+
Das Büro zu Hause hat auch Vorteile: Wer nicht zur Arbeit fährt, erspart sich die Zeit und den Stress fürs Pendeln.

Studie

Homeoffice bedeutet vor allem eins: mehr Überstunden

  • schließen

Wer zu Hause arbeitet, macht mehr Überstunden. Das trifft vor allem Frauen hart, weil sie auch mehr Zeit für die Familie aufwenden, wenn sie nicht ins Büro fahren.

Arbeiten im Homeoffice – das ist mit dem Versprechen von mehr Autonomie und zusätzlicher Freizeit verknüpft. Eine Untersuchung zeigt nun, dass offenbar genau das Gegenteil der Fall ist. Verlierer sind demnach insbesondere berufstätige Mütter – denn deren Belastung wächst.

Die Stechuhr gilt als Symbol für den Anwesenheitszwang in der Firma, der vielfach als überholt betrachtet wird. Doch was bringen flexible Arbeitszeiten wirklich? Sie bedeuten für Frauen oder Männer vor allem eines: mehr Überstunden, die in den meisten Fällen unbezahlt sein dürften. Das geht zumindest aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) hervor, das zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gehört.

Repräsentative Umfragen des sogenannten sozio-ökonomischen Panels in den Jahren von 2003 bis 2016 haben ergeben: Männer/Väter nutzen die Freiheit der flexiblen Arrangements ausschließlich, um länger zu arbeiten. Ganz besonders trifft das auf Beschäftigte zu, die ihre Arbeitszeiten vollständig selbst bestimmen können (Vertrauensarbeitszeit). Sie machen im Schnitt etwa 6,5 Überstunden pro Woche. Gibt es Homeoffice-Lösungen, sind es immerhin noch knapp sechs Stunden. Die Kollegen hingegen, die jeden Tag zu festen Arbeitszeiten im Büro sind, kommen nur auf drei Stunden. Sie nutzen dann die zusätzlich zur Verfügung stehenden Stunden für Freizeitaktivitäten und auch für die Betreuung ihrer Kinder.

Bei berufstätigen Müttern sind die Zeitkontingente deutlich anders verteilt als bei Männern. Die Arbeit im heimischen Büro bedeutet einerseits fast viereinhalb Überstunden pro Woche. Hinzu kommen aber noch gut 21 Stunden Kinderbetreuung. Das sind drei Stunden mehr als bei den Kolleginnen, die nicht zu Hause arbeiten. Bei Vätern hingegen spielt das Homeoffice keine Rolle, wenn es darum geht, wie viele Stunden sie sich um den Nachwuchs kümmern. Das pendelt sich jeweils bei 13 Stunden pro Woche ein.

Die Autorin der WSI-Studie, Yvonne Lott, bezeichnet die deutlichen Unterschiede zwischen Vätern und Müttern als Gender Care Gap. Zu dessen Folgen gehören weniger Zeit für Sport, Erholung und Schlaf für die Mütter. Lott spricht von einem Dilemma, mit dem Frauen oftmals in den Betrieben alleingelassen würden. Dies münde in eine Doppelbelastung: „Als ideale Mutter sollen sie die Familie priorisieren, wollen sie aber beruflich vorankommen, gilt es, den Job vor alles andere zu stellen.“

Das Fazit der WSI-Expertin fällt denn auch insgesamt ziemlich nüchtern aus: „Flexibles Arbeiten geht insgesamt eher zulasten der Beschäftigten, und ganz besonders gilt das für Frauen.“ Die Studie bestätigt damit zahlreiche frühere wissenschaftliche Expertisen. So wurde unter anderem nachgewiesen, dass die Abschaffung der Stechuhr und die Einführung von Vertrauensarbeitszeit und/oder Homeoffice-Regelungen damit verknüpft sein kann, dass Unternehmen den Druck auf Beschäftigte erhöhen, indem sie schlicht mit umfänglicheren Projekten und Aufgaben als zuvor betraut werden. Das führt dann auch zum Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

Lesen Sie auch unsern Kommentar: Entgrenzung der Arbeit

Arbeitgebernahen Arbeitszeitexperten gelten flexiblere Organisationsformen im Betrieb denn auch längst als Instrument, um die Produktivität eines Unternehmens zu erhöhen. Vielfach wird die Umsetzung von Homeoffice-Lösungen aber noch von Führungskräften blockiert, die einen Machtverlust befürchten, wenn ihre Untergebenen nicht in der Firma präsent sind.

Dass Mütter bei den neuen Varianten der Heimarbeit besonders stark belastet sind, hat für WSI-Expertin Lott indes vor allem mit den nach wie vor tief verankerten „traditionellen Geschlechterbildern“ und der im internationalen Vergleich generell höchst ungleichen Verteilung der Sorgearbeit (Kinderbetreuung, Haushalt, Einkauf, Kochen) in Deutschland zu tun. In Ländern mit ähnlichen gesellschaftlichen Konstellationen – etwa in Polen – sei es Männern mit flexiblen Arbeitsarrangements ebenfalls häufiger möglich, der Doppelbelastung zu entkommen.

Gleichwohl macht sich auch Lott für das von den Sozialdemokraten geforderte Recht auf Homeoffice stark, das immer noch ein Privileg für wenige sei, aber im großen Stil umgesetzt das Zeug dazu habe, die „Präsenzkultur im Betrieb“ aufzubrechen. Ein verbriefter Anspruch aufs Arbeiten in den eigenen vier Wänden könne Sozialpartner und Betriebe dazu anhalten, weitere Regelungen zum Thema Homeoffice zu treffen. Dazu kann aus Sicht der Wissenschaftlerin eine Zeiterfassung gehören, um Beschäftigte und Manager für die Arbeitsbelastung bei der Heimarbeit zu sensibilisieren.

Wobei sich dann aber die Frage stellt, ob – und, wenn ja, wie – das überprüft werden soll. Um Überstunden zu vermeiden, könnten indes auch Restriktionen bei der telefonischen Erreichbarkeit der Beschäftigten hilfreich sein, außerdem könnten Bestimmungen zur Häufigkeit der E-Mail-Kontrolle und zur Dauer des Offline-Arbeitens getroffen werden.

In puncto Lastenverteilung bei Frauen und Männern verweist die Autorin als positives Beispiel auf Schweden. Untersuchungen zeigten, dass dort flexible Arbeit bereits „im gleichen Maß mit häuslichen Tätigkeiten für Frauen und Männer“ verbunden sei.

Der Grund: In dem skandinavischen Land seien die „Geschlechterarrangements progressiver“. Um dies auch hierzulande zu befördern, brauche es „wohlfahrtsstaatliche Regelungen“. Die Gender-Expertin meint damit unter anderem eine Ausweitung der staatlichen Unterstützung beim Elterngeld und großzügigere Vorgaben bei der Elternzeit. Lott bringt auch eine Abschaffung des seit Jahren umstrittenen Ehegattensplittings ins Spiel. Denn es setze für Frauen den Fehlanreiz, in der Familienphase beruflich kürzerzutreten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare