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Winfried Kretschmann, Baden-Württembergs Ministerpräsident (Grüne).

Wutrede von Winfried Kretschmann

"Ihr habt keine Ahnung"

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Der grüne Ministerpräsident Kretschmann schimpft über Parteitagsbeschlüsse zur e-Mobilität und wird dabei gefilmt

Er ist der deutschlandweit beliebteste Grüne, der erste Ministerpräsident der Ökopartei – und gilt als „Automann“: der baden-württembergische Oberrealo Winfried Kretschmann.

Jetzt macht „Kretsch“, wie ihn seine Parteifreunde nennen, mit einem heimlich gefilmten Wutausbruch Furore. Auf die Palme hatte ihn die Wahlkampf-Forderung der Ökopartei gebracht, nach 2030 als Neuwagen nur noch Elektroautos zuzulassen.

„Wie soll das funktionieren?“, echauffiert er sich in dem Video, das auf Youtube zu sehen ist. Für die in Umfragen zuletzt nur bei sieben Prozent gehandelten Grünen, die sich um einen möglichst geschlossenen Wahlkampf bemühen, ist das mehr als ärgerlich.

Kretschmanns Position ist nicht neu. Er hatte sich schon vor dem Grünen-Bundesparteitag am vorigen Wochenende gegen eine Festlegung auf 2030 gewandt und ausgerechnet die in Verruf gekommenen Dieselmotoren als „wichtige Brückentechnologie hin zum emissionsfreien Fahren“ bezeichnet.

In einem „Zehn-Punkte-Plan für grünes Regieren“, der im Vorfeld des Parteitags von Grünen-Promis beider Flügel inklusive Kretschmanns abgesegnet worden war, fehlte denn auch bewusst die Jahreszahl für den Abschied vom Verbrennungsmotor. Auf dem Parteitag schaffte die Basis es dann aber, sie hineinzuverhandeln. „2030“ steht nun wieder in dem Plan, der das Grünen-Programm für die Bundestagswahl am 24. September abschließt.

Kretschmann-Sprecher beklagt „Lauschangriff“

In dem Gesprächsvideo, das Kretschmann mit einem befreundeten Bundestagsabgeordneten zeigt, äußert er harsche Kritik an der Bundestagsfraktion und der Partei.

Er stellt die Frage, wie zum Beispiel das zeitaufwendige Aufladen einer großen Zahl von Elektroautos an Tankstellen funktionieren soll.

„Ihr habt keine Ahnung!“, lästert er. Die Konsequenz unrealistischer Forderungen sei klar: „Dann seid aber mit sechs oder acht Prozent einfach zufrieden.“

Die Veröffentlichung des Videos sorgte bei den Grünen selbstredend für Ärger. Kretschmanns Sprecher Rudi Hoogvliet sprach von einem „Lauschangriff“ und einer „Verwilderung der Sitten“. Tatsächlich sei Kretschmann mit dem Parteitagsverlauf zufrieden gewesen.

Verkehrsprofessor: Ist viel Wahres dran

In Fachkreisen sieht man „Kretschs“ Intervention dagegen durchaus positiv. Der Kasseler Verkehrsprofessor Helmut Holzapfel kommentiert: „An den Äußerungen des grünen Regierungschefs, obwohl im Affekt gemacht, ist viel Wahres dran.“

Ungeklärt sei bisher, wo ausreichend Ökostrom für eine große E-Auto-Flotte herkommen könne. Mit dem herkömmlichen Strommix böten Batterieautos kaum Klimavorteile. Außerdem müsse eine dichte und praktikable Lade-Infrastruktur aufgebaut werden, fordert Holzapfel.

Der Experte glaubt allerdings, dass Mobilität nur dann ökologischer sein wird, wenn weniger Auto gefahren und der öffentliche Verkehr schneller ausgebaut wird. „Statt der derzeit 44 Millionen Benzin- und Diesel-Pkw 44 Millionen Elektro-Autos fahren zu lassen, ist nicht die Lösung“. Ob Automann Kretschmann, in dessen Bundesland Daimler, Porsche und viele Kfz-Zulieferer produzieren, das auch so sieht, ist die Frage.

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