+
Das Interesse der Immobilienkunden sei zurzeit noch stabil.

Corona-Krise

Nur eine Delle im Immobilienmarkt

  • schließen

Noch hat der Immobilienmarkt durch Corona nicht gelitten. Experten erwarten – wenn überhaupt – nur einen kurzen Einbruch.

Die Altbauwohnung in Waidmannslust kann per Live-Video-Call besichtigt werden. Vier Zimmer mit Terrasse kosten 399 000 Euro und warten auf Interessenten. Wer in Berlin nach Immobilien sucht, wird auf den gängigen Portalen weiter fündig. Noch werden Wohnungen sowohl angeboten, als auch verkauft. „Ich sehe eher eine Delle als einen Einbruch“, sagt ein Berliner Makler, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Nachfrage sei etwas zurückgegangen, doch die Qualität der Bewerber gleichzeitig gestiegen. Vor Corona seien auch Menschen „aus Langeweile“ zu Besichtigungen gekommen. Wer jetzt Makler kontaktiere, habe ernsthafte Absichten.

Die Einschätzung des Maklers teilen auch Immobilienexperten. Sandra Schaffner vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sieht die Lage zurzeit noch vorsichtig positiv. „Grundsätzlich gilt: Verglichen mit anderen Ländern kommt Deutschland – nach heutiger Einschätzung – relativ gut aus der Krise.“ Die Ökonomin hat die Corona- mit der Finanzkrise 2008 verglichen. Damals blieben die Mietpreise stabil, doch die Kaufpreise brachen ein. Dazu könne es auch jetzt kommen – allerdings auf niedrigerem Niveau und nur für kurze Zeit, prognostiziert sie.

Schaffner sieht auch das Potenzial für positive Entwicklungen. Sie erwartet einen stärkeren Ausgleich zwischen den Immobilienpreisen in der Stadt und auf dem Land. „In der Krise haben die Städte viele ihrer Vorteile eingebüßt.“ Kulturelle Veranstaltungen fielen aus und der Lockdown in einer Wohnung sei schwerer auszuhalten als in einem Eigenheim mit Garten. Sie sieht die Möglichkeit, dass Corona die Landflucht, also den Wegzug von Menschen aus ländlichen Regionen in die Stadt, bremse, weil das Leben außerhalb der Großstadt an Attraktivität zugenommen habe.

Das Schwetzinger Marktforschungsunternehmen iib-Institut Dr. Hettenbach hat eine Webseite zur Entwicklung der Immobilienmarktpreise in Corona-Zeiten online gestellt (corona-immobilienmonitor.de), um für mehr Transparenz zu sorgen. Noch sieht Institutsleiter Peter Hettenbach keinen Grund zu übertriebener Angst. „Nach der Schockstarre der ersten Wochen wird der Markt wieder in Gang kommen.“

Das Interesse der Immobilienkunden sei zurzeit noch stabil, wenn sich auch der Charakter der Marktteilnehmer stärker fokussiert habe. Handlungsdruck präge sowohl bei Käufern wie bei Verkäufern die Motivation. „Die Nachfrage im Wohnungsmarkt entsteht jetzt durch die Haushalte, die wirklich umziehen müssen“, sagt Hettenbach. Bei den Angeboten handele es sich dagegen häufig um Objekte, die verkauft werden müssten.

Besichtigungen

Wohnungsbesichtigungen mit vielen Interessenten sind derzeit nicht erlaubt. Eine Besichtigung darf dennoch stattfinden, wenn sie unbedingt notwendig ist, die geltenden Regeln eingehalten und strenge Hygiene-Maßnahmen getroffen werden.

Der Corona-Immobilienmonitor zeigt die Entwicklung der Preise auf Länder- und Gemeindeebene im Kontext der Corona-Infektionen. Berlin liegt, was die Virusinfektion betrifft, im deutschen Mittelfeld. Bei Kaufwohnungen aus dem Bestand (nicht Neubau) weist der Monitor sogar einen Preisanstieg von 3,3 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn aus. Die Zahl der Angebote stieg leicht von rund 3680 auf etwa 5300.

In der Pendlergemeinde Panketal sind die Preise im Vergleich zum Jahresbeginn um rund drei Prozent leicht gefallen, im benachbarten Bernau dagegen um 19 Prozent gestiegen. Hettenbach betont ebenfalls das Potenzial in den Randgebieten der Großstädte: „Wohngebiete, die gut mit Internet und Mobilfunk erschlossen sind, werden interessanter und deshalb mehr nachgefragt werden“, sagt er voraus. Es bleibe zu beobachten, wie das Thema Home-Office die Arbeitswelt, Mobilität und Wohnen allgemein verändern werde.

Ein Problem stellten häufig die Banken dar, die einen langen Vorlauf zur Kreditvergabe hätten. „Die mangelnde Kreditverfügbarkeit ist häufig ein Hemmnis auf dem Weg zum Immobilienverkauf“, sagt er. Auch die Grundbuchämter verzögerten den Prozess, ergänzt der Berliner Immobilienmakler. Mangels sicherer Datenleitungen könnten häufig nur einzelne Mitarbeiter der lokalen Grundbuchämter aktiv werden.

Nach Kauf oder Verkauf steht häufig der Umzug. Seit Privatumzüge wegen der Ansteckungsgefahr mit Corona verboten wurden, müssen Umzugsunternehmen gebucht werden. Diese berichten dennoch von starken Rückgängen im Geschäft. Besonders internationale Umzüge fallen aus. Die Euromovers-Unternehmen erstellen einen Branchenbarometer. „Der zeigt aktuell bis zu 70 Prozent weniger Aufträge im EU-Ausland und darüber hinaus“, berichtet Lothar Schüten, Geschäftsführer von Amadeus Umzüge aus Halensee.

Bei Objekt- und Büroumzügen sank der Umsatz um 55 Prozent, im Nahbereich bis 120 Kilometer um 35 Prozent. „Üblicherweise ziehen Menschen von Miet- in Eigentumswohnungen oder in Eigenheime“, sagt Schüten. Derzeit zögerten die Menschen jedoch, große Ausgaben zu tätigen und Haus oder eine Wohnung zu kaufen. „Die Leute haben Angst, wie es finanziell weitergeht.“

Ökonomin Schaffner beobachtet ebenfalls, dass die Risikobereitschaft der Menschen sinkt – vor allem aus Angst vor Arbeitslosigkeit. „Der Anteil derer, die Eigentum kaufen oder verkaufen, um in eine neue Region zu ziehen, wird kleiner“, sagt sie. Eine Lehre aus der Finanzkrise 2008 könne jedoch sein, dass die durch Corona ausgelösten Entwicklungen nicht lange anhalten. Der Grund: Das Land hat die Krise bisher gut bewältigt und die Arbeitslosigkeit ist kaum gestiegen.

„Eine Folge könnte sein, dass Menschen aus Spanien, Italien und vielleicht sogar Frankreich nach Deutschland kommen, um hier zu arbeiten“, sagt sie. Dadurch würde die Wohnungsnachfrage wieder steigen, besonders in den Metropolen. Ihr Schluss: „Die Pandemie wird eher nur zu einer kurzfristigen Atempause bei den Immobilienpreisen führen. Eine dauerhafte Kehrtwende ist nicht zu erwarten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare