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Kleinbäuerliches Ackern verbessert die Bodenfruchtbarkeit, den Zugang zu lokal produziertem und vielfältigem Saatgut und ermögliche stabilere Ernteerträge.

Neues Konzept

So kann der Hunger in Afrika besiegt werden

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Immer mehr Menschen haben nicht genug zu essen. Nun denken Experten um.

In großen Kesseln über offenem Feuer rühren Frauen Porridge an. Die Zehn-Liter-Eimer, in die der Brei abgefüllt wird, stehen schon bereit. Gleich ist Mittagspause in der Sanza Primary School, die weit abseits der nächsten befestigten Straße im ruandischen Distrikt Karongi liegt. Bis zu zwei Stunden sind die Mädchen und Jungen zu Fuß zum Unterricht unterwegs, viele Dörfer liegen mehrere Hügel weit entfernt, erzählt Rektor Thomas Munyabarenzi, dessen ganzer Stolz die Schulspeisung ist.

Finanziert wird das Essen vom Welternährungsprogramm (WFP) mittlerweile für Schulen in mehreren Distrikten, in denen viele Menschen Hunger leiden oder mangelernährt sind. Getreide, Bohnen, Öl und Salz kauft das WFP bei lokalen Erzeugern ein.

„Für viele Kinder ist das Porridge im Klassenzimmer die einzige feste Mahlzeit am Tag“, sagt Leocadie Mukanaka. Der Effekt des Mittagessens, das Mütter abwechselnd zubereiten, liegt für die Mathematiklehrerin auf der Hand. „Viele Eltern schicken ihre Kinder jetzt wieder regelmäßig zur Schule - und die können sich deutlich besser konzentrieren.“

Hunger ist auf dem Vormarsch

In Ruanda, einem Land im Osten Afrikas, das autokratisch regiert wird und beeindruckende Wachstumsraten aufweist, hungern noch immer 36 Prozent der Menschen. Nimmt man alle Subsahara-Staaten in den Blick, ist ein Fünftel der Bevölkerung unterernährt - Tendenz steigend, wie der jüngst veröffentlichte Welternährungsbericht zeigt.

„Hunger ist in nahezu allen Regionen Afrikas auf dem Vormarsch“, schlagen die Vereinten Nationen (UN) in ihrem Report Alarm. Global haben demnach im vergangenen Jahr mehr als 821 Millionen Menschen gehungert – jeder neunte Erdbewohner. Die Zahl ist damit zum dritten Mal in Folge gestiegen.

Hauptursachen dieser Entwicklung sind laut dem Report politische Konflikte, Wirtschaftskrisen und die Folgen des Klimawandels. Das UN-Ziel, den Hunger bis 2030 aus der Welt zu schaffen, scheint da nicht mehr erreichbar. Dabei ist Nahrung global gesehen nicht knapp. Die Landwirtschaft erzeugt nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO derzeit immer noch etwa ein Drittel mehr Kalorien, als für die Versorgung aller Menschen rechnerisch benötigt wird. Und noch wächst die Erzeugung von Lebensmitteln schneller als die Weltbevölkerung. Den Schwächsten und Ärmsten aber bleibt der Zugang zu einer ausreichenden und ausgewogenen Ernährung oft verwehrt.

Gespalten in zwei Lager

Wie aber kann der Kampf gegen den Hunger gewonnen werden? Die Antwort darauf spaltet noch immer in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Befürworter der Industrialisierung der Landwirtschaft in den ärmeren Ländern. Um die Erträge zu steigern, setzen sie auf große Anbauflächen für Monokulturen, auf optimiertes, auch gentechnisch verändertes Saatgut, einen hohen Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden sowie Hightech-Maschinen.

Die Kritiker dieser Strategie halten eine kleinteilige, kleinbäuerliche Landwirtschaft für den Schlüssel zur Lösung des Hungerproblems. Denn noch immer sind es Kleinbauern, die die Weltbevölkerung zu 80 Prozent mit Nahrungsmitteln versorgen. Paradoxerweise aber sind auch die Hälfte der weltweit Hungernden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern – vor allem, weil sie seit Jahrzehnten von Regierungen weltweit vernachlässigt wurden.

„Die Förderung der Agrarökologie zahlt sich dreifach aus: Sie verbessert die Lebenssituation von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, mindert die Folgen der Klimakrise und schützt die natürlichen Lebensgrundlagen“, betont Marita Wiggerthale, Agrarexpertin der Entwicklungsorganisation Oxfam. Kleinbäuerliches Ackern verbessere die Bodenfruchtbarkeit, den Zugang zu lokal produziertem und vielfältigem Saatgut und ermögliche stabilere Ernteerträge.

„Grüne Revolution“ für gescheitert erklärt

Stefan Sieber, Agrarökonom, erprobt mit Bauern in Entwicklungsländern neue Anbaukonzepte.

Die FAO hatte die „Grüne Revolution“ der industriellen Landwirtschaft bereits auf einem Symposium im Frühjahr 2018 quasi für gescheitert erklärt und die Agrarökologie als entscheidendes Instrument herausgestellt, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Dieser Ansatz, so die FAO, sei die Antwort auf gleich eine ganze Reihe globaler Herausforderungen wie Armut, Hunger, Umweltzerstörung und mangelnde Geschlechtergerechtigkeit.

Auch hierzulande melden sich die Verfechter des nachhaltigen Landbaus immer vernehmbarer zu Wort. Ende Januar appellierten mehr als 50 zivilgesellschaftliche Organisationen - darunter Brot für die Welt, Misereor, Oxfam und Fian – an die Bundesregierung, die Agrarökologie zum zentralen Förderkonzept zur Armutsbekämpfung und zur Anpassung an den Klimawandel zu machen. Vor allem auch, weil der Ansatz auf dem Menschenrecht auf Nahrung fuße, eng mit der Autonomie von Bauern verknüpft sei und die von Hunger Betroffenen selbst an den Lösungen mitarbeiten lasse.

Wie das konkret aussehen kann, demonstriert Stefan Sieber vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) zurzeit in Tansania. Im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gestarteten Initiative „Globale Ernährungssicherung“ (Globe) koordiniert der habilitierte Agrarökonom ein Netzwerk von Wissenschaftlern, deren Ziel es ist, die Nahrungsmittelversorgung von Kleinbauern zu verbessern und vor allem die Mangelernährung von Kindern zu bekämpfen.

Teilhabe wird dabei großgeschrieben, betont Sieber. Alle Akteure in den Projekt-Dörfern kommen an einem Tisch zusammen, sie entscheiden gemeinsam, an welchen Methoden gearbeitet werden soll. „Die Menschen übernehmen Verantwortung und machen es zu ihrer eigenen Sache“, sagt Sieber. „Das ist letztlich eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg einer Innovation.“

Höhere Erträge durch drei einfache Kniffe

Innovation - das klingt groß, dabei geht es den Globe-Forschern um simple und standortgerechte Lösungen. Drei einfache Kniffe führen in den Projektdörfern bereits zu höheren Erträgen. Die Bauern graben auf ihren Feldern längliche Furchen, die das knappe Regenwasser besser auffangen. Kombiniert wird das mit einer geringen Zugabe von Dünger. Und die Farmer jäten jetzt konsequent per Hand das Unkraut. Das ist arbeitsintensiv und kostet Zeit, die bislang benötigt wurde, um Feuerholz zu sammeln.

An dieser Stelle schaffen neue Lehmöfen Entlastung, die bis zu 50 Prozent weniger Brennstoff benötigen. Zum Konzept gehört eine bessere Lagerung der Ernte. Auch dabei setzen Sieber und Kollegen auf ganz einfache Lösungen. Um die Getreide an der frischen Luft zu trocknen, genügt oft schon eine Glasscheibe als Abdeckung. Wenn der Mais danach in möglichst luftdichte Säcke gefüllt wird, können die Bauern ihn vorhalten und erst dann zum Markt bringen, wenn ein besserer Preis zu erzielen ist.

Lesen Sie dazu auch: So wächst die Weltbevölkerung

Vermittelt werden die Techniken auf kleinen Demonstrationsfarmen. „Die Leute müssen sehen, dass es funktioniert“, sagt Sieber. Viele scheuten nämlich das Risiko aus verständlichen Gründen. „Wer prekär lebt, kann sich nicht erlauben, dass etwas schiefgeht.“

Ziel der Forschungsstrategie von Globe sei es, „den Wandel hin zu einer biobasierten und nachhaltigen Wirtschaft zu forcieren und dabei deutsche und afrikanische Kompetenzen zu bündeln“, führte das Bundesforschungsministerium zum Start des Programms im Jahr 2013 aus.

Die Saat solcher Projektansätze scheint nun auch hierzulande aufzugehen und breitere Anerkennung zu finden. So votierten CDU/CSU, SPD und FDP Ende Juni im Bundestag für den Koalitionsantrag, die „Potenziale aus der Agrarökologie anzuerkennen und zu unterstützen“. Die Regierung solle das Engagement in der Agrarökologie fortsetzen und in der Entwicklungszusammenarbeit weiter ausbauen, heißt es im Beschluss. Zudem fordern die Fraktionen, die im Koalitionsvertrag vereinbarte „Stärkung eines gerechten Zugangs zu Land, Wasser und Fischereirechten für die lokale Bevölkerung in Entwicklungsländern systematisch zu unterstützen“.

Bundesregierung setzt auch auf Konzerne

Ob das auf allen Feldern der Entwicklungshilfe dazu führt, der Agrarökologie den Vorrang zu geben, bleibt fraglich. Denn seit Jahren setzt auch die Bundesregierung in der Hungerbekämpfung auf eine Kooperation mit Konzernen - so etwa in der German Food Partnership. In Zusammenarbeit mit Bayer und BASF will das Entwicklungsministerium damit zum Beispiel den Anbau von Hybridreis in Asien und Afrika fördern. Ein Saatgut, das jedes Jahr neu eingekauft werden müsste. Die Kleinbauern, so die Kritiker, würden damit in die Abhängigkeit von Konzernen getrieben. Kontraproduktive Initiativen wie diese müsse die Bundesregierung umgehend beenden, forderte Inkota-Agrarexperte Jan Urhahn anlässlich des Aufrufs der über 50 NGOs, die Agrarökologie zu stärken.

Wie lukrativ der Markt für Chemiekonzerne, Saatgut-Multis und Maschinenhersteller ist, lässt sich in einer Sonderwirtschaftszone am Rande der ruandischen Hauptstadt Kigali beobachten. Dort führt Manager Jan Vriens stolz durch die Hallen von Africa Improved Foods (AIF). Hochmoderne Mühlen des Schweizer Technologiekonzerns Bühler verarbeiten hier jährlich bis zu 45 000 Tonnen Mais von ruandischen Kooperativen. Die Breimehle werden anschließend mit Milchpulver, Vitaminen und Mineralstoffen angereichert.

Hauptaktionär des öffentlich-privaten Joint Ventures, an dem neben der ruandischen Regierung auch die holländische Entwicklungsbank und das Welternährungsprogramm (WFP) Anteile haben, ist Royal DSM – ein niederländisches Unternehmen, das auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert ist. Umgerechnet rund 64 Millionen Euro hat AIF in die Produktion investiert und als Zielgruppe vor allem schwangere und stillende Mütter sowie Kinder, die besonders von Mangelernährung bedroht sind, im Blick.

In akuten Hungerkrisen sind angereicherte Lebensmittel durchaus ein Rezept, um das Schlimmste abzuwenden. Eine dauerhaft ausgewogene Ernährung aber sieht anders aus und basiert auf einer Diversifizierung im Anbau. Die Forscher um Stefan Siebert haben auch dafür gemeinsam mit Kleinbauern in Tansania eine ganz einfache, nachhaltige Lösung entwickelt. Sogenannte Küchengärten liefern den Familien Blattgemüse mit wertvollen Vitaminen und Mineralien. Es handelt sich um nichts anderes als Kunststoffsäcke, die mit Erde gefüllt werden. In die Seiten bohren die Kleinbäuerinnen Löcher und pflanzen etwa Gemüseamaranth. Der Vorteil: Die Säcke halten die Feuchtigkeit viel besser. „Besonders in trockenen Regionen kann die Bevölkerung dann auch zu jeder Zeit Gemüse ernten“, erzählt Sieber.

Bilanz

Immer mehr Unternehmen sind heute weltweit an Entwicklungsprojekten beteiligt - vor allem auch im Ernährungssektor. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) kooperiert mit dem Agrobusiness - so etwa über die Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“, mit der Gründung der „Agentur für Wirtschaft und Entwicklung“ oder der finanziellen Unterstützung der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (Agra).

Für die Entwicklungspartnerschaften sind im Haushalt 2019 rund 178 Millionen Euro vorgesehen. Hinzukommen Mittel der Staatsbank KFW. So wurden etwa in den Jahren 2015/2016 öffentlich-private Partnerschaften mit vier Milliarden Euro finanziert. Das Geld soll Investitionen von Unternehmen mobilisieren. Knappe BMZ-Mittel, die für die ärmsten Menschen bestimmt sein sollten, gehen also an Unternehmen“, kritisiert Maria Wiggerthale von Oxfam.

Eine Überprüfung dieser Kooperationen durch das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (Deval) brachte jetzt ernüchternde Ergebnisse für die Jahre 2017/2018. So bleibe unklar, worin die komparativen Vorteile der Privatwirtschaft liegen, die es rechtfertigten, sie in die Entwicklungszusammenarbeit einzubeziehen, so das Deval. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass PPP-Projekte zu inklusivem Wirtschaftswachstum beitrügen und armutsmindernde Effekte entfalteten. Und bei fast allen Projekten fehle ein Menschenrechtskonzept, bilanzierte das Deval.

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