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Deutsche Biotechfirmen haben 2019 gar nur 856 Millionen Euro an frischem Kapital aufnehmen können.

Biotechnologie

Hoffen auf den Corona-Treffer

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Biotechnologie ist in Deutschland ein mühsam wachsendes Pflänzchen – eigentlich, denn dieses Jahr steht ganz im Zeichen der Pandemie.

Global weit über 700 Biotechnologiefirmen forschen derzeit unter Hochdruck an einem Impfstoff, Therapeutika oder Nachweisstoffen für den Coronavirus. Auch in Deutschland sind gut 50 Firmen mit von der Partie, weiß Siegfried Bialojan. Ob sie der heimischen Branche endlich zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, werde man erst in einem Jahr wissen, sagt der Branchenexperte des Prüf- und Beratungsunternehmens EY. Das hänge davon ab, ob Lösungen gefunden werden. „Sollte einem deutschen Unternehmen tatsächlich der Durchbruch gelingen, könnte das der Branche zu einem weiteren Wachstumsschub verhelfen“, hofft auch der Chef des Branchenverbands Bio Deutschland, Oliver Schacht.

Eine solche Aufwärtstendenz könnte man zumindest auf den ersten Blick aus dem aktuellen EY Biotechnologiereport 2020 herauslesen. Demnach hat die Branche hierzulande 2019 mit 4,9 Milliarden Euro immerhin um ein Zehntel mehr umgesetzt, die Zahl ihrer Beschäftigten um 16 Prozent auf über 33 700 Mitarbeiter erhöht und ihre Gelder für Forschung und Entwicklung um gut ein Fünftel auf 1,8 Milliarden Euro gesteigert. Vor allem Letzteres empfindet Bialojan als vielversprechenden Lichtblick.

Es fehlt frisches Kapital

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass dieser Zuwachs von wenigen Leuchttürmen wie der Hamburger Evotec oder der voriges Jahr an die Börse gegangenen Biontech aus Mainz getragen werden. In der Breite tut sich wenig, was auch an im internationalen Vergleich mangelnder Finanzierung von Biotech-Start-ups liegt. Während die Branche in den USA voriges Jahr ein gegenüber 2018 konstantes Finanzierungsvolumen von über 46 Milliarden Dollar geschafft hat, brachte sie es europaweit mit erstmals über zehn Milliarden Euro nicht einmal auf ein Viertel dessen.

Deutsche Biotechfirmen haben 2019 gar nur 856 Millionen Euro an frischem Kapital aufnehmen können, wofür zur Hälfte mit Biontech ein einziges Unternehmen beigetragen hat. Für den ganzen Rest der heimischen Branche blieben weitere rund 400 Millionen Euro übrig, was im Schnitt der letzten Jahre liegt. Wenn Branchenvertreter aus Deutschland aufs Parkett gehen dann fast nur an der US-Technologiebörse Nasdaq.

In puncto Finanzierung dominiert Großbritannien in Europa. Frankreich habe hinsichtlich Finanzierung 2019 stark aufgeholt und mit Deutschland gleichgezogen, betont Bialojan. Er führt das unter anderem auf steuerliche Anreize durch die französische Politik zurück, aber auch auf eine hierzulande fehlende Aktienkultur, hartnäckige Risikoscheu und Kleinstaaterei.

Biotechnologie mit ihren langen Entwicklungszeiten und dem branchenbedingt großen Risiko zu scheitern, benötige harte Auswahlkriterien, um Investoren zu locken, sagt Bialojan. Dazu bedürfe es einer kritischen Masse an Unternehmen, die deutsche Biotechzentren wie Heidelberg oder Martinsried bei München für sich allein nicht aufbringen. Nur in Kooperation könnten sie das schaffen, schätzt der EY-Experte.

Grundsätzlich würde es in Deutschland nicht an Kapital für Jungunternehmen mangeln. 2019 hätten Risikokapitalfirmen gut 6,2 Milliarden Euro in Startupfirmen investiert und damit über ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Bei deutschen Biotechfirmen seien aber gerade einmal 95 Millionen Euro angekommen.

Aus diesem Aschenputteldasein könne die Branche nur herauskommen, wenn sie bundesweit nicht gegen- sondern miteinander arbeite, mittels weniger aber hochwertiger Inkubatoren nach US-Vorbild, professioneller agiere oder einen Treffer beim Kampf gegen die Pandemie landet.

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