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Dicht an dicht: Die Bewohner von Houston leben praktisch im Vorgarten der Ölindustrie.

Klimakrise

„Greta-Effekt“ erreicht die Öl-Hauptstadt: Houston hat ein Problem

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Dass die Öl-Industrie vielen Menschen in der Region die Luft zum Atmen raubt und die Umwelt verseucht, konnte der Branche bislang nichts anhaben. Doch nun erreicht der Greta-Effekt die amerikanische Öl-Hauptstadt.

Ihre Aufgabe sei es, sagt Marcella Burke, die Worte von US-Präsident Donald Trump zu deuten und daraus Verordnungen zu machen. Da schmunzeln die Herren im Publikum. Man weiß ja um Trumps Sprunghaftigkeit. Doch die Juristin arbeitet für das US-Innenministerium, in dessen Zuständigkeit der Umweltschutz fällt. In diesem Bereich kann man dem Präsidenten nun wirklich keine Inkonsequenz vorwerfen.

Burke deutet Trump so: „Wir widerrufen die Auflagen aus der Obama-Ära. Wie entlasten die Öl- und Gasindustrie.“ Das ist es, was die Energieproduzenten und –händler hören wollen. Applaus brandet in der Messehalle von Houston auf. Dann ziehen sich alle an Stehtische und in Sitznischen zurück. Bloß keine Zeit verlieren. „Deals, deals, deals“ lautet das Motto der Branchen-Show.

Houston ist die selbst ernannte „Energie-Hauptstadt der Welt“. Dutzende Großkonzerne der petrochemischen Industrie haben hier ihren Sitz. In der texanischen Metropole am Golf von Mexiko laufen die Erdgasröhren und Ölleitungen der USA zusammen. Sie liefern den Rohstoff, der Amerikas Aufstieg zum Energiegiganten befeuert. Unter Trump haben die USA die ersehnte energiewirtschaftliche Unabhängigkeit erlangt.

Die Businessleute auf der Energiemesse „Nape“ in Houston erzählen gern vom Erfolg. „Das Geschäft mit dem Öl wird nicht versiegen“, prophezeit ein Anwalt, der Kaufverträge zwischen Landbesitzern und Bohrfirmen aufsetzt. Er hat in der Messehalle auf einem Hochsitz Platz genommen und lässt sich die Cowboystiefel von einem schwarzen Schuhputzer blank reiben. Das Selbstbewusstsein dieses jungen Texaners scheint unerschütterlich. Bis man ihn auf die Umweltbilanz der Öl- und Gasindustrie anspricht. „Wer uns Umweltzerstörung vorwirft, hat keine Ahnung.“ Er verliert die Lust am Gespräch.

Jahr für Jahr nimmt der Energiehunger weltweit zu. Die Öl- und Gas-Industrie lebt gut davon, diesen Bedarf zu stillen. 420 Milliarden US-Dollar setzte sie im vergangenen Jahr um. Doch die gesellschaftliche Akzeptanz für die Verbrennung endlicher, klimaschädlicher Rohstoffe schwindet. Und auch deren Verarbeitung zu Plastik, das Meere und Flüsse vermüllt, gerät in Misskredit.

Der Pariser Klimavertrag erhöht den Druck auf Regierungen, mehr für Klimaschutz zu tun – die Politik reicht den Druck weiter an die Wirtschaft. Immer mehr Finanzinstitute und Pensionsfonds ziehen sich aus fossilen Investments zurück. Zudem sehen sich die Öl-, Gas- und Kohleunternehmen von der global vernetzten, lauten Klimaschutzbewegung junger Menschen an den Pranger gestellt. Die Organisation erdölexportierender Länder schätzt Greta Thunberg und die von der jungen Schwedin entfachten Proteste als „größte Gefahr“ für die Branche ein. Die fossilen Riesen stehen unter Rechtfertigungsdruck.

„Wir müssen unser Image verändern“, sagt Kimberly McHugh. Sie ist die Vizepräsidentin des Ölkonzerns Chevron, zuständig für den Bereich Bohrungen. Sie soll auf der Houstoner Messe eine „Luncheon Keynote“ halten, eine Rede zum Mittagessen. Aber keiner im Saal isst, als McHugh am Rednerpult die Verwundbarkeit der starken Branche anspricht. Der Greta-Effekt ist jetzt selbst in der „Energie-Hauptstadt der Welt“ zu spüren. Houston merkt: Es hat ein Problem.

„Wir gelten als Anbieter schmutzigen Kraftstoffs“, sagt McHugh. Die Managerin blickt bekümmert. Anspannung liegt über den gedeckten Tischen. Dann sagt McHugh: „Die Menschen wissen nicht: Was sie auch berühren, entspringt unseren Produkten – das müssen wir sie wissen lassen.“ Nicht die Praxis fossiler Energiegewinnung und –erzeugung ist demnach das Problem, sondern das Marketing. Man wendet sich wieder dem Essen zu.

Auf Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas entsteht, werden 63 Prozent der menschengemachten Klimaerwärmung zurückgeführt. Im Mai 2019 haben US-Wissenschaftler die höchste CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre seit Beginn ihrer Aufzeichnungen 1958 festgestellt. Wirtschaftet die Menschheit so weiter wie bisher, wird die Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 1,8 bis vier Grad steigen. „Wir sind eine edle Industrie“, ruft Chevrons Vize-Chefin in den angenehm kühl klimatisierten Messesaal. „Wir sorgen für die Menschheit. Die Welt braucht, was wir haben.“

Ana und Juan Parras könnten auf vieles verzichten, was die Chemiefabriken und Raffinerien den Bewohnern der östlichen Stadtteile Houstons bieten. Statt den verseuchten Grund unter dem Asphalt zu entfernen, spannt die Stadt hier einfach Brücken darüber. Häuser und Schulen stehen auf Zementsockeln, die bei der nächsten Sturmflut belastetes Grundwasser vom Eindringen in die Gebäude abhalten sollen. Schilder an Straßenecken weisen unverfroren auf das Gift im Boden hin. „Das ist ein toxischer Ort“, sagt Ana Parras.

Mit ihrem Ehemann Juan setzt sie sich seit 30 Jahren für „mehr Umweltgerechtigkeit“ ein, wie sie es nennen. Sie dokumentieren Luft- und Wasserwerte, schreiben Eingaben, suchen die Öffentlichkeit. Sie wollen Politik und Konzerne dazu bringen, die Armen in dieser reichen Stadt vor den Zumutungen der petrochemischen Industrie zu schützen. Im Osten Houstons, wo es zwischen Destillationstürmen, Rohrleitungen und Tanklagern immer wieder brennt und knallt, leben fast nur Mexikaner und Afroamerikaner.

Der Kampf von Ana und Juan Parras war bisher vergeblich. „Es ist so gut wie unmöglich, in dieser Ecke Amerikas mächtige Verbündete zu finden“, sagt Juan. „Wissenschaftler, Juristen, Mediziner: Alle sind finanziell mit der Industrie verbandelt, von den Politikern ganz zu schweigen.“ Was das Paar vielleicht noch mehr verbittert, ist die mangelnde Unterstützung aus der Bevölkerung. „Als Hurrikan Harvey vor zwei Jahren verseuchtes Wasser in die Häuser der Leute gespült hat, riet ihnen das mexikanische Konsulat, stillzuhalten“, sagt Ana, 53, die wegen einer Atemwegserkrankung nicht arbeiten kann. „Viele hier sind ohne Papiere. Wer sich beschwert, dem droht die Abschiebung.“

Die Ölkonzerne lassen Spielplätze und Skateboardrampen gleich neben den qualmenden Raffinerien anlegen. Sie verlosen Praktika unter den Jugendlichen der Gemeinden. Zum Schulstart teilte der Ölriese Valero Rucksäcke aus. „Die Leute sind auf Spenden angewiesen. Sie standen Schlange, obwohl ihre Kinder an Asthma leiden“, sagt Juan Parras, 69, pensionierter Gewerkschafter. Manchmal fährt er mit seiner Frau an die Golfküste. Hinter der kilometerweiten, dystopischen Raffinerie-Landschaft Houstons führt ein breiter Strand zum Meer. Im Sand funkeln kleine runde Steine. „Sehen aus wie Perlen, nicht wahr?“, sagt Juan Parras und lächelt unter der Schiebermütze. Die Kügelchen sind Granulat von den vielen Kunststofffabriken in der Gegend. Schilder am Strand raten vom Angeln und Schwimmen ab.

Ans Aufgeben denkt das ergraute Aktivistenpaar trotz allem nicht. Es wäre auch der falsche Zeitpunkt. Denn die Tatsache, dass sich selbst in Houston plötzlich Gruppen formieren, die öffentlichen Nahverkehr, Recycling und weniger CO2-Ausstoß fordern, deutet auf einen größeren Wandel hin.

„Welches Grün ist euch wichtiger?“ Die Frage steht auf einem Schild, mit dem Madeline Canfield und ihre Freundinnen vor die Parteizentrale der Demokraten gezogen sind. Es ist mit Dollarnoten und Bäumen bemalt. Die Schülerinnen haben in Houston eine Ortsgruppe des „Sunrise Movement“ gegründet, des US-Pendants zur „Fridays for Future“-Klimabewegung in Europa. „Klimazerstörung bestimmt unseren Alltag“, sagt Madeline, 17. „An etlichen Tagen im Jahr fällt die Schule aus – mal wegen Überflutungen, mal wegen giftiger Rauchwolken nach Raffineriebränden.“

Anders als ihre deutschen Mitstreiter treten die Umweltschützer in Houston nicht in den Schulstreik – er hätte ihre Suspendierung zur Folge. Stattdessen versuchen sie, den Demokraten den Klimaschutz aufzudrängen – mit Erfolg: Die zehn Präsidentschaftsanwärter – darunter zwei Texaner – stellen das Thema ins Zentrum ihrer Kampagnen. „Wir fordern nicht mehr Mülleimer für Recycling, wir fordern eine neue Wirtschaftspolitik“, sagt Anna Alles, 17. Die Schülerinnen tragen ihren Kampf auf der Straße wie auch zu Hause aus. Ihre Väter sind bei den Öl-Konzernen beschäftigt. „Sie finden unseren Protest niedlich. Verstehen tun sie uns nicht“, sagt Anna.

In der Houstoner Messehalle fragt das Publikum, wie sich der Ruf der Branche optimieren ließe. Chevron-Vizechefin McHugh rät, die eigene Unersetzlichkeit herauszustellen: „Selbst ein Elektroauto wie der Tesla lässt sich nicht ausschließlich aus erneuerbaren Energien herstellen“, sagt sie. „Wind schafft keinen Stahl.“ Die Öl- und Gasindustrie spürt den Druck, sie ist verunsichert. Trotz der Gewinne, trotz des Rückhalts durch US-Präsident Trump. Noch aber wähnt sie die Quelle ihres Problems bei einer falsch informierten Öffentlichkeit, nicht bei sich selbst. Noch zögert sie den Wandel hinaus.

Bei den Schülerinnen vom „Sunrise Movement“ hat sich noch keiner ihrer Vertreter gemeldet. Dabei gibt es eine Frage, die Madeline Canfield den Konzernchefs gern stellen würde: „,Denkt ihr auch an uns?‘ Darauf möchte ich eine Antwort.“

Klimaziele verfehlt

Die G20-Staaten tun einer internationalen Untersuchung zufolge weiterhin zu wenig, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Der Treibhausgas-Ausstoß der 19 Industrie- und Schwellenländer und der Europäischen Union steige weiter, heißt es im „Brown to Green“-Report, den das Netzwerk Climate Transparency am Montag veröffentlichte – drei Wochen vor Beginn der UN-Klimakonferenz in Madrid. Im vergangenen Jahr nahmen die Emissionen demnach um 1,8 Prozent zu.

Eine „Schlüsselrolle“ weisen die Autoren den G20-Staaten im Kampf gegen die Erderwärmung zu. Schließlich seien sie zusammen für rund 80 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Rund die Hälfte der G20-Staaten sei immerhin auf „gutem Weg, die selbst gesetzten nationalen Klimaziele zu erreichen oder gar zu überbieten“, so der Report. Damit könnten sie ihre bislang gemachten und „ausnahmslos zu schwachen Zusagen“ im kommenden Jahr erhöhen, heißt es in dem Bericht. Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die G20-Staaten ihren Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 um mindestens 45 Prozent im Vergleich zu 2010 reduzieren

Das Abschneiden Deutschlands im G20-Vergleich sei „gleich in mehreren Bereichen schwach“, kritisieren die Autoren. Beim CO2-Ausstoß für das Heizen und Kühlen von Häusern liege Deutschland rund 50 Prozent über dem EU-Schnitt und doppelt so hoch wie der Durchschnitt der G20. Beim Verkehr liege Deutschland mit seinen Pro-Kopf-Emissionen von 1,99 Tonnen CO2 (ohne Flugverkehr) ebenfalls deutlich über dem G20-Schnitt von 1,13 Tonnen. (dpa)

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