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Die Lufthansa schließt ihre Tochter-Airline Germanwings.

Germanwings

„Ich bin schockiert“

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In der Corona-Krise streicht die Lufthansa ihre Flotte zusammen. Pilotenvertreter Markus Wahl im Interview über das Aus für die Tochter Germanwings und die Lage bei Deutschlands größte Airline.

Die Lage bei der Lufthansa spitzt sich zu. Wegen der Folgen der Corona-Pandemie und des Einbruchs im Luftverkehr schließt die Airline ihre Tochter Germanwings gegen heftigen Widerstand der Gewerkschaften und stellt fast zehn Prozent der Flotte dauerhaft außer Dienst. Weitere Einschnitte dürften kommen. Ein Gespräch mit Markus Wahl, Präsident der Vereinigung Cockpit.

Herr Wahl, Sie kritisieren den Beschluss des Lufthansa-Vorstandes zum Aus von Germanwings massiv. Warum?

Ich bin von der Entscheidung des Lufthansa-Managements schockiert. Hier soll unter dem Deckmantel der Krise die Restrukturierung der Firma, auch gegen das Personal, vorangetrieben werden. Man will aus der Krise Kapital schlagen. Die Rechnung dafür zahlen jetzt mehr als 1400 Beschäftigte von Germanwings, die ohne jegliche Vorwarnung in eine unsichere Zukunft entlassen werden. In der letzten Woche hatten sich die Piloten noch mit dem Lufthansa-Management auf eine Reduzierung der Cockpit-Kosten um beinahe die Hälfte geeinigt. Doch gerade als dieser Vertrag unterschrieben werden sollte, hat das Lufthansa-Management ihn vom Tisch gezogen und ein paar Tage später völlig überraschend das aus der Germanwings verkündet. Für mich ist das nicht das, was eine gute Sozialpartnerschaft ausmacht.

Die 30 Jets von Germanwings stehen schon seit drei Wochen am Boden. Die Perspektiven waren also schlecht, oder?

Wie bei allen großen Airlines war auch die Situation bei Germanwings angespannt. Deswegen gab es Gespräche mit den Sozialpartnern über eventuelle Kurzarbeitsmodelle. Aber Lufthansa schien nicht an einer Lösung interessiert. Jetzt soll Germanwings auf dem Rücken des Personals abgewickelt werden.

Gibt es jetzt Gespräche über einen Sozialplan? Welche Erwartungen haben Sie?

Die Lufthansa spricht vollmundig davon, mit den Sozialpartnern schnell in einen Dialog treten zu wollen. Bis zum heutigen Mittwoch hat sich das Management aber noch nicht einmal bei uns gemeldet, um uns die Entscheidung der Abwicklung mitzuteilen. Auch wir haben das über die Presse erfahren. Das ist ein denkbar schlechter Start in eventuelle Gespräche. Trotzdem werden wir die Lufthansa beim Wort nehmen und wollen in Gespräche einsteigen.

Wie beurteilen Sie die Lage der Lufthansa insgesamt? 90 Prozent der Maschinen sind derzeit geparkt.

Markus Wahl ist seit 2019 Präsident der Pilotenorganisation Vereinigung Cockpit. 

Die Lage der Lufthansa ist sicherlich sehr angespannt. Im Moment fällt es sehr schwer zu sagen, wie die nahe Zukunft für die gesamte Airline-Branche aussieht. Gerade vor diesem Hintergrund bin ich allerdings davon überzeugt, dass die Krise nur gemeinsam, in Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, gelöst werden kann. Solch überraschende und unangekündigte Maßnahmen wie gestern, tragen nicht zu einer guten Sozialpartnerschaft bei.

Kann die Lufthansa die Krise ohne Staatshilfe überwinden?

Diese Frage ist aus Sicht der Gewerkschaft ohne Einblick in die genauen Zahlen der Lufthansa nicht zu beantworten. Sollte sie allerdings mit Steuermitteln gestützt werden, heißt das für mich zwingend, dass mit der Gewährung von Staatshilfen auch Arbeitsplatzgarantien einhergehen müssen. Es kann nicht sein, dass Steuermittel dafür verwendet werden, langjährige und verdiente Mitarbeiter auf die Straße zu setzen.

Wann rechnen Sie mit einer Besserung im Luftverkehr?

Wie lange diese Krise noch dauern kann, hängt davon ab, wie schnell der Virus eingedämmt wird. Aus meiner Sicht lässt sich das jetzt nicht seriös abschätzen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagt, dass die Airline nach der Krise deutlich kleiner sein werde. Sind Entlassungen unvermeidbar?

Entlassungen können immer nur das allerletzte Mittel in einer Krise sein. Vorher gibt es sehr viele Instrumente, die man in Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer nutzen kann, damit dieses letzte Mittel nicht angewendet werden muss. Dafür gibt es eine gute Sozialpartnerschaft. Wir als VC stehen zu dieser Sozialpartnerschaft und wollen das Unternehmen durch die Krise begleiten. Das muss natürlich von beiden Seiten so gewollt werden.

Interview: Rolf Obertreis

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