Sie darf selbst keinen Reisepass beantragen, hat an der saudischen Börse aber jetzt das Sagen: Sarah Al-Suhaimi.
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Sie darf selbst keinen Reisepass beantragen, hat an der saudischen Börse aber jetzt das Sagen: Sarah Al-Suhaimi.

Emanzipation

Hoffnung und Vorbild

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Saudi-Arabien hat erstmals eine Börsenchefin. Sarah Al-Suhaimi steht an der Spitze des wichtigsten Handelsplatzes der arabischen Welt.

Sie darf nicht Autofahren und ohne schriftliche Erlaubnis ihres Mannes nicht verreisen. Einen Reisepass kann sie nicht selber beantragen oder sich in einem Café mit ihren Mitarbeitern an einen Tisch setzen. In keinem Land der Welt sind Frauen im alltäglichen Leben so eingeschränkt wie in Saudi-Arabien. Trotzdem hat es Sarah Al-Suhaimi bis nach ganz oben geschafft. Seit wenigen Wochen ist sie die neue Vorstandschefin von Tadawul, der saudischen Börse in Riad, die erste Frau auf diesem Posten in der Geschichte des Königreiches. Tadawul ist der wichtigste Handelsplatz in der arabischen Welt. Und unter der Ägide seiner neuen Spitzenmanagerin könnte demnächst das größte nahöstliche Aktiengeschäft aller Zeiten fallen, wenn Teile des saudischen Ölgiganten Aramco an die Börse gehen.

Sarah Al-Suhaimi stammt aus einer Bankerfamilie. Ihr Vater Jammaz war Staatssekretär im Finanzministerium, leitete von 2004 bis 2006 die nationale Finanzmarktbehörde und ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Gulf International Bank in Bahrain. Tochter Sarah studierte Verwaltungswissenschaften an der König Saud Universität in Riad und absolvierte in Harvard das Management-Programm der Business School. Daheim heuerte sie zunächst bei der Samba Financial Group an. Fünf Jahre später wechselte sie nach London zu Jadwa Investment. Seit 2014 steht sie an der Spitze der Investmentabteilung der saudischen National Commercial Bank, die für rund eine Million Kunden ein Vermögen von 20 Milliarden Dollar betreut.

Für viele jüngere Frauen in Saudi-Arabien ist die 37-Jährige Hoffnung und Vorbild, wie die sehr überschaubare Zahl anderer Erfolgsfrauen auch. Denn das patriarchalische, ultrakonservative Königreich steht unter wachsendem Druck. Seine Wirtschaft muss unabhängiger werden vom Öl. Nach der ambitionierten Agenda 2030 von Vizekronprinz Mohammed bin Salman soll der Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt in den nächsten drei Jahren auf 28 Prozent wachsen. Momentan liegt die Quote offiziell bei 22 Prozent, ein Negativrekord für den gesamten Globus. Auf dem „Gender Gap Index“ des Genfer Weltwirtschaftsforums, der Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter bewertet, rangierte Riad 2016 erneut unter den Schlusslichtern auf Rang 141 von 144.

Gerade junge Frauen pochen daher immer energischer auf ein Ende ihrer Diskriminierung im Namen von Tradition und Scharia. 50 Prozent aller Hochschulabsolventen im Königreich sind inzwischen weiblich. Zehntausende haben mit staatlichen Stipendien im Ausland studiert und andere Welten kennengelernt. Sie sind hoch motiviert und mit neuen Ideen zurückgekommen. Und sie wollen künftig ein Wörtchen mitreden bei den Geschicken ihrer Heimat. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, wie auch die Twitter-Diskussionen über Sarah Al-Suhaimis Karrieresprung wieder zeigten. Frauen sollten sich doch mit einfachen Posten begnügen, schrieb einer, damit sie die Hausarbeit nicht vernachlässigen. Andere erklärten, Frauen als Vorgesetzte von Männern, das seien doch westliche Ideen, das beeinträchtige die Gesellschaft und untergrabe die Moral.

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