Ernst Prost.

Interview

„Ich kämpfe um jede Dose“

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Liqui-Moly-Chef Ernst Prost über systemrelevantes Motoröl, obszöne Dividenden und die Notwendigkeit, in der Corona-Krise Billionenschulden zu machen.

Ernst Prost ist Kommunikator und Verkäufer durch und durch. Es dauert keine zehn Minuten, da antwortet der Chef des Ulmer Herstellers von Motorölen und Schmierstoffen persönlich auf die Interviewanfrage und ist zum Gespräch bereit. Prost nutzt die „Chancen“ der Krise wie kaum ein Zweiter. Werktäglich schreibt er seit gut sechs Wochen einen Brief an seine „Mitunternehmer“, wie er die Liqui-Moly-Angestellten nennt, und streut ihn breit in den Medien. Das ist gezieltes Marketing, aber vor allem auch Mitarbeitermotivation.

Herr Prost, sitzen Sie schon am nächsten Brief an Ihre Beschäftigten?

Nein, ich schreibe meistens nach Mitternacht. Gestern war es fast zwei Uhr, da war ich mit der Telefonkonferenz mit den Vertriebskollegen in den USA durch und habe ich mich drangemacht.

Was treibt Sie eigentlich dazu, täglich ein Schreiben an die Belegschaft zu richten und sich über unsinnige ökonomische Prognosen, gierige Konzerne und schlecht bezahlte Krankenpflegerinnen auszulassen?

Die Leute brauchen in diesen unsicheren Zeiten doch eine Aufmunterung und Orientierung. Und sie haben viele Fragen. Ich werde als Frontmann gebraucht und will positive Botschaften vermitteln.

Schreiben Sie das wirklich alles selbst oder mischt da nicht auch Ihre Kommunikationsabteilung mit?

( lacht) Also bitte, lesen Sie das doch mal, das ist original Prost. Einen Ghostwriter, der so formuliert, müsste ich sofort entlassen.

Wie laufen denn die Geschäfte von Liqui Moly in der Krise?

Schlecht. Wir haben gewaltige Umsatzeinbrüche in allen 120 Ländern, in denen wir arbeiten. Aber wir kämpfen um jede Dose, um jede Kanne Öl, damit wir die Produktion am Laufen halten können. Teilweise verschenken wir die Ware sogar, nur damit ich meine Leute beschäftigen kann. Das ist mein Ehrgeiz. Wir machen das Beste aus der Situation. Motoröle sind schließlich auch systemrelevant.

Wieso das denn?

Ohne Öl fährt kein Rettungsfahrzeug. Es gibt selbst in Europa einige Staaten wie zum Beispiel Griechenland, in denen Institutionen froh sind, wenn sie von uns ein paar Liter spendiert bekommen, um den Krankentransport, Essen auf Rädern oder die Feuerwehr in Betrieb halten zu können. Man hat die sozialen Dienste und die Gesundheitssysteme vielerorts in den vergangenen Jahren kaputtgespart. Es wurde auf Teufel komm raus privatisiert, mit der Folge, dass nur noch der Kommerz zählt. Das rächt sich jetzt.

Wenn Ihnen die Umsätze so massiv wegbrechen, droht dann auch bald Kurzarbeit bei Liqui Moly?

Der Topf für Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit ist schnell leer, wenn da jetzt alle reingreifen. Wer vor dem Konkurs steht oder davor, Leute zu entlassen, soll dieses tolle Instrument nutzen. Aber mich ärgert, dass das jetzt auch große Unternehmen beantragen, um ihre Lohnkosten zu senken. Dabei werden noch ordentliche Profite gemacht. Wir werden erleben, dass diese Konzerne am Jahresende wieder Milliardengewinne ausweisen. Manchen rufen nach dem Staat und schütten gleichzeitig noch Dividenden an ihre Aktionäre aus. Das ist doch obszön. Und wenn ich die Leute dreimal am Tag die Firma durchkehren lasse, es wird bei uns keine Kurzarbeit geben!

Sie haben Ihren Mitarbeitern jetzt sogar einen Bonus von jeweils 1500 Euro gezahlt. Ungewöhnlich für eine Branche, in der es gerade nicht wie geschmiert läuft.

Das ist meine Art, mit Krisen umzugehen, es ist nicht die erste, die wir erleben. Ein bisschen Geschäft haben wir ja noch. Und meine Leute müssen jetzt wegen der Gesundheitsrisiken unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Also habe ich unseren rund 940 Angestellten eine Corona-Zulage überwiesen. Das ist gut angelegtes Geld. Die Leute können es gebrauchen. In vielen Familien ist wegen des Shutdowns ja schon der zweite Verdienst weggebrochen.

Das sind dann immerhin stolze 1,4 Millionen Euro, die sie auf die Lohnsumme drauflegen.

Ja – und das wird sich natürlich negativ auf unseren Profit auswirken. Aber solange wir alle Rechnungen bezahlen können, keine Verluste machen und am Ende mindestens eine schwarze Null unterm Strich haben, ist das in der Krise doch ein gutes Ergebnis. Es muss nicht immer ein Rekordgewinn sein.

Kein Grund zur Nervosität?

Nein, warum auch? Wir haben jetzt drei Jahre in Folge rund 50 Millionen Euro vor Steuern verdient, verfügen über eine Eigenkapitalquote von über 80 Prozent, haben null Schulden und Reserven für schlechte Zeiten aufgebaut. Das Geld muss man jetzt eben auch einsetzen. Wir müssen ja keine horrenden Boni an Vorstände zahlen oder Aktionäre zufriedenstellen. Und unsere Lohnbuchhaltung habe ich übrigens angewiesen, mir selbst kein Gehalt mehr zu überweisen. Das ist jetzt keine Unsumme, aber es ist ein Zeichen.

Zur Person

Ernst Prost(63) ist Geschäftsführer des Ulmer Mittelständlers Liqui Moly. Bis zum Verkauf seiner Anteile an die Würth-Gruppe 2017 war er Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter des Herstellers von Schmier- und Pflegemitteln, zu dem auch die Meguin Mineralölwerke gehören.

Der gelernte Kfz-Mechanikerbegann seine Karriere als Verkäufer beim Autopflegemittelproduzenten Sonax und wechselte 1990 als Vertriebschef zu Liqui Moly. Schrittweise übernahm er dann das Unternehmen von der Gründerfamilie Henle.

Liqui Molyist in 120 Ländern aktiv und beschäftigt rund 940 Menschen. Produziert wird an den Standorten Ulm und Saarlouis. Mindestens jeder zweite Liter Motoröl geht in den Export. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der 1957 gegründete Schmierstoffhersteller nach eigenen Angaben einen Umsatz von 569 Millionen Euro.

Das Unternehmeninvestiert massiv in Werbung und ins Sportsponsoring. Gerade erst hat Liqui Moly sein Engagement in der Formel 1 bis Ende 2022 verlängert. Die Ulmer zählen auch zu den Förderern der vom Theologen Hans Küng gegründeten Stiftung Weltethos, in dessen Kuratorium Geschäftsführer Prost 2019 berufen wurde.  

Während andere ihre Etats zurückfahren, erhöhen Sie gerade ihr Werbebudget und geben insgesamt rund zehn Millionen Euro für TV-Spots und Rundfunkwerbung aus. Woher nehmen Sie den Optimismus?

Ich will die Chancen in der Krise nutzen. Es bringt nichts zu warten, bis alles vorbei ist. Wir gehen antizyklisch vor, investieren jetzt in Menschen, Märkte und unsere Marke. Wo Konkurrenten zögern, gehen wir rein. Gerade gestern habe ich ein Geschäft mit einer Mine in Chile perfekt gemacht. Da hatte ein Wettbewerber sich wegen der Krise zurückgezogen.

Einverstanden, dass der Staat sich jetzt stark verschuldet, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern?

Das ist absolut richtig! „Egal ob eine oder zwei Billionen Schulden mehr, macht doch nix“, habe ich vor drei Tagen im Brief an meine Leute geschrieben. Das Geld kostet angesichts der Zinssituation ja nichts, und wir müssen es unbedingt einsetzen, um einen neuen Aufschwung zu erzeugen. Was könnte der Staat mit zwei Billionen alles anpacken: Schulen modernisieren, Brücken sanieren, die Energiewende vorantreiben und vor allem das Gesundheitswesen aufrüsten. Da gäbe es eine Menge zu tun, das würde Arbeitsplätze und dann auch wieder Steuereinnahmen schaffen. Das Geld wäre ja nicht weg, wir schaffen damit Werte.

Es wird bereits über eine Reichensteuer diskutiert, um die neuen Schuldenberge wieder abzutragen. Eine gute Idee?

Zunächst: Wir können mit Schulden, für die wir keine Zinsen zahlen müssen, ganz gut leben. Für Staatsanleihen ist die Rendite sogar negativ. Hinzu kommt, dass die Inflation die Schulden langsam auffrisst. Solange die Relation zum Bruttoinlandsprodukt nicht aus den Fugen gerät, ist das kein Problem.

Also keine stärkere Belastung für die, die sie tragen können?

Klar sollte man über eine höhere Besteuerung von Vermögen nachdenken. Ich ärgere mich vor allem über die viel zu niedrige Kapitalertragssteuer von 25 Prozent. Wer sein Geld auf die Bank bringt und leistungslos Vermögen anhäuft, kommt viel besser weg, als Menschen, die ihr Geld mit Arbeit verdienen. Das ist doch ungerecht. Wir sollten aber auch Steuerschlupflöcher schließen und der Flucht von Unternehmen in Steueroasen ein Ende setzen. Auf meiner Prioritätenliste als Finanzminister stünde auch eine Finanztransaktionssteuer ganz oben. Für die, die den ganzen Tag nur Geld hin- und herschieben.

Warum sind Sie eigentlich so schlecht auf Ökonomen zu sprechen und geben Ihnen den Rat, „einfach mal die Klappe zu halten“?

Das ist die doch die reinste Kakophonie, wenn jeden Tag ein anderer Wirtschaftsweiser oder Institutsforscher eine neue Prognose raushaut. Mich nervt das nur noch. Die wissen nichts. Das sind lediglich Annahmen, Vermutungen, Meinungen. Diese Schwarzmalereien – da kann ich oft nur laut lachen. Wenn jetzt nur Hiobsbotschaften kommen, dann wirkt sich das auch auf den Konsum aus. Vielen Menschen wird angst, und sie schieben Konsumentscheidungen auf. Das führt zu einer Spirale nach unten. Wir haben jetzt noch acht Monate vor uns, um dieses Jahr zu meistern und das Beste daraus zu machen. Da kann ich doch jetzt nicht schon alles abschreiben.

Aber die Politik braucht doch ebenso wie Sie als Unternehmer Prognosen, um auf deren Basis folgenschwere Entscheidungen zu treffen.

Ein Schmarrn ist das. Ich verlasse mich doch nicht auf irgendwelche Berechnungen und Studien. Wir haben ein Ziel und Strategien – und die setzen wir um. Ich kann eine Firmenkonjunktur auch gestalten, anstatt mich immer nur als Opfer von Marktentwicklungen zu sehen.

Und wie gestalten Sie die jetzt?

Ich bin mein bester Verkäufer, hänge Tag und Nacht am Telefon und spreche mit Kunden in Afrika, Asien und Nordamerika, ob sie nicht doch noch einen Container ordern können. Irgendwas geht immer. Und außerdem gibt uns die Krise jetzt die Gelegenheit, noch intensiver als sonst Solidarität zu zeigen und auch international am Gemeinwohl mitzuwirken.

Das hatten Sie schon erwähnt …

… ja, aber es stimmt. Es gibt Tage, da verschenken wir gerade mehr als wir verkaufen. Wir schicken Hilfslieferungen in die Ukraine, nach Indonesien, Griechenland oder Vietnam. Gerade haben wir 500 Pakete zu je fünf Litern für Pfleger und Ärzte in Portugal auf den Weg gebracht. Und wir wollen dafür keine Spendenquittungen. Wir zahlen sogar noch den Transport. Und Öl ist schwer. Das hat uns jetzt schon rund drei Millionen Euro gekostet.

Und gekürzt wird bei Ihnen jetzt gar nicht?

Doch – unseren Kalender haben wir beispielsweise gestrichen.

Sie meinen den mit den leicht bekleideten Models, die sich auf Motorhauben rekeln?

Ja, für den habe ich sowieso immer wieder Schimpfe gekriegt. Wenn wir den jetzt aufgeben, dann spart uns das rund eine halbe Million Euro.

Interview: Tobias Schwab

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