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Die Mainstream-Ökonomik basiert noch immer auf der Vorstellung des Homo oeconomicus: ein Egoist, der knallhart seinen eigenen Nutzen maximiert.

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Homo oeconomicus?

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Dass in der Ökonomik die Extremform des Egoismus als Rationalität gehandelt wird, ist durchaus problematisch. Denn Denkmodelle prägen die Wahrnehmung und das Handeln.

Trotz vieler Kritik basiert die Mainstream-Ökonomik immer noch auf der Vorstellung des Homo oeconomicus: ein Egoist, der knallhart seinen eigenen Nutzen maximiert. Seit langem wird argumentiert, dass der Mensch gar nicht so egoistisch sei, und die Ökonomen antworten, dass sie das wüssten und nun erforschen, wo und wann er denn nicht „perfekt rational“ sei.

Hier wird es brisant: Der fiktionale radikale Egoist gilt als perfekt rational, und Aufgabe der Wissenschaft sei nun, herauszufinden, wie irrational der reale Mensch ist. So wird der Homo oeconomicus zur Referenz, er bildet die Vorstellung von optimalem Verhalten ab. Die Frage ist, ob der Maßstab und die Referenz unseres Verhaltens tatsächlich dieser auch ethisch fragwürdige Ansatz sein soll? Denn menschliche Realitäten wie Moral oder soziale Beziehungen können über Nutzenmaximierung nur verzerrt und einseitig erfasst werden.

Maßstäbe und Modelle sollten der Sache angemessen sein. Zwar könnte man sagen: Wir nehmen an, der Mensch sei ein Würfel von einem Meter Kantenlänge, und der Physiologe untersucht nun, wo der Mensch vom Würfel abweicht. Doch einen solchen Ansatz würde niemand wählen. Und obwohl der Mensch genauso wenig Homo oeconomicus wie Würfel ist, wird jener doch zur Referenz gemacht.

Realität nur schwer zu erfassen

Das mag daran liegen, dass dieser Ansatz komplexe Mathematik ermöglicht, mit der Ökonomik wie eine exakte Wissenschaft erscheint. Weite Teile des mathematischen Gebäudes stehen und fallen jedoch mit der Nutzenmaximierung, welche wiederum einen Großteil der Realität schwer erfassen kann. Hinzu kommt, dass auch gesamtwirtschaftliche Modelle und Prognosen auf dem Homo oeconomicus aufbauen.

Auch die normative Stoßrichtung ist klar: Der Begriff „rational“ ist unverkennbar positiv besetzt. Dass in der Ökonomik die Extremform des Egoismus als Rationalität gehandelt wird, ist durchaus problematisch. Denn Denkmodelle prägen die Wahrnehmung und das Handeln.

Wer in Eigennutzenmaximierung denkt, wird andere Dinge beobachten und anders handeln als jemand, der einen Blick für Machtgefüge, Sozialstrukturen und Ethik hat. Andere Theorien, die andere Maßstäbe setzen und nicht den Homo oeconomicus zur Referenz machen, sollten daher mehr Raum bekommen, vor allem in der ökonomischen Lehre.

Der Autor ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik und Gründungsmitglied der Hochschulgruppe Plurale Ökonomik Dresden.

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