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Minister Heil (rechts) im Gespräch mit US-Gewerkschaftern.

Hubertus Heil

Der Minister in der Motorstadt

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Beim Besuch in den USA warnt Hubertus Heil vor drohenden Zöllen.

Nach 20 Minuten ist das Treffen schon vorbei. Gretchen Whitmer, die Gouverneurin des Bundesstaats Michigan, ist im Stress. Erst vor wenigen Wochen hat die Demokratin ihr Amt übernommen. Kurz darauf hat der US-Konzern General Motors die Schließung von zwei Werken in dem traditionellen Autoland bekanntgegeben. Nun muss Whitmer ihren Haushalt durchboxen. Da bleibt nicht viel Zeit für einen Besucher aus Deutschland.

Arbeitsminister Hubertus Heil ist trotzdem sehr zufrieden. Mit der aufstrebenden Regierungschefin hat der SPD-Politiker eine Verbündete im Kampf gegen die von Donald Trump geplanten Autozölle gefunden. „Unsere nationale Politik sollte nicht über die sozialen Medien gemacht werden“, kritisiert Whitmer offen den US-Präsidenten: „Zölle könnten einen sehr großen Schaden für die Wirtschaft in Michigan anrichten.“

Auf den ersten Blick mag die klare Ansage der Gouverneurin überraschen. Immerhin hat die Region um Detroit am meisten unter dem Niedergang der Autobranche zu leiden. Trotz des massiven Einbruchs arbeiten in Michigan immer noch 600.000 Menschen in der Branche – mehr als in jedem anderen Bundesstaat. Diesen Arbeitern im Rostgürtel verspricht Trump mit seinen Zöllen von 25 Prozent auf importierte Autos und Autoteile einen Schutz vor ausländischer Konkurrenz.

Doch so einfach ist die Sache nicht. „Die Lieferketten laufen quer über den Atlantik“, argumentiert Heil: „Beide Seiten würden sich ins Knie schießen, wenn sie die Handelsauseinandersetzungen auf die Spitze treiben.“ Das begreift man schnell bei einem Besuch der Detroit Diesel Corporation vor den Toren der Motorstadt. Vor 19 Jahren hat der deutsche Daimler-Konzern den traditionsreichen US-Hersteller von Lkw-Motoren und -Getrieben übernommen, der 2700 Menschen beschäftigt. Das Unternehmen hält in den USA bei schweren Trucks einen Marktanteil von knapp 40 Prozent. „Unser Geschäft boomt“, freut sich Werksleiter Matt Pfaffenbach.

Während seines Vortrags wirft Pfaffenbach eine Weltkarte an die Wand. Neben den deutschen Fabriken in Mannheim, Gaggenau und Kassel sind Standorte in China, Japan und Brasilien eingezeichnet. Detroit Diesel führt einen Teil seiner Vorprodukte aus dem Ausland ein. Die würden sich massiv verteuern. Zur politisch heiklen Frage der Zölle will sich Pfaffenbach direkt nicht äußern. Aber seine Antwort ist vielsagend: „Wir sind eine globale Organisation. Da sind stabile Rahmenbedingungen sehr wichtig.“

Stabilität wünschen sich auch die Beschäftigten. Bei Detroit Diesel, versichert Ralph Morris Jr., der Chef der lokalen Autoarbeitergewerkschaft UAW, sei das Verhältnis zwischen Personal und Firmenleitung gut: „Die meisten Kollegen arbeiten hier in der vierten Generation. Mein Vater stand hier schon am Band und mein Onkel auch“, berichtet Morris. Insgesamt aber sei die massive Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Billiglohnland Mexiko oder in den gewerkschaftlich schwächer organisierten Süden der USA ein Riesenproblem.

Die Autozölle sind innerhalb der US-Gewerkschaften umstritten. Dazu will sich Morris lieber nicht direkt äußern. Aber dass davon ausgerechnet Deutschland massiv betroffen wäre, leuchtet ihm nicht ein: „Uns stören vor allem die Ungleichgewichte bei den Löhnen. Das ist mit Deutschland wohl kein Problem“, sagt er.

Zwei Tage zuvor hat Minister Heil bereits beim amerikanischen Arbeitsminister Alex Acosta gegen den neuen Protektionismus protestiert. In dessen Vorzimmer hing ein Plakat mit dem Slogan: „Kauft bei Amerikanern! Stellt Amerikaner ein!“ Das ist ganz im Sinne von Trump. Trotzdem verstanden sich Heil und Acosta recht gut und unterzeichneten eine gemeinsame Vereinbarung zum Kampf gegen Kinderarbeit. Auf Heils Protest gegen die Autozölle, berichten Teilnehmer, sei Acosta einfach nicht eingegangen. Ob die Strafmaßnahme kommt oder nicht, entscheidet am Ende ohnehin der Präsident alleine.

Heil wertet es jedoch als ermutigendes Zeichen, dass er auch bei Gesprächen mit republikanischen Abgeordneten Kritik an dem protektionistischen Vorhaben vernimmt: „Es gibt aus vielen Richtungen mahnende Stimmen.“ Die Wissenschaftler bei einer Gesprächsrunde in der Uni-Stadt Ann Arbor muss der Minister ohnehin nicht überzeugen. „In einer rationalen Welt“, urteilt der in Indiana lehrende Wirtschaftsprofessor Rüdiger Bachmann ebenso nüchtern wie eindeutig, „machen diese Zölle einfach keinen Sinn.“

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