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Hunger im Ukraine-Krieg: Globaler Süden steht vor der Katastrophe

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Dürren, Starkregen oder Kriege belasten viele Menschen im Globalen Süden. Der russische Angriff auf die Ukraine könnte ihre Lage weiter verschlechtern.
Dürren, Starkregen oder Hunger belasten viele Menschen im Globalen Süden. Der Angriff Russlands auf die Ukraine könnte ihre Lage weiter verschlechtern. © WFP/George Fominyen

Schon jetzt hungern 300 Millionen Menschen weltweit. Ausbleibende Weizenlieferungen nach Russlands Angriff auf die Ukraine machen die Situation noch schlimmer.

Frankfurt – Der russische Einmarsch in die Ukraine hat einen globalen wirtschaftlichen Schock ausgelöst, der insbesondere den afrikanischen Kontinent hart trifft. Ließ das letzte Quartal des vergangenen Jahres noch auf eine vielversprechende Erholung von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hoffen, droht nun mit Putins Angriffskrieg auf die „Kornkammer Europas“ eine massive Hungerkrise und humanitäre Katastrophe. Sowohl die Ukraine als auch Russland gehören zu den weltweit wichtigsten Exporteuren von Energieträgern, Getreide und Düngemitteln.

Aufgrund der logistischen Herausforderungen und der gegen Russland verhangenen Sanktionen werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bis Juli 2022 rund 24 Millionen Tonnen Weizen und Mais aus Russland und der Ukraine nicht auf die internationalen Märkte gelangen. Der Exportstopp des weltweit zweitgrößten Weizenproduzenten Indien verschärft die Lage zusätzlich.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) geht derzeit von weltweit mehr als 300 Millionen akut hungernden Menschen aus. Schon die Pandemie hat dazu geführt, dass in den Jahren 2020 und 2021 in Subsahara-Afrika etwa 40 Millionen Menschen mehr in extreme Armut gerieten. Je nach Dauer des russischen Kriegs in der Ukraine rechnet das WFP mit weiteren 33 bis 47 Millionen von Hunger bedrohten Menschen. Allein im Jahr 2020 importierten afrikanische Länder Agrargüter im Wert von rund vier Milliarden Euro nur aus Russland, 90 Prozent dieser Summe wurden in Weizen investiert.

Hunger im Ukraine-Krieg: Länder in Krisensituationen leiden am meisten

Besonders betroffen von den ausbleibenden Lieferungen und steigenden Energiepreisen sind Länder, die sich bereits in einer Krisensituation befinden, etwa durch Dürren, Starkregen, Kriege und Hungersnöte. In vielen Staaten des Globalen Südens führten diese belastenden Faktoren bereits vor dem russischen Angriffskrieg zu einer steigenden Inflation und Rekordpreisen. Insbesondere in den schon seit geraumer Zeit von Krisen, Instabilität und dem Klimawandel gebeutelten Ländern am Horn von Afrika, in der Sahel-Zone, aber auch im Nahen Osten und Asien birgt das Risiko steigender Ernährungsunsicherheit auch das Potenzial für weitere soziale und politische Unruhen. Putins „Sonderoperation“ bedroht nun weit abseits der Ukraine die Ärmsten der Armen und die politische Stabilität in ohnehin schon konfliktgeprägten Regionen.

„Agrarprodukte müssen von den Russland-Sanktionen ausgenommen bleiben“, fordert das BMZ angesichts der aktuellen Notlage. Kurzfristig gehe es darum, die vorhandenen Lebensmittel- und Getreidereserven zu den Menschen zu bringen, Exportbeschränkungen dürften daher nicht verhängt werden. Außerdem, so eine Sprecherin des Ministeriums, sei wichtig, dass Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm die finanziellen Mittel haben, um Lebensmittel kaufen und verteilen zu können. 28 Millionen Euro will das BMZ zur Verfügung stellen und den Kernbeitrag des WFP so auf insgesamt 70 Millionen Euro erhöhen. Damit solle zum einen ermöglicht werden, die laufenden Operationen des WFP zur Ernährungssicherung in Krisenländern weltweit fortzusetzen und flexibel auf die sich durch den Ukraine-Krieg dynamisch verändernden Bedarfe zu reagieren. Zum anderen wolle man verhindern, dass die Organisationen zur Ernährungssicherung auf dem afrikanischen Kontinent Finanzmittel aus anderen Krisenregionen der Welt abziehen müssen.

Verriegelte Kornkammer

Schon im vergangenen Jahr warnte David Beasley, der Chef des UN-Welternährungsprogramms, vor der größten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch jetzt, sagt er auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos, sei es noch schlimmer gekommen. Denn mit dem Krieg gegen die Ukraine fällt die Kornkammer der Welt aus. Fachleute warnen vor einer globalen Nahrungsmittelkrise.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist diese humanitäre Katastrophe in aller Munde. Lösungen gebe es bisher nicht, sagt Beasley, der in das Schweizer Alpendorf gekommen ist, um den Reichen der Welt den Ernst der Lage vor Augen zu führen.

Der Kreml wirft dem Westen vor, die Krise mit seinen Sanktionen selbst hervorgerufen zu haben. Russland hindere die Ukraine nicht daran, Getreide etwa mit der Bahn in Richtung Polen auszufahren, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Die Ukraine ist wegen ihrer fruchtbaren Böden einer der wichtigsten Weizenexporteure weltweit. Hinzukommen hohe Weltmarktanteile bei Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. UN-Angaben zufolge wurden 2020 gut 30 Millionen Tonnen Mais und knapp 25 Millionen Tonnen Weizen geerntet. Zusammen produzieren die Ukraine und Russland einer Studie zufolge 12 Prozent der weltweit gehandelten Kalorien. (dpa)

Abhängigkeit von Weizen aus Russland: Ukraine-Krieg schafft Umdenken

Die Märkte offen zu halten und Preisspekulationen mit Lebensmitteln zu verhindern, kann jedoch nur ein erster Schritt zur kurzfristigen Entspannung der derzeitigen Lage sein. Mittel- und langfristig muss den Ursachen von Hunger und Mangelernährung mit nachhaltigen strukturellen Veränderungen begegnet werden.

Dazu gehört primär der Ausbau der Lebensmittelproduktion in stark von Importen abhängigen Ländern wie Äthiopien. Laut der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) importiert der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt aktuell rund ein Viertel seines Weizenbedarfs aus der Ukraine. Bis Ende 2023 will die äthiopische Regierung vollkommen unabhängig von Weizenimporten sein und die 115 Millionen Einwohner selbst versorgen. Etwa acht Millionen Tonnen Weizen müssen hierfür jährlich erwirtschaftet werden; aktuell schafft Äthiopien, unterstützt durch die GIZ, eine Produktion von knapp 5,7 Millionen Tonnen.

Ob Äthiopien und andere afrikanische Länder ad hoc, vor dem Hintergrund der neuen Krise, die landwirtschaftliche Autarkie schaffen, ist fraglich – trotz umfangreicher Maßnahmen seitens der GIZ und anderer Organisationen. BMZ und GIZ befürchten daher auch neue Abhängigkeiten. „Putin hat mehrfach angekündigt, kein Getreide an sogenannte feindliche Staaten exportieren zu wollen. Das Risiko ist groß, dass sich Länder aus Abhängigkeit erpressbar machen“, so die Ministeriumssprecherin. „Um solche Abhängigkeiten zu verhindern ist es wichtig, dass wir als Deutschland und als Europäische Union mit einer wertebasierten Entwicklungspolitik ein faires Gegenangebot machen und mit konkreter Unterstützung hinterlegen.“

Weizen aus der Ukraine.
Russland und die Ukraine sind für einen Großteil der weltweiten Exporte von Weizen zuständig. Durch Putins Angriffskrieg sind besonders Südstaaten von Hunger bedroht. © FR

Hunger im Ukraine-Krieg: Chinas Einfluss auf den globalen Süden wächst

Auch China wird voraussichtlich in diesem Kontext eine stärkere Rolle einnehmen und eigene Auslandsprojekte zur Einflusserweiterung verstärken. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und den Subsahara-Staaten haben sich bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich vertieft, eine nun weitere Forcierung der Handelsbeziehungen ist laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wahrscheinlich. Nicht zuletzt, da die Staatsverschuldung der meisten Länder Subsahara-Afrikas seit Jahren stetig wächst. Die Pandemie hat die Haushaltslage der meisten Länder zusätzlich verschlechtert und die Staatsverschuldung auf den höchsten Stand seit Beginn dieses Jahrhunderts ansteigen lassen.

„China ist mit einem Anteil von rund einem Fünftel am Gesamthandel der größte Handelspartner Subsahara-Afrikas. Außerdem ist China in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Kreditgeber der Region geworden, gewährt mehreren Ländern umfangreiche Darlehen und tätigt dringend benötigte ausländische Direktinvestitionen“, so ein Sprecher des IWF. Die chinesische Kreditvergabe habe einen nicht unwesentlichen Teil des afrikanischen Entwicklungsfinanzierungsbedarfs gedeckt und werde dies voraussichtlich auch weiterhin tun: „Dies ist zu begrüßen, wenn man bedenkt, dass erhebliche Mittel benötigt werden, um die Erholung von Covid und dem Krieg in der Ukraine zu konsolidieren. Weiterhin sind umfangreiche Investitionen erforderlich, um die Armut zu verringern.“

Zudem hält die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt 50 Prozent der globalen Weizenvorräte. Eine Goldgrube in Zeiten akuter Knappheit – sofern die Bereitschaft besteht, diese Vorräte zur Verfügung zu stellen. Das BMZ vermeidet eine klare Handlungsaufforderung in Richtung Chinas. Aus Berlin heißt es lediglich, das gerade erst von den G7-Entwicklungsminister:innen beschlossene Bündnis für globale Ernährungssicherheit solle dazu beitragen, „die Autonomie von Entwicklungs- und Schwellenländern zu stärken. Es steht allen Ländern offen, ihren Beitrag zur Verhinderung der drohenden Hungerkrisen zu leisten. Auch mit China werden Gespräche geführt.“ (Ronja Merkel)

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