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Immer mehr Länder auf der Kippe

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Das Podium: Martin Frick (WFP), Anke Oppermann (BMZ), Lutz Hartmann (Investor und Farmer), Silke Bollmohr (Inkota-Netzwerk), Anne Jung (Medico International) und Moderator Tobias Schwab (v.l.).
Das Podium: Martin Frick (WFP), Anke Oppermann (BMZ), Lutz Hartmann (Investor und Farmer), Silke Bollmohr (Inkota-Netzwerk), Anne Jung (Medico International) und Moderator Tobias Schwab (v.l.). © Renate Hoyer

Podiumsdiskussion über die dramatische Hungerkrise und Wege, die Ernährung im globalen Süden zu sichern.

Es ist die schlimmste humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch sie spielt angesichts von Ukraine-Krieg, Gaspreis-Schock und Inflationsängsten kaum eine Rolle im Bewusstsein der Menschen hierzulande. „345 Millionen Menschen weltweit sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen“, berichtete Martin Frick, Deutschland-Chef des Welternährungsprogramms der UN, jetzt beim „Forum Globale Gerechtigkeit“ in Frankfurt. Das heißt: Ohne diese Hilfen würden sie schlicht verhungern. Und: Diese Zahl hat sich Frick zufolge in den vergangenen Jahren verdreifacht. Das Forum wurde veranstaltet von der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, dem Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen und der FR, Titel diesmal: „Wer sichert die Ernährung?“ Ziel: Die „Kriegsfolgen für den globalen Süden“ beleuchten.

Das 2015 aufgestellte Ziel der UN, den Hunger in der Welt bis 2030 zu beseitigen, gerät zunehmend außer Reichweite. Frick machte klar, dass die sich zuspitzende Krise gleich mehrere Ursachen hat. Es gibt heute weltweit doppelt so viele Kriege und Konflikte wie vor zehn Jahren. Die Bewältigung der Corona-Pandemie habe weltweit rund 23 Trillionen Dollar gekostet, was die Volkswirtschaften schwäche, sagte Frick. Putins Ukraine-Krieg verschärft die Lage nun weiter, weil Getreideexporte ausfielen und sich die Preise zeitweise verdoppelten.

Der Klimawandel kommt, so der UN-Experte, als Problemtreiber hinzu. Inzwischen gebe es Hunger nicht mehr nur in besonders gefährdeten Regionen wie dem Horn von Afrika, dem Mittleren Osten und Nordafrika, sondern in 82 Ländern der Welt, also fast jedem zweiten der rund 200 Staaten. „Immer mehr Länder stehen auf der Kippe“, warnte Frick. Und: Noch sei das Hungerproblem tatsächlich ein „Verteilungsproblem“, denn es werde weltweit eigentlich genügend Nahrung produziert, um alle satt zu machen. Doch das könne sich ändern, etwa wegen der stark verteuerten Düngemittel und der Klimaveränderungen. „Wir haben eine systemische Krise“, sagte Frick.

Zwei NGO-Vertreterinnen beleuchteten die eskalierende Ernährungskrise in der Diskussion weiter. Silke Bollmohr vom entwicklungspolitischen Inkota-Netzwerk berichtete über die negativen Folgen der zunehmenden Monopolisierung in der Kunstdünger-Produktion. Es gebe weltweit nur noch einige wenige Konzerne, die den Markt bestimmten. Deren Preise seien unter anderem wegen der explodierenden Energiekosten extrem gestiegen. „Kleinbauern können sich das nicht mehr leisten“, sagte Bollmohr, dabei seien diese wegen der Verarmung der Böden durch die langjährige Kunstdünger-Nutzung darauf angewiesen. Doch die Hersteller hätten eben auch ihre Gewinne exorbitant nach oben geschraubt, ein norwegischer Konzern zum Beispiel um das 70-Fache. Hier müsse eine Preisdeckelung und eine Übergewinnsteuer eingeführt werden, forderte sie.

Anne Jung von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International betonte, die Krise werde dadurch verschärft, dass Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt im letzten Jahrzehnt zunehmend zum Objekt von Spekulation geworden seien. Agrarfonds hätten ihre Kurse im Schnitt versechsfacht, berichtete sie. Mit Hilfslieferungen in Hungergebiete werde man dieses strukturelle Problem nicht lösen können. Nötig sei daher eine Regulierung, die solche Auswüchse beseitigt. „Das muss in einer solchen Ernährungskrise umgesetzt werden“, forderte die NGO-Vertreterin. Dasselbe gelte für weitere Problemtreiber wie das Landgrabbing, den verschwenderischen Einsatz von Getreide für die Fleischproduktion oder die Nutzung von Anbauflächen für Agrosprit.

Welche Lösungswege die Bundesregierung verfolgt, stellte in der Diskussion Anke Oppermann vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) dar, die dort in der Abteilung Ernährungssicherheit arbeitet. Man müsse, einerseits, in sich zuspitzenden Krisenlagen „schnell helfen“. Deutschland ist denn auch tatsächlich einer der größten Geber des Welternährungsprogramms. Andererseits gelte es, in gefährdeten Ländern die eigenen Agrarstrukturen zu stärken – zum Beispiel mit Zugang zu Saatgut, das nicht von den Agrarkonzernen kontrolliert wird, und mehr Nutzung von organischem Dünger, was von teurer Agrarchemie unabhängiger macht.

Oppermann verwies dabei auf das vom BMZ initiierte „Bündnis für globale Ernährungssicherung“, mit dem die G7-Staaten, die Weltbank und weitere Institutionen sich zum Ziel gesetzt haben, die landwirtschaftliche Produktion zu sichern, den Agrarhandel aufrechtzuerhalten und so die Armuts- und Hungerrisiken zu reduzieren. Eine Initiative, die bei den NGOs freilich nicht ganz unumstritten ist, da es sich um eine Parallelinitiative zum eigentlich zuständigen UN-Welternährungsausschuss handele.

Für einen echten Lichtblick sorgte dann der deutsche Investor Lutz Hartmann, der seit sechs Jahren in Äthiopien eine Plantage für Obst und Gemüse betreibt und dabei vor allem auf den lokalen und regionalen Markt zielt. Ein Modell, das, wenn es Schule macht, viele Probleme lösen könnte. Auf 150 Hektar Fläche, die vorher kaum genutzt wurden, sind Felder entstanden, auf denen Produkte wie Tomaten, Kohl, Mangos und Papayas geerntet werden. Es sind 200 Arbeitsplätze entstanden, eine Schule wurde gebaut, es gibt Ausbildungsplätze. Hartmann betont zwar: „Wir haben da eine kommerzielle Farm, wir betreiben kein Sozialwerk.“ Doch das dürfte den Menschen, die dadurch nicht von Hunger bedroht sind, ziemlich egal sein.

Anle Oppermann: Anke Oppermann: „Es ist die Verantwortung der Regierungen, die Ernährung zu sichern.“
Anle Oppermann: Anke Oppermann: „Es ist die Verantwortung der Regierungen, die Ernährung zu sichern.“ © Renate Hoyer
Martin Frick: „Für 2022 brauchen wir über 22 Milliarden Dollar für Nahrungsmittelhilfe.“
Martin Frick: „Für 2022 brauchen wir über 22 Milliarden Dollar für Nahrungsmittelhilfe.“ © Renate Hoyer
Anne Jung: „Wir haben nicht verstanden, in welcher Katastrophe wir uns befinden.“
Anne Jung: „Wir haben nicht verstanden, in welcher Katastrophe wir uns befinden.“ © Renate Hoyer

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