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Teepflücker im nordindischen Assam, dem größten Anbaugebiet der Welt.

Oxfam-Studie

Deutsche Unternehmen profitieren von Hungerlöhnen auf Teeplantagen in Assam

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Eine Oxfam-Studie stellt die Ausbeutung bei der Teeproduktion in Assam dar - und wie Supermärkte und Teeproduzenten kassieren.

Würzig, voll und rund, mit einer malzigen Note – so wird Tee aus den „Gärten Assams“ in deutschen Supermärkten beworben. Trägt die Packung mit den Beutelchen dann noch das grüne Siegel der Organisation Rainforest Alliance/UTZ, verspricht das einen Genuss ohne Reue. Tatsächlich aber müsste ein bitterer Nachgeschmack bleiben. Denn die Bedingungen, unter denen Tee im Nordosten Indiens angebaut wird, sind „katastrophal“, wie eine Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam zeigt.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Feldern in Assam bekommen nur „Hungerlöhne und leiden unter Pestiziden“, fasst Barbara Sennholz-Weinhardt, Oxfam-Referentin für Wirtschaft und Globalisierung, die Ergebnisse der Untersuchung „Schwarzer Tee, weiße Weste?“ zusammen. Für die Studie haben Forscher des Tata Institute of Social Sciences der Universität Mumbai auf 50 Plantagen im größten Teeanbaugebiet der Welt recherchiert und mehr als 500 Beschäftigte befragt.

Assam: Tagesverdienst zwischen 1,73 Euro und 2,14 Euro für Ernte von Tee

Der Tagesverdienst der Pflückerinnen und Pflücker liegt demnach umgerechnet zwischen 1,73 und 2,14 Euro – und damit weit unterhalb des geltenden Mindestlohns von 3,21 Euro für ungelernte Kräfte in der Landwirtschaft. Die Folge: 56 Prozent der befragten Plantagenarbeiter haben nicht ausreichend zu essen, mehr als ein Viertel muss mit weniger als 1800 Kilokalorien pro Tag auskommen. „Mit anderen Worten, sie hungern“, heißt es in der Studie. Die Hälfte der befragten Haushalte erhalte deshalb Essenskarten der Regierung für Familien unterhalb der Armutsgrenze. Für Oxfam das „offizieller Bekenntnis“, dass der Lohn der Teearbeiter nicht zum Überleben reicht.

In Deutschland produzieren das Unternehmen Teekanne und die Ostfriesische Teegesellschaft (Meßmer und Milford) die beliebtesten Teemarken. Über die Hälfte der aromatischen Blätter in Beuteln wird hierzulande über Aldi, Lidl, Rewe und Co vertrieben, die Assam-Tee auch als Eigenmarken führen. „Das gibt ihnen eine große Einkaufsmacht und den Hebel, die Preise für Lieferanten zu drücken und andere Vertragsbedingungen zu diktieren“, sagt Sennholz-Weinhardt.

Supermärkte und Teeproduzenten kassieren am meisten

Diese Marktmacht zeigt sich auch am Anteil an der Wertschöpfung, den Supermärkte und Teeproduzenten kassieren: Während bei ihnen laut Studie 86 Prozent des Preises hängen bleiben, den Konsumenten hierzulande im Laden zahlen, werden die Frauen und Männer auf den Plantagen mit 1,4 Prozent abgespeist, wie das Forschungsinstitut Basic (Bureau for the Appraisal of Social Impacts for Citizen Information) im Auftrag von Oxfam errechnet hat. Bei einer Packung Markentee für drei Euro sind das nur etwa vier Cent.

Nicht nur der Hungerlohn, auch die Arbeitsbedingungen sind der Untersuchung zufolge unhaltbar. Auf den Plantagen seien die meisten der Pflückerinnen giftigen Pestiziden ausgesetzt – und das oft ohne oder nur mit mangelhafter Schutzkleidung. Rund die Hälfte der Befragten berichtet von Augen- und Atemwegserkrankungen sowie weiteren allergischen Reaktionen. Darüber hinaus fehlten Toiletten an den Feldern. Alle der untersuchten Plantagen hatten zudem eine mangelnde Trinkwasserversorgung. 45 Prozent der Beschäftigten litten unter Krankheiten wie Gelbsucht, Cholera und Typhus.

Tee aus Assam: Probleme sind seit langem bekannt

All das spielt sich Oxfam zufolge in Assam auch auf Plantagen ab, die Tee mit dem Siegel von Rainforest Alliance/UTZ liefern. Die Probleme seien Zertifizierungsfirmen, Teehändlern und Supermärkten schon lange bekannt, sagt Sennholz-Weinhardt, „aber sie lösen sie nicht“. Stattdessen werde auf den Teepackungen noch immer mit Hinweisen wie „Beim Einkauf achten wir auf faire Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen“ geworben. Gleichzeitig lege aber keines der Unternehmen offen, von welche Plantagen es Tee beziehe.

„Wir brauchen deshalb ein Lieferkettengesetz“, fordert Sennholz-Weinhardt. „Abwarten und Tee trinken ist keine Option.“ Gemeinsam mit mehr als 60 Umwelt- und Entwicklungsorganisationen macht sich Oxfam dafür stark, dass die Bundesregierung Unternehmen gesetzlich verpflichtet, auf Menschen- und Arbeitsrechte in der gesamten Wertschöpfungskette zu achten. „Nur so können sich Unternehmen ihrer Verantwortung nicht länger entziehen und Schäden an Mensch und Umwelt in Kauf nehmen“, sagt Johanna Kusch, Sprecherin des breiten Bündnisses für ein Lieferkettengesetz.

Ein gesetzlicher Rahmen würde die Firmen dann beispielsweise verpflichten, eine Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte abzugeben. Sie müssten eine umfassende Risikoanalyse vornehmen, konkrete Schritt ergreifen, um die Rechte der Beschäftigten zu schützen, Beschwerdemechanismen etablieren und über all das transparent berichten.

Forum Entwicklung

„Genuss mit Nebenwirkungen“ lautet der Titel des „Forum Entwicklung“, zu dem Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit für Dienstag, 19. November, 18.30 Uhr,  in das Museum für Kommunikation, (Frankfurt, Schaumainkai 53), einladen. Thema ist die menschenrechtliche Verantwortung von Supermarktketten.

Auf dem Podium diskutieren Sara Nuru (Gründerin von Nuru Coffee und Model), Dr. Franziska Humbert (Oxfam-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte), Dirk Heim (Rewe-Nachhaltigkeitschef) und Maike Möllers (GIZ-Expertin für nachhaltige Agrarlieferketten).

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