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Rückschlag im Kampf gegen Hunger

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Von: Tobias Schwab

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Kleinbäuerin in Kenia: Bis zum Jahr 2030 wollen die Vereinten Nationen den Hunger weltweit besiegen - ein mehr als ehrgeiziges Ziel.
Kleinbäuerin in Kenia: Bis zum Jahr 2030 wollen die Vereinten Nationen den Hunger weltweit besiegen - ein mehr als ehrgeiziges Ziel. © Concern Worldwide 2022

Die Zahl der Menschen, die nicht satt werden, steigt in vielen Ländern wieder an, wie der Index der Welthungerhilfe zeigt. Die Organisation fordert Reformen des Ernährungssystems und mehr finanzielles Engagement der Bundesregierung.

Das Vieh verloren, die Brunnen ausgetrocknet, Ernten vernichtet, Grundnahrungsmittel kaum noch bezahlbar. Am Horn von Afrika erleben die Menschen zurzeit die schlimmste Dürre seit vier Jahrzehnten und hungern. Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, warf am Donnerstag bei der Vorstellung des Welthunger-Index 2022 ein Schlaglicht auf die Situation in Ostafrika – und gab damit doch nur ein Beispiel für die Folgen „multipler Krisen, die in vielen Regionen zu Katastrophen führen“.

Thieme warnte vor schweren Rückschlägen beim Kampf gegen die globale Ernährungsunsicherheit. Die in mehr als einem Jahrzehnt global erzielten Fortschritte würden zunichtegemacht. Auch in den kommenden Jahren könne die Zahl der Menschen, die nicht genug auf den Teller bekommen, weiter steigen.

„Null Hunger“ ist eines der zentralen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die bis zum Jahr 2030 erreicht werden sollen. Die Weltgemeinschaft werde den Hunger bis 2030 nicht vollständig beseitigen können, wenn es nicht gelinge, die Ernährungssysteme grundlegend zu transformieren, sagte Thieme.

Sie sprach von einer „toxischen Mischung“. Bewaffnete Konflikte, Klimawandel und die Corona-Pandemie trieben den Hunger und verstärkten sich dabei gegenseitig. Der Krieg in der Ukraine mit seinen Folgen für die weltweite Versorgung mit Nahrungs- und Düngemitteln sowie dem Anstieg der Preise habe die Lage noch einmal dramatisch verschärft. Hinzu kommen strukturelle Ursachen für Hunger wie Armut, Ungleichheit, mangelhafte Regierungsführung, schlechte Infrastruktur sowie geringe landwirtschaftliche Produktivität.

Welthunger-Index: 828 Millionen Menschen sind unterernährt

Der neue Bericht nimmt 129 Länder in den Blick. Laut dem Welthunger-Index (WHI) hat sich die Situation in vielen Staaten und Regionen der Welt verschlechtert. Der Anteil der Menschen, die permanent ohne ausreichende Kalorien auskommen müssen, nimmt demnach zu. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben der Vereinten Nationen bereits 828 Millionen – gegenüber bis zu 811 Millionen im Jahr 2020. Die Zahl der Erdbewohner:innen, die unter akutem Hunger leiden, wird für 2021 auf fast 193 Millionen geschätzt – 2015 waren es noch 80 Millionen gewesen.

Der WHI stuft die Länder auf einer 100-Punkte-Skala ein. Werte zwischen 10,0 und 19,9 Punkte bedeuten mäßigen Hunger. Indexwerte von mehr als 50 signalisieren eine gravierende Unterernährung. Für den aktuellen Report wurden Daten bis zum Jahr 2021 ausgewertet. Die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben also noch gar keinen Eingang in die Statistik gefunden und werden sich erst im nächsten Bericht niederschlagen.

Laut dem aktuellen Index werden 46 Staaten bis 2030 voraussichtlich noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau erreichen. In 44 Ländern ist die Lage gegenwärtig ernst oder sehr ernst. Die Hotspots einer dramatischen Ernährungsunsicherheit liegen weiterhin in Afrika südlich der Sahara sowie in Südasien. Zu den Ländern mit den schlechtesten Werten zählen der Tschad, die Demokratische Republik Kongo, Madagaskar, die Zentralafrikanische Republik, der Jemen, Haiti und Afghanistan.

Während Subsahara-Afrika die weltweit höchsten Werte für Unterernährung und Kindersterblichkeit aufweist, verzeichnet Südasien die weltweit höchsten Raten von Auszehrung und Wachstumsverzögerung bei Kindern infolge mangelnder Ernährung. Regionen, die nach Einschätzung der Welthungerhilfe auch für künftige Schocks und Krisen anfällig bleiben und keine gute Perspektive haben – sollte es nicht zu grundlegenden Reformen kommen. Der Welthunger- Index zeige in diesem Jahr, „wie wichtig es ist, die Ernährungssysteme gerecht, nachhaltig und krisenfest zu gestalten“, sagte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe.

Bei der Transformation der Ernährungssysteme müsse das Menschenrecht auf Nahrung im Mittelpunkt stehen, betonte Mogge. Die Mitbestimmung lokaler Akteur:innen sollte dabei eine zentrale Rolle spielen. „Nur wenn die Gemeinschaften und Bäuerinnen und Bauern mit ihrem lokalen Wissen und ihren konkreten Bedürfnissen mitbestimmen, können nachhaltige Lösungen für die Beseitigung des Hungers gefunden werden“, sagte Mogge. Auch die Zivilgesellschaften vor Ort müssten gestärkt werden, „um die jeweiligen staatlichen Strukturen zu überprüfen und Verbesserungen einklagen zu können“. Dafür brauche es Instrumente der Rechenschaftspflicht.

Welthunger-Index: Regierungen bei Ernährungssicherung in der Pflicht

Als Beispiel für wirksame lokale Ansätze nannte Mogge das Projekt Shimodu im westafrikanischen Niger. Dabei kämen Mitglieder dörflicher Gemeinschaften, lokale Behörden und humanitäre Akteur:innen in einem Konsortium zusammen, um die Bedürfnisse vor Ort zu ermitteln. Ergebnis seien gemeinsame Nahrungs- und Futtermittellager sowie ein Pfandkreditsystem.

Bauern und Bäuerinnen erhalten bei Shimodu Darlehen in Höhe ihrer eingelagerten Ernte, um die Verfügbarkeit von Nahrungs- und Futtermitteln während der mageren Jahreszeit zu verbessern. Die in Zeiten relativen Überflusses angelegten Reserven werden später zu Preisen verkauft, die von den Gemeinschaften gemeinsam festgelegt werden.

In der Pflicht, sich im Kampf gegen den Hunger stärker zu engagieren, sieht die Welthungerhilfe aber nicht nur die Regierungen der von Ernährungskrisen betroffenen Länder, sondern auch die Gebernationen. Welthungerhilfe-Präsidentin Thieme kritisierte deshalb auch die geplanten Kürzungen der Etats des Auswärtigen Amtes (AA) und des Ministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die Mittel für humanitäre Hilfe und Projekte sollen 2023 im AA um 20 Prozent und im BMZ um zehn Prozent schrumpfen. Bis zum Jahr 2026 soll Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) für ihr Ressort sogar zwei Milliarden Euro weniger erhalten. „Die Bundesregierung muss hier unbedingt umsteuern und nachlegen“, forderte Thieme.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Handeln gegen den Hunger

DER WELTHUNGER-INDEX

Der Welthunger-Index (WHI) misst jährlich die Ausprägung von Hunger und Unterernährung in der Welt, in verschiedenen Regionen und einzelnen Ländern.

Analysiert wird die Situation in den untersuchten Ländern anhand folgender vier Indikatoren: Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung; Auszehrung bei Kindern unter fünf Jahren (zu niedriges Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße als Hinweis auf akute Unterernährung); Wachstumsverzögerung bei Mädchen und Jungen unter fünf Jahren (zu geringe Körpergröße im Verhältnis zum Alter als Hinweis auf chronische Unterernährung); und Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren.

Der Index stuft die Länder auf einer 100-Punkte-Skala ein. Werte zwischen 10,0 und 19,9 Punkte bedeuten mäßigen Hunger. Mehr als 50 Punkte signalisieren eine gravierende Unterernährung im jeweiligen Land.

Der WHI-Bericht wird gemeinsam von der Welthungerhilfe und der irischen Hilfsorganisation Concern Worldwide herausgegeben. tos

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