett der Loire bei Ancenis in Frankreich in diesem August.

Klimawandel

„In Europa gibt es keine Gewinner“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Nordost-Sibirien und Nordkanada könnten vom Klimawandel profitieren. Doch für die meisten Regionen der Welt gilt das nicht. Eine neue Studie zeigt: Die wirtschaftlichen Folgen könnten sogar noch verheerender sein als bislang gedacht.

Die Klimaerwärmung schädigt die Weltwirtschaft. Das zeigte der Wirtschafts-Nobelpreisträger William Nordhaus bereits in den 1990er Jahren in seinen bahnbrechenden Modellberechnungen zu diesem Thema. Doch offenbar wurden die ökonomischen Verluste durch die Erwärmung bisher unterschätzt. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun: Ohne durchgreifende Klimapolitik wird die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2100 um sieben bis 14 Prozent niedriger sein als sonst zu erwarten wäre. In Ländern in den Tropen können es sogar mehr als 20 Prozent weniger sein. Dabei sind die Folgen von steigenden Wetterextremen gar nicht eingerechnet.

Der Pariser Weltklimavertrag gibt als „Leitplanke“ für die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert maximal 1,5 bis zwei Grad vor. Derzeit steuert die Weltgemeinschaft hingegen auf drei bis vier Grad bis 2100 zu. Verschärfen die rund 200 Staaten der Welt ihre nationalen Klimapläne nicht drastisch, werden die Produktionsleistung und der Wohlstand in aller Welt voraussichtlich deutlich stärker beeinträchtigt, als es durch bisherige Modellstudien beziffert wurde. Das zeigt die neue Studie, die von den Klima-Thinktanks MCC (Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change, Berlin) und PIK (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) erarbeitet wurde.

Die bisher bekannteste Untersuchung zum Thema ist der 2006 veröffentlichte „Stern-Report“ des britischen Ökonomen Nicholas Stern. Darin werden die ökonomischen Kosten des Klimawandels für das Jahr 2100 mit fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung angegeben. Laut der neuen Studie liegt der Wert im Schnitt tatsächlich etwa doppelt so hoch. Erschienen ist die Untersuchung jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of Environmental Economics and Management“.

Die größten Verschmutzer

Bisher wurden die Klimaschäden für die Wirtschaft meist summarisch für die Ebene der Nationalstaaten berechnet. Die Forscher von MCC und PIK hingegen schauten genauer hin. Sie entwickelten einen umfangreichen Datensatz, der zeigt, wie sich der Klimawandel in den einzelnen Regionen auswirkt – also zum Beispiel in den US-Bundesstaaten, chinesischen Provinzen oder französischen Départements.

„Wir haben die empirischen Daten von 1500 Regionen in 77 Ländern der Erde zugrunde gelegt“, erläutert MCC-Forscher Professor Matthias Kahlkuhl im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Dadurch würden die tatsächlichen Folgen viel genauer abgebildet als alleine durch nationale Mittelwerte. Die genutzten Daten reichen laut den Experten für einige Regionen in den Industriestaaten bis zu rund 100 Jahre zurück, schlechter ist die Datenlage hingegen für weite Teile Afrikas.

Der MCC-Forscher betont, dass die Schäden auf dem Globus sehr unterschiedlich verteilt seien. Heute bereits arme Regionen würden am meisten unter der anhaltenden Erwärmung leiden, darunter vor allem tropische Länder, während einige Regionen ganz im Norden sogar davon profitieren könnten – darunter Nordost-Sibirien und Nordkanada dank höherer Agrarproduktion. „In Europa gibt es keine Gewinner“, sagt er, „am größten sind die Schäden hier in Ländern, in denen es heute schon heiß ist, vor allem am Mittelmeer.“

Co-Studie-Autorin Leonie Wenz vom PIK erläutert: „Klimaschäden treffen unsere Unternehmen und Arbeitsplätze, nicht nur Eisbären und Korallenriffe.“ Als Beispiele nennt sie: Steigende Temperaturen führen in vielen Regionen zu niedrigeren Ernten, senken die Arbeitsproduktivität, besonders in der Bauindustrie und der Landwirtschaft, und bedeuten zusätzliche Belastungen und damit Kosten für die Infrastruktur, weil zum Beispiel Rechenzentren stärker gekühlt werden müssen.

Dabei ist der Ansatz der Studie eher konservativ, will sagen: Er unterschätzt die tatsächlichen Schäden. Es werden nämlich nur die unmittelbaren Folgen des Temperaturanstiegs betrachtet, nicht die Folgen von mehr oder stärkeren Extremwetter-Ereignissen oder des Meeresspiegel-Anstiegs. Es sei schwierig, diese seriös genau zu quantifizieren, meinen die Autoren. Und noch etwas kommt hinzu, wie Wenz erläutert: „Wir beziffern nur ökonomische Schäden. Außen vor bleibt auch, dass der Klimawandel Ökosysteme zerstört, die Biodiversität vermindert und die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Konflikten erhöht.“

Trotzdem dürfte die neue Studie die politische Debatte neu befeuern, in welcher Höhe die Staaten den Ausstoß von CO2 bepreisen und auf diesem Wege marktwirtschaftlich reduzieren sollten. Das Forscherteam ermittelte in einem weiteren Schritt, wie viel Schaden von einer einzelnen Tonne CO2-Ausstoß ausgeht, der in Zukunft von der Allgemeinheit zu tragen ist („social cost of carbon“). Dazu modifizierte es das von Nobelpreisträger Nordhaus entwickelte und seither weithin genutzte Klima-Ökonomie-Modell „DICE“. Ergebnis: Pro Tonne, die im Jahr 2020 emittiert wird, entstehen wirtschaftliche Schäden in Höhe von 76 bis 148 Euro, im Mittel also 112 Euro.

Eine von der Weltbank und dem IWF unterstützte Kommission zum CO2-Preis hatte 2017 rund 100 Dollar (85 Euro) pro Tonne gefordert, das deutsche Umweltbundesamt (UBA) errechnete sogar Schäden von 180 Euro. Das UBA verwendet sogenanntes „Equity-weighting“, bei dem die Klimaschäden in ärmeren Länder noch einmal stärker gewichtet werden. Damit wird die problematische Nord-Süd-Verteilungswirkung des Klimawandels berücksichtigt. „Das haben wir in unserer Studie nicht gemacht, weil bei uns die empirische Erfassung der Klimaschäden im Vordergrund stand“, erläutert Kalkuhl. „Mit einem solchen Korrekturfaktor würden unsere Zahlen aber in etwa dreimal so hoch ausfallen.“

Die aktuell erhobenen CO2-Preise liegen deutlich niedriger. Im EU-Emissionshandel, der für Kraftwerke, Industrie und Flugverkehr gilt, schwankt er derzeit zwischen 20 und 30 Euro pro Tonne; und der in der Bundesrepublik geplante nationale CO2-Preis etwa für Heizenergie und Sprit beginnt 2021 mit 25 Euro und steigt bis 55 Euro im Jahr 2025. „Nach dem Verursacherprinzip müssten diese Preise deutlich nach oben angepasst werden“, fordert Kahlkuhl.

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