Ewig grüßt die Plastik-Wasserflasche.
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Ewig grüßt die Plastik-Wasserflasche.

Umwelt

Ideen für Müllvermeidung

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Was wir gegen das Müllaufkommen tun können.

Plastik kompostieren: Biologische Alternativen

Plastik kann auch aus Biorohstoffen hergestellt werden. Aus Cellulose, Maisstärke oder Zucker zum Beispiel. Plastikbecher, Plastiktüten, Einweggeschirr und andere Produkte sind aus dem Material erhältlich. Aber auch Erdöl-Plastik darf „bio“ genannt werden, wenn es nach dem Gebrauch kompostiert werden kann. Biobasierte Kunststoffe haben den Vorteil, dass für sie kein Erdöl verbraucht wird; Herstellung und Entsorgung sparen CO2. Der Anbau der Rohstoffe dafür ist aber aufwendig und meist energieintensiv. Stammen sie aus industrieller Landwirtschaft, kommt die Belastung mit Pestiziden hinzu. Viele Umweltexperten halten „Bioplastik“ nicht für besser. Trotzdem ist die Idee faszinierend, dass Plastik, das als (wo sinnvoll) Einwegmaterial oder durch Abrieb in die Umwelt gelangt, nach der Nutzung quasi zu Kompost werden kann. Das Material muss chemisch so designt werden, dass es schnell abbaubar und in der Natur völlig unschädlich ist. Tübinger Forscher:innen arbeiten zum Beispiel an einem Kunststoff namens PHB, der CO2-neutral mit Mikroalgen produziert wird und nach der Nutzung binnen zwei Wochen in einer Kompostieranlage von Bakterien, Pilzen und Algen zersetzt werden kann. Selbst in Seewasser dauert es nur 15 Wochen, während herkömmliches Plastik Jahre bis Jahrhunderte dazu braucht. Chemiker:innen der Cornell-Universität (USA) wiederum haben ein Plastikmaterial entwickelt, das zwar fest genug für Fischereinetze und -seile ist, aber an der Meeresoberfläche durch UV-Strahlung abgebaut werden kann. Die kommerzielle Fischerei hat nämlich einen großen Anteil an den schwimmenden Plastikabfällen, die in den Ozeanen landen. Dieses Problem könnte mit dem neuen Material gelöst werden.

Echte Plastik-Kreislaufwirtschaft: Es braucht „Design for Recycling“

Alle kennen den „Grünen Punkt“ – in Deutschland vor 30 Jahren Startpunkt für die „Kreislaufwirtschaft“. Doch von einem echten geschlossenen Kreislauf ist das System noch weit entfernt. Zwar sind die Sortiertechniken auch für den Plastikanteil viel besser geworden, um die unterschiedlichen Kunststoffsorten zu trennen. Doch das Downcycling zu Parkbänken oder Blumentöpfen oder das Verbrennen großer Teile des „Wertstoffs Plastik“ sind immer noch üblich. Dass der perfekte Kreislauf möglich ist, haben innovative Unternehmen wie die Mainzer Firma Werner & Mertz („Frosch“, „Erdal“) gezeigt: Dort werden Flaschen und andere Verpackungen aus Altplastik aus dem Gelben Sack eingesetzt. Aber: Damit so etwas zur Regel wird, braucht es bei den Verpackungen ein „Design for Recycling“ – Mono-Materialien, helle Kunststoffe, recyclinggerechte, ungiftige Farben. Ein perfektes Trennen der Kunststoffsorten könnte durch digitale Wasserzeichen ermöglicht werden. Das sind mit dem Auge nicht wahrnehmbare Codes in der Größe einer Briefmarke etwa auf der Oberfläche einer Verpackung. In der Abfallsortieranlage werden sie von hochauflösenden Kameras ausgelesen. Der europäische Markenartikelverband AIM lässt gerade eine Studie dazu machen. Doch auch die Forschung nach „Kreislauf-Kunststoffen“ läuft weltweit. So hat ein Forschungsteam aus den USA, China und Saudi-Arabien eine neue Art Plastik – genannt PBTL – entwickelt, das beim Recycling seine ursprünglichen Eigenschaften beibehält und immer wieder wie Neuplastik verarbeitet werden kann. Ein anderer Ansatz: Tüten und Verpackungen könnten statt aus den billigsten Kunststoffen wie Polyethylen oder Polypropylen künftig aus dem teureren Nylon (Polyamid) hergestellt werden. Nylon ist ein Stoff, der perfekt recycelt werden und praktisch endlos im Kreislauf gehalten werden kann und ohne gefährliche Additive auskommt

Plastik nur geliehen: Shampoo aus der Mehrwegflasche

Plastik gilt als das Wegwerfmaterial per se. Ein revolutionäres Konzept hat Umweltprofessor Michael Braungart, Miterfinder des „Cradle to Cradle“-Konzepts, vorgeschlagen. Dabei blieben die Firmen, die Kunststoff herstellen nicht nur bis zum Werkstor für ihr Produkt verantwortlich, sondern auch während des Gebrauchs sowie bei Rücknahme und Recycling. Dank digitaler Wasserzeichen wäre es möglich, den Verbleib des Plastiks genau zu verfolgen und dafür zu sorgen, dass das Material wieder zurückgeht. Die Herstellerfirma wäre verpflichtet, entsprechende Bilanzen zu führen – und würde aus eigenem Antrieb Kunststoffe absolut recyclinggerecht designen. Downcycling und Plastikmüllexporte in Entwicklungsländer wären Geschichte. Ein anderes Konzept verfolgt die Initiative „Loop“, die 2019 in den USA und Frankreich mit Pilotversuchen startete. Über die Loop-Website können Verbraucher:innen eine Vielzahl von Markenprodukten wie Getränke, Joghurt, Shampoo, Seifen, Cremes und Waschmittel in nachfüllbaren Verpackungen bestellen. Nach Gebrauch werden diese an einer Sammelstelle abgegeben oder bei der nächsten Lieferung zurückgeschickt. Loop sortiert und reinigt die Verpackungen professionell, so dass jedes Produkt vom Hersteller nachgefüllt werden kann. An dem System nehmen große, aber auch kleinere Unternehmen teil, darunter Coca-Cola, Unilever, Procter & Gamble, Nestlé und Mondelez International. Loop gibt es inzwischen auch in Großbritannien, 2021 will das Unternehmen auch nach Australien, Kanada, Japan und nach Deutschland expandieren.

Unnötiges Plastik vermeiden: Nachfüllen

Man hat sich daran gewöhnt: Vieles wird in Plastik eingepackt. Weil es so bequem ist. Oder so erscheint. Gurken in Folie, Äpfel im Beutel, 1,5-Liter-Wasserflaschen im Tragepack. Doch Supermärkte und ihre Zulieferbetriebe arbeiten daran, unnötiges Plastik zu vermeiden. Ein Beispiel: Für unverpacktes Obst, Gemüse und lose Backwaren gibt es fast überall inzwischen wiederverwendbare Plastiknetze. Aber das Potenzial auf diesem Sektor ist noch längst nicht ausgereizt. Discounter wie Netto und Lidl zum Beispiel bieten Mehrweg-Frischedeckel aus Silikon an. Dieser kann die Plastikstülpdeckel ersetzen, mit denen zum Beispiel große Joghurtbecher heute meist noch verkauft werden. Netto spart durch den Verzicht auf die Einwegdeckel jährlich über 100 Tonnen Kunststoff ein. Weiteres Beispiel: Nach kleineren Anbietern verkaufte in diesem Jahr auch Aldi erstmals wiederverwendbare Kaffeekapseln zum Selbstbefüllen. Bisschen fummelig, aber höchst sinnvoll – angesichts von rund 3,5 Milliarden Einwegkapseln, die nach Schätzungen hierzulande jährlich weggeworfen werden. Lidl wiederum hat wasserlösliche Nachfüll-Reinigungstabs eingeführt. Sie werden, wenn eine Putzmittelflasche leer ist, in diese eingeworfen und anschließend einfach mit Wasser aus dem Hahn aufgelöst. So muss keine neue Plastikflasche gekauft werden.

Alternativen zu Plastik: Stroh, Flachs, Hanf

Plastiktüten sind das Sinnbild der Ex-und-hopp-Kultur. Die meisten Supermärkte und Discounter haben sie ausgelistet. Doch die Umweltbilanz der oft als Alternative angebotenen Papiertüten ist keineswegs besser. Sie müssen laut dem Umweltinstitut Ifeu bis zu viermal benutzt werden, um besser abzuschneiden. Plastik durch andere Werkstoffe zu ersetzen, macht nicht immer Sinn. Doch viele Firmen arbeiten daran, den Umwelt- und Klima-Fußabdruck von alternativen Produkten zu minimieren. Der britische Hersteller AB Group Packaging zum Beispiel hat eine wiederverwendbare Papiertüte (genannt RePapaPac) entwickelt, die bis zu 16 Kilo Gewicht tragen kann – komplett recycle- und kompostierbar sowie klimaneutral produziert. Andere Unternehmen nutzen Biorohstoffe wie Stroh, Flachs oder Hanf, um Plastikprodukte zu ersetzen. So gibt es zum Beispiel Trinkbecher, Autoteile und Möbel, die aus Faserhanf hergestellt sind. Der Marktführer, die niederländische HempFlaxGroup, betont, der Rohstoff sei nicht nur CO2-neutral, sondern sogar CO2-negativ. Hanf nimmt beim Wachsen CO2 auf. Oder: Heineken, zweitgrößter Brauereikonzern der Welt nach Anheuser-Busch Inbev, ersetzt die Plastikringe, die Getränkedosen in einem Multipack zusammenhalten, durch recyclebare Papphalterungen – zunächst im Markt Großbritannien. Kunststoff-Ersparnis: 517 Tonnen.

Chemisches Plastik-Recycling: Viele Ideen

Das bisher übliche mechanische Recycling von Kunststoffen stößt immer noch an Grenzen. Verbundmaterialien lassen sich schlecht trennen, die Reinheit sinkt mit jeden Kreislauf-Zyklus, zugesetzte Weichmacher mindern die Qualität des Recyclats. Ein Ausweg könnte ein chemisches Recycling sein. Das bedeutet: Altkunststoffe werden durch „Depolymerisation“ wieder in Grundstoffe zerlegt, aus denen wie bei der Nutzung von „frischem“ Erdöl oder Erdgas neue Produkte hergestellt werden können. Die Kunststoffproduktion wäre damit ein geschlossener Kreislauf und nicht mehr vom Rohöl abhängig. Fachleute erwarten, dass das chemische Recycling in den nächsten fünf Jahren an Bedeutung gewinnen wird. Hierzulande hat der BASF-Konzern dazu das Projekt „ChemCycling“ aufgelegt; Mischkunststoffe werden dabei durch Pyrolyse aufgeschlossen. Der niederländische Kunststoff-Hersteller Lyondellbasell hat unterdessen ein Italien eine Pilotanlage für „molekulares Recycling“ in Betrieb genommen, die auch mit Katalysatoren arbeitet. Ein Konsortium namens Demeto wiederum will ein Verfahren zur Marktreife bringen, das mit Mikrowellenstrahlung arbeitet – mit an Bord sind unter anderem eine dänische Universität, Recyclingunternehmen sowie große Unternehmen wie Hennes & Mauritz (H&M) und Coca-Cola.

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