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Mitarbeiter von Africa Greentec installieren in Mali einen Solartainer, der einem Dorf Strom liefert.
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Mitarbeiter von Africa Greentec installieren in Mali einen Solartainer, der einem Dorf Strom liefert.

Westafrika

Im Licht von ausgedienten Audi-Akkus

  • Tobias Schwab
    VonTobias Schwab
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Was anfangen mit gebrauchten Batterien von E-Autos? Das Sozialunternehmen Africa Greentec elektrifiziert jetzt Dörfer in Mali und Niger mit ausgemusterten Speicherelementen des Autobauers aus Ingolstadt.

Autobauer präsentieren ihre neuen SUV-Modelle gerne sportlich in alpinem Gelände oder auf sandigen Pisten. Der Audi E-Tron, dem gute Offroad-Eigenschaften nachgesagt werden, könnte vielleicht auch im afrikanischen Sahel eine gute Figur machen. Aber das würde dem Unternehmen mit den vier Ringen vermutlich keine vorteilhaften Schlagzeilen bringen.

Besser klingt da schon die Nachricht, dass Batterien, die im Elektro-SUV nach Jahren der Nutzung schlappmachen, künftig dafür sorgen sollen, ländliche Regionen Afrikas nachts mit Solarstrom zu versorgen. Eine entsprechende Kooperation hat der Ingolstädter Autobauer jetzt mit dem Sozialunternehmen Africa Greentec aus Hainburg (Kreis Offenbach) vereinbart.

Das mehrfach ausgezeichnete Start-up Africa Greentec (AGT) elektrifiziert in Westafrika abgelegene Dörfer mit sogenannten Solartainern. Im Grunde handelt es sich um robuste Photovoltaiktechnik, die in einen 40-Fuß-Container gepackt und nach Afrika verfrachtet wird. Die schlüsselfertigen Anlagen sind mit ausklappbaren Paneelen und Lithiumbatterien ausgestattet, die den Strom für die Abendstunden speichern.

Erneuerbare Energie: Eine zweite Lebensphase für Batterien

Die Akkus machen dabei rund 60 Prozent der Gesamtkosten der Solartainer aus. Mit ausrangierten Elementen aus dem Audi E-Tron könnten die nun um die Hälfte sinken, schätzt AGT-Chef Torsten Schreiber.

„Die globale Energiewende schaffen wir nur gemeinsam mit der Industrie“, freut sich Schreiber über die Kooperation. „Mit Audi haben wir einen hervorragenden Partner gewonnen, leistungsstarke und qualitativ hochwertige Batteriespeicher lange und sinnvoll einzusetzen.“

Denn Lithium-Ionen-Akkus, die es für die Beschleunigung von schweren Autos nicht mehr bringen, verfügen in der Regel immer noch über 70 bis 80 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität und sind damit noch gut genug für weniger stressige Anwendungen wie in den Solartainern von AGT. Dort verläuft das Laden und Entladen nur langsam, also deutlich schonender für die Batterien. Fachleute gehen von aus, dass diese zweite Lebensphase der Akkus noch bis zu zehn Jahre dauern kann.

Zweites Leben

Ausgemusterte Batterien aus Elektroautos sollen nicht nur in Westafrika zum Einsatz kommen. Audi verfolgt weitere Pilotprojekte, um die Speicher langfristig zu nutzen und den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Die Bauteile sollen erst dann recycelt werden, wenn sie tatsächlich keine Leistung mehr bringen.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos beispielsweise versorgten 2020 mobile Ladecontainer mit gebrauchten Akkus des Audi-E-Tron die elektrifizierte Flotte der Konferenz mit Strom aus lokalen Wasserkraftwerken.

Gemeinsam mit EnBW arbeitet Audi zurzeit auch an der Entwicklung stationärer Speicher, die Strom von Wind- und Photovoltaik-Parks in Phasen eines Überangebots zwischenlagern. Herzstück sind auch hierbei Altbatterien aus E-Fahrzeugen. Erprobt wird das gerade auf dem Gelände des EnBW-Heizkraftwerks in Heilbronn. tos

Etwa 240 ausrangierte Module haben die Ingolstädter dem Hainburger Start-up fürs Erste geliefert, wie Audi-Sprecher Benjamin Still erläutert. Die aus Erprobungsfahrzeugen stammenden Elemente wurden vorher geprüft und durchgemessen. In Hainburg bekommen sie nun neue Wechselrichter und werden in die Solartainer eingebaut.

„Audi freut sich, gemeinsam mit Africa Greentec einen weiteren spannenden Anwendungsfall für Second-Life-Speicher zu testen“, erklärt Hagen Seifert, Leiter Nachhaltige Produktkonzepte , beim Premiumhersteller. Die Hochvoltbatterien erfüllten höchste Qualitätstandards und seien bestens für die klimatischen Bedingungen in Afrika geeignet. Bewährt sich der Einsatz der Elemente im Sahel, könnte aus der Entwicklungskooperation eine dauerhafte Partnerschaft werden, heißt es bei Audi.

Erneuerbare Energie: 500 Mikrounternehmen profitieren

AGT-Chef Schreiber sieht jedenfalls eine große Perspektive. 25 Solartainer betreibt das Sozialunternehmen – bislang mit neuen Batterien des sachsen-anhaltinischen Technologiepartners Tesvolt – bereits im westafrikanischen Mali und Niger und elektrifiziert damit zahlreiche Dörfer, die ihren Strom früher mit Dieselgeneratoren produzierten. Mehr als 100 000 Menschen bringt das im mehrfachen Wortsinne Licht ins Leben. Die Sonnenenergie, die AGT liefert, ist günstiger, schont die Umwelt und treibt eine nachhaltige Entwicklung an.

Schulkinder müssen abends nicht mehr im Dunst giftiger Kerosinlampen lernen, Krankenstationen könnten Medikamente, Bauern ihre Milch kühlen, sagt Schreiber und nennt ein weiteres konkretes Beispiel für den Fortschritt, den der saubere Strom generiert. Ein kleiner Töpfereibetrieb, an dem neun Familien hängen, habe sich nun elektrische Knetmaschinen und Drehscheiben anschaffen können. Das spare Zeit und steigere die Produktivität. Beschäftigte könnten nun die Tagesreise in die Hauptstadt Bamako auf sich nehmen und die Waren dort zum drei- bis vierfachen Preis verkaufen.

Der ganztags verfügbare saubere Strom habe viele Menschen motiviert, Geschäftsideen voranzutreiben. AGT spricht von mehr als 500 Mikrounternehmen, die bereits entstanden seien und Jobs schaffen. Nähstuben, Schweißereien, Getreidemühlen zum Beispiel.

275 weitere Solartainer für Mali, Niger, Senegal, Tschad und Madagaskar habe AGT bereits „in der Pipeline“, sagt Schreiber. Die Vereinbarungen mit Dorfgemeinschaften und den politisch Verantwortlichen stehen. Jetzt geht es um die Finanzierung. Die Investitionsmittel für die ersten Projekte hatte Schreiber via Crowdfunding auf Plattformen wie Bettervest oder Crowd4Climate eingeworben. Später dann institutionelle Anleger in den Blick genommen und eine Tilgungsanleihe aufgelegt. Jetzt plant AGT einen Fonds, in den nur professionelle Investoren Geld stecken können, um möglichst viele Solartainer-Projekte stemmen zu können.

Erneuerbare Energie: Recycling-Anlage in Westafrika?

Denn eine Anlage kostet immerhin rund 150.000 Euro. In der Regel gründet AGT in den afrikanischen Ländern eine Betreibergesellschaft, die die Anschaffung vorfinanziert und den Strom dann verkauft. Die Haushalte können die Energie per Prepaid-Karte beziehen. Smarte Technik ermöglicht die Datenanalyse und Wartung der Solartainer aus der Ferne.

Und wenn die gebrauchten Audi-Batterien eines Tages restlos ausgepowert sind und auch für die Stromversorgung von Dörfern nicht mehr taugen, wird der Autobauer sie zurücknehmen und recyceln – so die Vereinbarung. AGT-Chef Schreiber sieht aber auch da ein eigenes Geschäftsmodell und denkt daran, in Westafrika eigene Kapazitäten für eine Wiederverwertung nach europäischem Standard aufzubauen. Der Potenzial erscheint ihm jedenfalls riesig, wenn jetzt hierzulande die E-Mobilität hochfahren wird. „Weite Teile Afrikas können Second-Life-Akkus für die Elektrifizierung gebrauchen“, sagt Schreiber. „Und mit einem Recycling der Batterien vor Ort könnten wir den ökologischen Fußabdruck noch verbessern.“ (Tobias Schwab)

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