+
Verteilung von Lebensmitteln in Mosambik.

Klimawandel

Von Hungersnot bedroht

  • schließen

Das gesamte südliche Afrika leidet unter der schlimmsten Dürre seit 35 Jahren. 45 Millionen Menschen sind betroffen.

Alarmstimmung im Naturparadies: Die Viktoria-Fälle trocknen aus. Im Internet tauchen Bilder von einem der imposantesten Naturwunder dieser Welt auf. Doch statt der Gischt-sprühenden Wassermassen, die sonst noch aus 30 Kilometer Entfernung zu sehen sind, ist auf den Fotos lediglich ein kleines, in die fast 900 Meter tiefe Felsspalte stürzendes Rinnsal zu sehen. „Diese Bilder machen deutlich, was der Klimawandel mit unserer Umwelt und unserer Existenzgrundlage anrichtet“, meldet sich der Präsident des Anrainerstaats Sambia, Edgar Lungu, über Twitter zu Wort: „Obwohl wir Entwicklungsländer am wenigstens dazu beigetragen haben, sind wir von der Erderwärmung am schlimmsten betroffen.“

Skeptiker halten dagegen, dass die Viktoria-Fälle um diese Zeit im Jahr immer wenig Wasser führen: Doch keiner kann leugnen, dass der mächtige Sambesi-Fluss in diesem Jahr so wenig Wasser führt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das gesamte südliche Afrika, zu dem 16 Nationen gehören, befinde sich in der „schlimmsten Dürre seit 35 Jahren“, sagt Margaret Malu vom Welternährungsprogramm der Vereinigten Nationen (WFP). Insgesamt 45 Millionen Menschen, so viel wie noch nie in der Geschichte, seien in den kommenden sechs Monaten von Hunger bedroht. Späte Regenfälle, ausgedehnte Trockenperioden, zwei große Zyklone und wirtschaftliche Herausforderungen hätten sich zu einer „Katastrophe für die Ernährung und die Lebensgrundlagen im gesamten südlichen Afrika angehäuft“, pflichtet Alain Onibon, Koordinator der Weltorganisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) für das südliche Afrika, bei.

Am schlimmsten betroffen sind Staaten, die auch aus politischen Gründen verwundbar sind – wie Simbabwe, das auch nach dem Tod des Autokraten Robert Mugabe von einer raffgierigen Partei-Elite ausgeplündert wird. In dem südlichen Anrainerstaat der Viktoria-Fälle werden nach UN-Angaben bis zur nächsten Ernte im Frühjahr 2020 mehr als acht Millionen Menschen – fast die Hälfte der Bevölkerung – auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein. In Teilen des Landes wurde in diesem Jahr eine um 70 Prozent reduzierte Ernte eingefahren.

In Teilen Namibias hat es seit drei Jahren überhaupt nicht mehr geregnet: Die in der Omaheke ansässigen Viehhirten haben bis zu 90 Prozent ihrer Tiere verloren. Die Regierung verhängte im Mai dieses Jahres den Ausnahmezustand über das Land – zum dritten Mal innerhalb von sechs Jahren. Fast ein Viertel der 2,3 Millionen Namibier musste bereits die Nahrungsmittelaufnahme reduzieren: Rund 550 000 Menschen werden spätestens Anfang kommenden Jahres auf Hilfe angewiesen sein.

In Sambia befinden sich nach Angaben des örtlichen Roten Kreuzes 2,3 Millionen Menschen in „akuter Nahrungsunsicherheit“ – und zwar nicht nur der Dürre wegen. Eine „immer wiederkehrende Mischung aus Trockenheit und Fluten“ habe sich für zahlreiche Gemeinschaften als „katastrophal“ erwiesen, sagt Rot-Kreuz-Chef Kaitano Chungu.

Zu Überflutungen kam es vor allem im Osten des Landes, wo Sambia an Malawi und Mosambik angrenzt. Dort haben die beiden Zyklone Idai und Kenneth zu Beginn dieses Jahres die schwersten Schäden angerichtet. In Malawi werden nach UN-Angaben bald 3,3 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein, in Mosambik fast zwei Millionen.

Selbst der wirtschaftliche Riese der Region, Südafrika, ächzt unter den Folgen der Klimaerwärmung. In der Ostkap-Provinz regnete es in den vergangenen fünf Jahren so wenig wie seit Menschengedenken nicht. Zahlreiche Städte sind ohne Wasser, unzählige Farmer ruiniert. Über die Provinz wurde der Notstand verhängt, selbst in Johannesburg, dem wirtschaftlichen Motor des Landes, muss die Bevölkerung mit Wasserrestriktionen leben. „Die Trockenzeiten werden länger und intensiver“, sagt Wasserministerin Lindiwe Sisulu:

Kürzlich veröffentlichten 90 wissenschaftliche Institutionen eine Studie über die Folgen des Klimawandels für das Land, das zu den zehn artenreichsten dieser Welt gehört: Fast die Hälfte der insgesamt 1000 Ökosysteme seien gefährdet, weil in Südafrika die Temperaturen doppelt so stark steigen wie in anderen Teilen der Welt, so der Bericht. Bis Mitte dieses Jahrhunderts soll es am Kap durchschnittlich um bis zu vier Grad heißer sein: Für die Tier- und Pflanzenwelt werde das „dramatischen Folgen“ haben, prophezeit die Studie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare