Roboter4_190820
+
Der europäische Marktführer Kuka sieht in Robotern die Lösung für den Fachkräftemangel.

Roboter

Immun und unermüdlich

Können Roboter in der Corona-Pandemie zu echten Krisenhelfern werden? Sicher ist: Covid-19 hat der Robotik trotz vieler Bedenken einen ungeahnten Schub verpasst – und zwar in ganz unterschiedlichen Branchen.

Bei diesem Corona-Test trifft man keine Menschen. Ein einzelner Mann fährt in seinem Auto langsam in die Covid-19-Teststation ein. Eine Videoanleitung zeigt ihm, was zu tun ist: Der Fahrer hält an, scannt seinen Personalausweis und desinfiziert sich die Hände. Von Roboterarmen bekommt er ein frisches Teststäbchen durchs Autofenster gereicht, das er im Mund kreisen lässt. Anschließend übergibt er dem unscheinbaren Greifarm das Stäbchen. Der Roboter legt es ab und verknüpft es sogleich mit den Daten des Mannes – kontaktlos, schnell, sicher. Und vor allem eines: vollautomatisch. Der perfekte Drive-Thru-Test in unsicheren Zeiten, er funktioniert anhand von Maschinen.

Ganz ohne menschliches Zutun kommt man allerdings auch auf dem Testgelände im bayerischen Unterfranken nicht aus. „Um sicherzustellen, dass jeder Test verwertbar ist, kann die Abstrichentnahme per Kameraübertragung von einer medizinisch ausgebildeten Person überwacht werden“, sagt Severin Bobon, Mitinhaber der Firma Boka Automatisierung, die das Drive-in-Verfahren per Roboter entwickelt hat. Die Vorteile liegen auf der Hand: Weil Videosystem und Roboter viele wichtige Arbeitsschritte übernehmen, könne ein Arzt mehrere Teststationen gleichzeitig kontrollieren. Andere Mediziner würden dadurch entlastet und Massentests leichter möglich gemacht.

Ganz neu ist die Idee nicht: Roboter kommen seit vielen Jahren in der Medizin und Pharmabranche zum Einsatz. Sie stellen medizinische Laborprodukte her, sortieren Blutproben und helfen bei der Beseitigung von Keimen in Krankenhäusern.

In der Pandemie können Roboter ihre Vorteile nun ganz ausspielen: Sie arbeiten präzise und unermüdlich, sie sind immun gegen Krankheiten, stecken niemanden an und können auch in kritischen Bereichen eingesetzt werden, in denen nicht viel Platz ist. Und das alles ganz ohne Abstand zu halten. „Diese Vorteile standen bei der Entwicklung sicher nicht im Vordergrund, aber das ist ein guter Nebeneffekt“, sagt Patrick Schwarzkopf, Robotik-Geschäftsführer beim Branchenverband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Gerade beim Durchführen von Tests sei die Robotik hervorragend geeignet, um bei der Pandemiebekämpfung zu helfen.

Ein Mensch würde bei stupiden, repetitiven Aufgaben – wie zum Beispiel 10 000 Mal ein Tröpfchen in einen Träger geben – schon mal einen Fehler machen, während Roboter die eindeutige Rückverfolgbarkeit der Proben gewährleisten. „Durch die Laborautomation kann der Mensch die höherwertigen Tätigkeiten übernehmen, was gleichzeitig Kosten spart und Arzneien günstiger macht“, sagt Schwarzkopf. Auch die Impfstoffentwicklung werde so beschleunigt.

Es ist besonders die kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser oder Pflegeheime, die in der Krise ungemein von der unerwarteten Unterstützung profitiert. Ein Beispiel ist etwa Robshare, ein mittelständisches Unternehmen in Rheinböllen, Rheinland-Pfalz: Etwas unschlüssig blickt der ältere Herr mit Gehstock auf den weißen Kommunikationsautomaten vor ihm im Flur. Ein nur etwa halb so großer Roboter namens James schaut mit seinem breiten Bildschirm zu ihm auf. James ist mit einer Sprachsteuerung ausgestattet. Über den Screen kann der Senior im virtuellen Meeting mit seinen Familienangehörigen sprechen – ohne sich als Teil einer Risikogruppe der Gefahr einer Infektion auszusetzen. Während viele Pflegeheime noch immer kaum Besucher empfangen können, ermöglicht ihm der Roboter die Kommunikation nach außen.

„Es war wirklich überwältigend zu sehen, wie die Menschen beim Test reagieren“, berichtet Marketingchef Konstantin Dick, der zu Hochzeiten der Pandemie sechs Altersheime mit dem Roboter ausgestattet hat. „Die Bewohner haben geklatscht, als James an ihnen vorbeigefahren ist.“ Einem Mann seien beim Anblick seines Enkels sogar die Tränen gekommen.

Kleine Roboter mit Servicecharakter wie James können in Pandemiezeiten sehr nützlich sein. Auch solche, die einfache Dienstleistungen für den Menschen übernehmen, wie die von Robotern genommenen Rachenabstriche in Unterfranken zählen dazu. Als „Cobots“ – kleine, kooperative Automaten – arbeiten sie Hand in Hand mit dem Menschen zusammen. Serviceroboter kommen nicht nur im Altersheim, sondern auch im Einzelhandel oder der Landwirtschaft zum Einsatz. Dabei müssen sie keine Schutzkleidung tragen und gefährden niemanden.

Hersteller wie ABB, Kuka oder Universal Robots berichten daher gerade in der Corona-Krise von gestiegenem Interesse – auch wenn der Anteil der Cobots gegenüber dem aller verkauften Roboter noch eher gering ist.

Weit vorangeschritten hingegen ist die Automation schon in der Automobilbranche, hauptsächlich im Fahrzeugbau. Den Großteil stellen hier schwere Industrieroboter, die etwa schweißen, schrauben, montieren. Die Branche hatte zu Beginn der Corona-Krise mit erheblichen Einbußen zu kämpfen, doch das Geschäft wächst wieder, Manager Schwarzkopf zufolge sei die Talsohle mittlerweile durchschritten. „In der Wirtschaft ist ein ungebrochenes Potenzial für die Robotik und Automation vorhanden, auch wenn viele Betriebe noch immer durch die Auswirkungen des Lockdowns getroffen sind“, sagt Schwarzkopf. Der Einbruch der globalen Lieferketten hätte den Firmen die Notwendigkeit aufgezeigt, beständiger gegen Ausfälle zu werden: „Die Diskussion um eine lokalere Produktion ist im vollen Gange.“ Die Automation habe einen großen Vorteil gerade bei einer möglichen Rückverlagerung der Produktion, da die Lohnkosten in Deutschland hoch seien und es sich bei den meisten Angestellten in Unternehmen ohnehin um Facharbeiter handele, die für gewisse Tätigkeiten überqualifiziert seien. Schwarzkopf sagt: „Die kollaborativen Roboter sind wie der dritte Arm, der den Leuten zum richtigen Zeitpunkt das Werkstück reicht.“

Nicht alle sehen das so euphorisch. „Es ist wichtig, den Einsatz der Techniken frühzeitig zu gestalten“, warnt Professor Axel Haunschild von der Leibniz-Uni Hannover. „Meine Beobachtung ist eher, dass das in der Krise verloren geht.“ Insbesondere in der Pflegebranche sieht der Arbeitswissenschaftler noch viel Aushandlungsbedarf darüber, wann Roboter nur unterstützen und wann sie Kernarbeit übernehmen. Das Automatisieren von Arbeitsplätzen betreffe auch nicht nur einfach Qualifizierte, sondern auch Facharbeiter. Nötig sei es, die Beschäftigten weiterzubilden, bevor der digitale Kollege Einzug hält: „Das muss oft von Gewerkschaften und Betriebsräten getrieben werden.“

Automation könne darüber hinaus auch zur Verdichtung von Arbeit führen, wenn einfache Handreichungen ersetzt werden und dadurch die Arbeit im Kern immer intensiver wird.

Die Robotikbranche selbst sieht Arbeitsplätze naturgemäß nicht gefährdet, da sich Mensch und Roboter ergänzen würden. Tatsächlich zeigen wirtschaftsnahe Studien, dass die Zahl der Arbeitsplätze durch den vermehrten Einsatz von Robotern nicht zurückgegangen ist – eher im Gegenteil. Das Augsburger Unternehmen Kuka, europäischer Marktführer im Bereich Robotertechnik, teilt auf RND-Anfrage mit: „In vielen Branchen wird zudem das Ausmaß des Fachkräftemangels erst nach und nach deutlich. Robotik wird die Lösung sein, die fehlende Arbeitskraft auszugleichen und die vorhandenen Arbeitskräfte zu unterstützen.“

Roboter als Spielzeug.

Dennoch gibt es gegen die Nutzung von Robotern derzeit noch viele Bedenken. Auch in der Corona-Krise scheint nicht jede Art von Hilfe erwünscht. So hat das selbst gebaute Corona-Testgelände von Dorfprozelten in Unterfranken einen entscheidenden Haken: Der innovative Drive-in wurde bisher noch gar nicht benutzt. Zu groß sind die Bedenken von Ärzten und Medizinern, die Testpersonen könnten den Rachenabstrich womöglich falsch vornehmen, etwa nicht tief genug streichen.

Inhaber Severin Bobon frustriert das, denn er hatte große Pläne: „Wir könnten 80 bis 100 Anlagen liefern – pro Woche. Unser Testverfahren minimiert das Infektionsrisiko erheblich, da kein zwischenmenschlicher Kontakt nötig ist.“ Mittlerweile sei im Übrigen auch ein Wangenabstrich als Test möglich. Immerhin sei man mit einigen Bundestagsabgeordneten und dem RKI im Gespräch, viel passiert sei aber nicht. Verstehen tut Bobon das nicht, denn: „Wir könnten definitiv helfen.“ Von Maximilian Arnhold

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare