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Von wegen Füße hochlegen: Einer Studie zufolge sind die meisten Menschen im Homeoffice effizienter als im Büro.

Homeoffice

In Socken zum Job

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Viele würden gerne einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus erledigen. Ein Gesetz soll den Wunsch Wirklichkeit werden lassen – doch manche Unternehmer sträuben sich.

Als Matthias Schulz sich an diesem Morgen für die Arbeit fertig macht, bleiben seine Schuhe im Flur stehen. Der Ingenieur geht heute in Socken zur Arbeit.

Der 40-Jährige hat an diesem Tag aber auch nur einen sehr kurzen Arbeitsweg. Nachdem seine Frau zu ihrem Job als Filialleiterin in einer Bank aufgebrochen ist, muss Schulz sich lediglich entscheiden, ob er seinen Laptop im Schlafzimmer oder lieber auf dem Küchentisch aufklappt. Oder auf der Schreibtischplatte im Wohnzimmer.

Von dem kleinen Garten her scheint die Sonne ins Wohnzimmer. Ein paar Meter hinter Schulz steht ein Regal mit Kinderbüchern, Brettspielen und Comicheften: von „Käpt’n Sharky“ bis „Micky Maus“. Schulz ist Ingenieur beim Mobilfunkkonzern Vodafone. Und er arbeitet so, wie es sich viele andere wünschen: Der zweifache Familienvater erledigt seine Arbeit an zwei Tagen in der Woche von zu Hause aus. Homeoffice gehört seit einigen Jahren zu den großen Verheißungen der Arbeitnehmerwelt. Gewerkschaften fordern bereits länger entsprechende Regelungen, vor allem für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll das Homeoffice ein wichtiger Baustein sein: Zu arbeiten und dennoch das Kind von der Schule holen können – viele Arbeitnehmer erhoffen sich so eine Erleichterung im Alltag.

Gesetzesentwurf in Vorbereitung

Tatsächlich erstellt das Bundesarbeitsministerium gerade einen Gesetzesentwurf, der allen Arbeitnehmern einen Rechtsanspruch auf Homeoffice verschaffen soll – es sei denn, der Arbeitgeber kann belegen, dass genau das aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist. Noch in diesem Jahr soll ein Gesetz vorliegen. Mehr als zwei Drittel aller Deutschen (68 Prozent) befürworten dieses Vorhaben grundsätzlich, wie eine YouGov-Umfrage für das Redaktionsnetzwerk Deutschland ergeben hat. Bei denen, die jung und gut gebildet sind, liegt die Zustimmung noch deutlich höher.

Bisher sind viele Arbeitgeber dennoch zögerlich, wenn es um den Arbeitsplatz zu Hause geht. Kann der Chef sich darauf verlassen, dass die Arbeitnehmer ihren Job dort gut machen? Würde ein Rechtsanspruch nicht viele Betriebe überfordern? Und müssen Arbeitnehmer nicht jederzeit greifbar sein?

Matthias Schulz arbeitet zwei Tage in der Woche zu Hause.

Stephan Lenz ist Mitglied der Geschäftsführung von Tubex, einem Verpackungsmittelhersteller aus Baden-Württemberg. Er sieht in den Plänen des Arbeitsministeriums von SPD-Minister Hubertus Heil eher Nachteile. Das Unternehmen produziert Tuben und Dosen aus Aluminium, die meisten der rund 2000 Tubex-Beschäftigten könnten ohnehin nicht von zu Hause aus arbeiten, weil sie im Schichtbetrieb in der Produktion tätig seien, sagt Lenz. Doch auch bei den Angestellten in der Verwaltung, bei deren Tätigkeiten Homeoffice theoretisch möglich wäre, will das Unternehmen ein solches Angebot freiwillig nicht machen. „Wir müssen unsere Produkte über den Preis verkaufen“, sagt Lenz. „Deshalb haben wir sehr schlanke Verwaltungsstrukturen. Die können aber nur funktionieren, wenn unsere Mitarbeiter immer genau dort zu finden sind, wo sie hingehören: an ihrem Arbeitsplatz.“

Lenz sieht in dem geplanten Recht auf Homeoffice eine unnötige Einmischung der Politik: „Wo gearbeitet wird, ist eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Da sollte sich der Gesetzgeber nicht einmischen. Das vergiftet nur das Klima in den Betrieben.“ Andere Unternehmen sehen das anders. In der deutschen Vodafone-Zentrale in Düsseldorf gehört Homeoffice längst zum Alltag. Keine Frage, der Verkäufer, der in einem Geschäft steht und Kunden bedient, kann nicht von zu Hause aus arbeiten. Aber unter den anderen Mitarbeitern ist es üblich, bis zu zwei Tage die Woche Homeoffice zu machen. Selbst Vorstandschef Hannes Ametsreiter macht es so. Das Unternehmen sagt, es profitiere so von zufriedeneren Mitarbeitern. Und: Es müssen auch weniger Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden. Das spart Kosten.

Der Grund, warum Ingenieur Schulz zwei Tage im Homeoffice arbeitet, hat einen Namen. Genau genommen sind es zwei Namen: Timo und Mika. Die sind zwar tagsüber in der Kita und in der Schule, müssen aber um halb vier abgeholt werden. Schulz, dessen eigentlicher Büroarbeitsplatz bei Vodafone in Düsseldorf ist, lebt in Neuss. Wenn er sich nachmittags um die Kinder kümmert, spart er sich durch das Homeoffice den Weg zur Arbeit.

„Wir kommen ursprünglich aus Sachsen-Anhalt und haben hier keine Omas und Opas, die einspringen könnten“, sagt er. Seine Frau arbeitet 30 Stunden pro Woche, sie ist als Filialleiterin Führungskraft. Zwei Tage in der Woche muss sie lange in der Bank sein.

„Alles steht und fällt damit, dass ich Homeoffice machen kann. Anders ließe sich unser Familienleben kaum organisieren“, sagt Schulz. Der 40-Jährige fügt hinzu: „Ich will es nicht anders: Ich will als Vater auch miterleben, wie unsere Kinder aufwachsen. Ich will im Alltag für sie da sein.“

Doch ist das Ganze auch hilfreich für das Unternehmen? Hört man sich in Betrieben oder Behörden um, in denen ein Teil der Mitarbeiter im Homeoffice arbeitet, gibt es manchmal wilde Geschichten zu hören.

Da gibt es Chefs, die das Gefühl haben, ihren Mitarbeiter nicht schnell genug zu erreichen, wenn sie ihn dringend brauchen. Der eine Mitarbeiter ist neidisch, weil der andere nicht in der Morgenkonferenz sitzen muss. Gelegentlich wird gemunkelt: „Guck mal, der Liebling vom Chef macht Homeoffice, hat aber den Laptop gar nicht mitgenommen.“

Schulz dagegen sagt: „Ich kenne viele Leute – auch aus anderen Unternehmen – und im Prinzip sind wir uns alle einig: Wenn jemand nicht arbeiten will, schafft er das auch im Büro.“ Bei ihm im Unternehmen gebe es einen regelmäßigen Dialog mit den Vorgesetzten darüber, ob die gesteckten Ziele erreicht worden seien. Egal, wo man arbeite.

Der 40-Jährige – der in Jeans und Polohemd an seinem Homeoffice-Arbeitsplatz sitzt – spricht im nüchternen Ton über die Schwierigkeiten, das Alltagsleben in der Familie zu organisieren. Er weiß, wie viel Zeit er dadurch spart, dass er zu Hause arbeitet – aber auch, dass ein Teil davon wieder verloren geht, weil er mittags zum Beispiel selbst kochen muss, statt in die Kantine gehen zu können.

„Das Gefühl, dass es einen zwischen Familie und Job zerreißt, hatte ich schon oft. Ich denke, das kennen die meisten Eltern“, sagt der 40-Jährige. Er sagt aber auch: „Im Büro bin ich da viel machtloser als zu Hause.“ Wenn die Schule anrufe und mitteile, dass das Kind nach einem Sturz ins Krankenhaus müsse, müssten seine Frau und er schnell entscheiden, wer den weniger dringenden Termin habe. „Wenn ich im Homeoffice bin, hat das den Vorteil, dass nicht noch viel Fahrtzeit dazukommt. Dann bin ich in einer Viertelstunde da.“

Schulz glaubt nicht, dass der Arbeitgeber Nachteile habe. Er warnt sogar vor Selbstausbeutung. „Die Gefahr ist groß, dass man zu Hause mit der Arbeit nie Schluss macht und dann auch am Abend noch alle möglichen dienstlichen Dinge nebenbei tut“, sagt der Ingenieur.

Wissenschaft hält zwei tage für optimal

Die Wissenschaft gibt ihm recht, dass Mitarbeiter im Homeoffice keinesfalls die schlechteren Ergebnisse liefern. Ein Forscherteam des Stanford-Professors Nicholas Bloom hat die Ergebnisse von 500 Angestellten ausgewertet, die jeweils zur Hälfte zu Hause und zur Hälfte im Betrieb gearbeitet haben. Das Ergebnis: Zu Hause waren die Mitarbeiter um 13,5 Prozent effizienter – sie machten weniger Pausen und waren weniger krank. Obendrein wurden Bürokosten gespart.

Am Ende des Experiments entschieden sich aber dennoch viele der Heimarbeiter, wieder im Büro zu arbeiten. Ihnen fehlte es an Kontakt zu den Kollegen und an Wertschätzung für die geleistete Arbeit durch die Vorgesetzten.

Beruf und Familie in Einklang zu bringen, die Pflege eines Angehörigen, die größere Ruhe im eigenen Heim: Es gibt viele Gründe, warum Menschen im Homeoffice arbeiten. Stephanie Seipp, Kollegin von Schulz bei Vodafone, arbeitet zum Beispiel einen Tag die Woche von zu Hause aus, weil sie mit ihrem Mann in Wetzlar lebt – und nicht in Düsseldorf, wo das Unternehmen in Deutschland seinen Sitz hat. So kann sie sich zumindest an einem Tag der Woche den weiten Arbeitsweg sparen.

Die 40-jährige Vorstandsassistentin stellt aber auch klar: „Ich möchte nicht mehr als einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten, weil mir sonst der Kontakt zu den Kollegen fehlen würde.“ Sie findet, jeder Arbeitsort habe seine Vor- und Nachteile. Zu Hause habe sie „absolute Ruhe“. Das sei perfekt, wenn sie an einem Konzept arbeite. „Wenn man eine Sache wirklich dringend klären muss, dann geht das im Büro natürlich einfacher und schneller – eben weil ich dann direkt zum Kollegen gehen kann.“

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Stanford-Professor Bloom hält zwei Tage Heimarbeit für das optimale Maß. Betriebsräte in Unternehmen und Personalräte im öffentlichen Dienst weisen darauf hin, dass Führungskräfte auch extra für das Führen aus der Ferne ausgebildet werden müssten – das könne nicht jeder Chef einfach von selbst. Sie sagen auch: Es dürfe nicht vom guten Willen des Vorgesetzten abhängig sein, ob jemand von zu Hause aus arbeiten dürfe. Mancher Abteilungsleiter sperre sich allein aus Prinzip. Das, so sagen die Arbeitnehmervertreter, spreche für eine gesetzliche Regelung.

Wolfgang Thie, Inhaber eines kleinen Unternehmens für Schifffahrtsausflüge auf dem Neckar, sagt dagegen: „Ich habe je nach Saison zehn bis zwanzig Mitarbeiter. Drei davon machen Verwaltungstätigkeiten. Wenn mir jeder von denen mit einem Rechtsanspruch auf Heimarbeit kommt, fehlt mir die Flexibilität. So kann mein Geschäft nicht funktionieren.“

Für Matthias Schulz funktioniert die Sache mit den zwei Homeoffice-Tagen in der Woche bestens, wenn er zu Hause arbeitet, aber auch, wenn er im Unternehmen ist. Der Ingenieur sagt: „Ich genieße freitags immer die Ruhe im Büro.“ Denn dann haben viele seiner Kollegen ihren Homeoffice-Tag.

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