Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

In der Gemeinde Roatán und in ganz Honduras fremdeln viele Menschen mit dem Konzept der Start-up-Stadt und fürchten, verdrängt zu werden.
+
In der Gemeinde Roatán und in ganz Honduras fremdeln viele Menschen mit dem Konzept der Start-up-Stadt und fürchten, verdrängt zu werden.

Gentrifizierung

Honduras: Tech-Utopia in den Tropen

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
    schließen

Im zentralamerikanischen Honduras wird die ganze Stadt Roatán zum Start-up. In der Bevölkerung ist das Projekt der „Charter City“ allerdings sehr umstritten.

Es ist ein paradiesisches Fleckchen Erde: Roatán, eine Insel in der Karibik, 60 Kilometer lang, acht Kilometer breit und 65 Kilometer vor der Küste von Honduras gelegen. Hier fahren Taucherinnen und Taucher hin, um die Korallenriffe zu erkunden. Roatán lebt vom Tourismus. Aber wenn es nach Erick Brimen geht, dann lebt die Insel bald auch von einer neuen Form von Arbeit und einer anderen Art Bürgerinnen und Bürger.

Der US-Venezolaner errichtet dort gerade eine Art Tech-Musterstadt für internetaffine Beschäftigungen. Schon jetzt sind hier nach seinen Worten 200 Menschen in sieben Unternehmen angestellt. Aber bald sollen es noch viel mehr werden, die in Büros mit Meerblick arbeiten. Die Architektur ist karibisch funktionalistisch. Ein Hauch von Bauhaus unter Palmen.

„Charter City“ auf Roatán in Honduras: Bauhaus unter Palmen für Fintech und Medizintechnik

„Wir sind besonders an Investoren aus den Bereichen Fintech, Medizintechnik, dem Gesundheitssektor, aus Bildung und Buchhaltung interessiert“, umreißt Brimen im Gespräch mit der FR seine Vorstellungen für die „Zede Próspera“. Die bisherigen Investitionen kämen zu 60 Prozent aus den USA, zu 33 Prozent aus Europa, darunter 27 Prozent aus Deutschland. Der Rest aus Zentralamerika. Die Namen der Geldgeber:innen will Brimen allerdings nicht nennen.

Zede steht für „Zonas de empleo y desarollo económico“ (Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklungszonen) und Próspera bedeutet etwa „wohlhabend“ und „blühend“. Die Ansprüche sind also hoch formuliert an das Projekt, das nicht nur paradiesische Locations zum Arbeiten und Wohnen bietet, sondern vor allem ungewöhnliche Bedingungen, unter denen die Menschen angestellt werden. Die Musterstadt funktioniert zum Teil nach eigenen Regeln und Gesetzen: weniger Steuern, höhere Löhne und eine eigene Schiedsgerichtsbarkeit für bestimmte Streitigkeiten. Die Honduras-Planer:innen haben sich ähnliche Projekte in Dubai und Hongkong zum Beispiel genommen. Aber in dem zentralamerikanischen Land stößt das Vorhaben auf breite Skepsis.

Roatán auf Honduras: Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Romer hat „Charter Citys“ erfunden

Die Idee solcher teilautonomen Territorien kommt vom US-Ökonomen Paul Romer, Wirtschaftsnobelpreisträger von 2018. Er hat vor Jahren das Konzept der „Charter Citys“ ausgearbeitet, der Idee von abgegrenzten Orten, denen eine besondere Zuständigkeit zur Schaffung eines eigenen Governance-Systems zuerkannt wird. Geleitet werden sollen diese Charterstädte vom Gedanken der guten Regierungsführung und des Wirtschaftswachstums, idealtypisch sind es Rechtsordnungen entwickelter Staaten, die sich Gebiete in Schwellen- oder Entwicklungsländern suchen. In den Charterstädten sollen die besten globalen Praktiken übernommen werden, so die Theorie.

WIEDERAUFBAU AUF GUANAJA

Nach einem Großbrand auf der Insel Guanaja hat die Regierung von Honduras einen Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur versprochen. „Wir werden ein nachhaltiges Guanaja im Einklang mit der Umwelt wieder aufbauen, das ein weltweites Beispiel sein wird“, versprach Präsident Juan Orlando Hernández laut „El Pais“ bei einem Besuch am Ort der Katastrophe. Dazu stelle das mittelamerikanische Land die notwendigen Mittel zur Verfügung.
Dutzende Häuser waren bei dem Großbrand am Wochenende komplett zerstört worden. 4000 Menschen sind von den Auswirkungen der Brandkatastrophe betroffen.

Die Insel Guanaja liegt etwa 70 Kilometer vor der Küste von Honduras. Zur
Inselgruppe Guanaja gehören mehrere kleine vorgelagerte Inseln, zu denen die Menschen während des Großbrands auf Booten flüchteten. kna

Auch in Honduras soll das so funktionieren. Auf Roatán soll langfristig tatsächlich eine richtige Stadt mit entsprechender Infrastruktur entstehen. Dort übernehmen honduranische Fachkräfte Jobs für internationale Unternehmen zu niedrigeren Gehältern, als zum Beispiel an die US-Kolleg:innen in der Vereinigten Staaten gezahlt werden. Zugleich aber verdienen die Zede-Angestellten deutlich mehr als den in Honduras üblichen Mindestlohn.

Roatán auf Honduras: administrative Autonomie und eigene Gerichtsbarkeit

Brimen (38) zählt weitere Vorteile auf. Es gebe administrative Autonomie, „politische“ Repräsentation, eine eigene Gerichtsbarkeit, die Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen Zugang zu einem effizienten Rechtssystem bei der Lösung arbeitsrechtlicher und anderer Konflikte bietet. Aber das virtuelle Recht ist trotzdem nicht umfassend. Ein eigenes Strafrecht gibt es zum Beispiel in der Techc-Cty nicht, es gilt das honduranische. Aber Brimen, der lange im US-lateinamerikanischen Finanzsektor arbeitete, betont: „Wir nutzen die Vorteile des Ortes, vermeiden aber seine Nachteile.“ Man entgehe in der Próspera-Stadt auf Roatán und den anderen geplanten Sonderzonen in Honduras den typischen zentralamerikanischen Problemen wie hohen Verwaltungskosten, Bürokratie und Korruption.

Doch die Aussicht, Wohlstands- und Beschäftigungsnischen zu schaffen, die nach ihren eigenen Regeln spielen, stößt gerade in einem Land wie Honduras auf Widerstand und erregt den Verdacht, dass dahinter Partikularinteressen, etwas Halblegales oder gar Verbotenes stecken. In dem zentralamerikanischen Land sind die Menschen gewohnt, dass die Politiker nicht für die Bevölkerung, sondern im eigenen Interesse regieren. Zudem ist den Menschen ein modernes Projekt wie eine Charterstadt unbekannt; das Wirtschaftskorsett des zentralamerikanischen Landes ist sehr traditionell. Die Hauptexportprodukte sind Kaffee, Bananen und Garnelen. In jüngeren Jahren aber sind es vor allem die Honduraner:innen selbst, die das Land jedes Jahr zu Zehntausenden verlassen und vor allem in den USA Schutz vor Bandengewalt und Wirtschaftskrise suchen.

Roatán auf Honduras: Wäscht Präsident Hernández in der Charter-Stadt sein Geld?

Und so hat die Zede Próspera Proteste von Anwohner:innen und Lokalpolitiker:innen ausgelöst, die geringe Transparenz und wenige Vorteile für die lokale Bevölkerung kritisieren und Verdrängung fürchten. Zudem gilt es in Honduras als offenes Geheimnis, dass Staatspräsident Juan Orlando Hernández die Schaffung der Zedes gepusht hat. Vertreter der Zivilgesellschaft formulieren offen die Vermutung, die Regierung wasche in den Zedes Geld. Hernández ist stark umstritten, und man sagt ihm Nähe zum organisierten Verbrechen nach. Sein Bruder Juan Antonio war im Oktober 2019 wegen Drogenhandels in New York schuldig gesprochen worden. Die New Yorker Staatsanwälte ermittelten auch gegen Juan Orlando Hernández. Angeklagt wurde er jedoch nicht.

Erick Brimen sagt, die Zedes würden in Honduras „politisiert“ und weist lieber darauf hin, dass 15 weitere Unternehmen Interesse an einem Einstieg in Roatán hätten. „In zwei Jahren rechnen wir schon mit 1500 Angestellten hier.“ Und dann zählt der CEO noch mal die Vorteile für die Investoren auf. Vor allem eine zehnprozentige Einkommensteuer, eine Mehrwertsteuer von 2,5 Prozent und eine Abgabe von nur einem Prozent auf den Bodenwert seien besonders attraktiv.

Auch der Entwicklungsökonom und Zentralamerikaexperte Christian Ambrosius sieht die „Charter Citys“ kritisch. „Die Versuche, von außen Inseln der Entwicklung zu schaffen, können sich ja nicht loslösen von dem sozialen, politischen und institutionellen Umfeld der Länder“, sagt der Volkswirt und Dozent am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. In Hongkong und Dubai seien die Projekte immerhin in eine „nationale Entwicklungsstrategie“ eingebunden. Davon könne in Honduras nicht die Rede sein. Es gebe zu wenig „positive Effekte für das Land“. (Klaus Ehringfeld)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare