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Die IAA startet am Donnerstag in Frankfurt - und ist enorm unter Druck geraten.

IAA 2019

Die IAA in Frankfurt: Autoshow steht vor dem Aus

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Große Bühne für immer mehr PS – dieses Konzept funktioniert nicht mehr. Die IAA steht vor dem Aus. Die Branche rotiert und legt sich mit dem Frankfurter Oberbürgermeister an.

Die Auto-Absatzzahlen gehen zurück, der Verbrennungsmotor ist reif fürs Museum, doch vernünftige Mobilitätskonzepte haben bisher weder die Autobranche noch die Politik vorgestellt. Das Autoland Deutschland steht vor massiven Veränderungen, und ein Zeichen dafür ist die Debatte über die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt: Hat die IAA noch eine Zukunft?

Wichtige Akteure stellen die IAA noch vor ihrer offiziellen Eröffnung infrage. Autohersteller diskutieren eine neue Messeform mit wechselnden Veranstaltungsorten wie beispielsweise Köln oder Berlin, berichtete das „Handelsblatt“. Die Unternehmen wollten künftig eher ein „Mobilitätshappening“ statt neue Autos in Hallen. Erste Pläne wollen sie auf einer Sitzung an diesem Donnerstag besprechen.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) bestätigte als Veranstalter, dass man für die IAA verschiedene Optionen prüfe. „Über Entscheidungen sprechen wir dann, wenn das Konzept steht“, sagte Verbandssprecher Eckehart Rotter.

IAA 2019 in Frankfurt: Zahlreiche Absagen, kein großer Wurf für E-Autos

Die IAA steht in diesem Jahr nach zahlreichen Absagen früherer Aussteller massiv unter Druck. Ein Vertrag zur Fortsetzung der IAA in den kommenden Jahren besteht nicht, wie VDA und Messe bestätigen. Zudem haben Umweltaktivisten für das Wochenende massive Proteste angekündigt, um gegen die Klimabelastung durch die Autoindustrie zu demonstrieren.

Die Branche preist zunehmend den E-Motor an und sucht in alternativen Antrieben für die Motoren ihre Zukunft; ein großer Wurf ist nicht zu erkennen. Renommierte Verkehrsexperten warnen davor, dass die nötige Verkehrswende mit den bisherigen Anstrengungen nicht zu erreichen sei. Fehlgeleitete Konzepte für E-Autos könnten sogar negative Folgen für die Umwelt haben, warnen die Wissenschaftler. So würden zum Beispiel die wachsenden Größen, Gewichte und Beschleunigungsvermögen dieser Fahrzeuge zumindest lokal zu mehr Schadstoffemissionen durch steigenden Reifen- und Fahrbahnabrieb führen. Stattdessen gilt: Die Zahl der Pkw auf den Straßen muss sinken, es reicht nicht, deren Antrieb zu ändern.

Die Wissenschaftler gehen mit der offiziellen Verkehrspolitik hart ins Gericht.

„Es dominiert die sektorale Sicht und die Durchsetzung von Einzelinteressen, das heißt von Lobbys“, schreiben sie in einem Positionspapier zur Verkehrswende. Nicht erst mit den Fridays-for-Future-Demonstrationen sei deutlich geworden, dass eine „grundsätzliche Umgestaltung der Verkehrssysteme“ auf allen Ebenen notwendig sei – von den Städten bis zum internationalen Verkehr. Sie erinnern daran, dass der Mobilitätssektor in Deutschland weit davon entfernt ist, seinen Beitrag zu den Zielen des Pariser Weltklimabeitrags zu leisten. Ebenso seien die verkehrsbedingten Belastungen durch Schadstoffe, Lärm und Flächenbeanspruchung in Groß-, Mittel- und Kleinstädten weiterhin deutlich zu hoch.

In der Expertengruppe haben sich 13 emeritierte Verkehrsprofessoren aus Deutschland und Österreich zusammengeschlossen; sie treffen sich einmal jährlich zum Erfahrungsaustausch.

IAA: Neben technischen Innovationen sind Verhaltensänderungen gefragt

Statt „gehypter“ Lösungen wie der Umstellung der kompletten heutigen Autoflotte auf E-Mobilität fordern die Experten die Verkehrswende in der ganzen Breite. So sollen unter anderem fiskalische Anreize nicht nur technische Innovationen, sondern auch Verhaltensänderungen bei den Bürgern auslösen – ein Mittel wäre eine „angemessene CO2-Bepreisung“ des Sprits.

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Für ärmere Haushalte, die sonst zu stark belastet würden, soll es einen finanziellen Ausgleich geben – etwa über einen „Klima- oder Mobilitätsbonus“. Für wichtig halten die Experten es auch, die Raum- und Stadtplanung so zu verändern, dass zukünftig weniger Verkehr entsteht und unter anderem ein Umsteigen vom Auto auf Busse, Bahnen, Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen erleichtert wird.

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Als Problem bei einer forcierten Umstellung auf E-Mobilität sehen die Verkehrsforscher die begrenzten Mengen von Ökostrom. Der Kasseler Professor Helmut Holzapfel, einer der Unterzeichner des Papiers, sagt: „E-Autos, die nicht mit Ökostrom betrieben werden, sind eine Mogelpackung.“ Der Ökostrom-Anteil im Netz betrug im ersten Halbjahr 2019 rund 44 Prozent, der weitere Zubau von Wind- und Solaranlagen liegt jedoch deutlich unter Plan. Wie der eingehalten werden kann, ist unklar.

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Den Menschen, so die Experten, müsse das Umsteigen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel erleichtert werden. „Die Bundesregierung muss die Steilvorlage nutzen, die ihr die Fridays-for-Future-Bewegung bietet. Immer mehr Menschen sind bereit, sich umweltfreundlich zu verhalten“, mahnt Holzapfel. (mit dpa)

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