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Ist der Hopfen verloren?

Hopfen

Hiobsbotschaft für Bierliebhaber

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Hitze und Trockenheit setzen dem Hopfen zu. Die Bauern ernten weniger und der Geschmack leidet. Müssen die Brauer bald neue Bier-Rezepte erfinden?

Thomas Raiser ist besorgt. „Bei erneut schlechter Ernte wird es knapp“, sagt der Marketingchef des weltgrößten Hopfenhändlers Barth-Haas aus Nürnberg. Lange Zeit hat es hierzulande wieder trübe ausgesehen für die Hopfendolde als Rohstoff für Bier. Sie verträgt keine trockene Hitze. Dann sind die Temperaturen gesunken und es hat zu regnen begonnen. „Wir rechnen jetzt mit einer durchschnittlichen Ernte“, sagt Raiser. Die wäre bitter nötig. Denn die vergangenen fünf Jahre haben beim deutschen Hopfen Unterversorgung gebracht. Einzig Lagerbestände aus besseren Erntejahren konnten das immer wieder ausgleichen. „Aber die sind aufgebraucht“, bedauert der Hopfenhändler.

Dabei sind die globalen Hopfenanbauflächen im vergangenen Jahr auf über 60 000 Hektar ausgeweitet worden. Ein Anstieg, wie seit es ihn seit über 20 Jahren nicht mehr gegeben hat. Die Welternte ist voriges Jahr dennoch minimal auf 118 410 Tonnen Hopfen geschrumpft.

Bewässerung ist schwierig

Raiser hat eine Erklärung dafür. „Es ist eindeutig der Klimawandel“, sagt der Hopfenexperte. Der treffe vor allem deutsche Hopfenbauern und spiele deren US-Konkurrenten in die Hände. Denn US-Anbauflächen für Hopfen würden praktisch flächendeckend bewässert. Das sei schon immer so gewesen, weil sie in steppenähnlichen Regionen lägen, wo es noch nie viel geregnet habe. In Zeiten des Klimawandels wird Bewässerung zum Vorteil. Denn in Deutschland werde nur etwa ein Fünftel der Anbaufläche künstlich berieselt, erklärt Raiser. Mehr sei wegen der restriktivieren Politik der Wasserwirtschaftsämter hierzulande kaum drin. Denn auch in Deutschland ist Grundwasser längst nicht mehr unbegrenzt verfügbar.

Bedenklich ist zudem, dass die zuletzt trotz Flächenausweitung stagnierende Hopfenernte auch qualitativ nachlässt. „Die Inhaltsstoffe sind enttäuschend“, bedauert Raiser. Er meint damit Aromen und Bitterstoffe, die dem Bier schließlich seinen typischen Geschmack geben und für verschiedene Geschmacksnuancen zuständig sind. Ihre Geschmacksintensität lässt nach, was der Experte ebenfalls auf Trockenheit, Hitze und damit Klimawandel zurückführt.

Der Geschmack nimmt ab

Barth-Haas hat wegen klimawandelbedingter Nachteile deutscher Anbaugebiete in einer Untersuchung schon nach Ausweichregionen fahnden lassen. Traditionell angebaut wird der Rohstoff vor allem in der bayerischen Hallertau und zum kleineren Teil im ostdeutschen Elbe-Saale-Gebiet. Insgesamt produziert Deutschland immerhin noch ein Drittel allen Hopfens weltweit. Die heimischen Pflanzer waren aber bis vor wenigen Jahren noch die Nummer eins. Dann sind die Vereinigten Staten vorbeigezogen, die zuletzt 39 Prozent der weltweiten Hopfenernte eingefahren haben.

Das liege nicht nur am Klimawandel sondern vor allem an der Craftbier-Revolution in den USA, erklärt Raiser. Das sind handwerklich gebraute Biere, die bis zu zehnmal mehr Hopfen verbrauchen als Standard-Gerstensaft und deshalb besonders intensiv schmecken. Für deutsche Zungen sei das aber oft zu bitter oder exotisch, wenn Geschmacksnoten tropischer Früchte mit ins Spiel kommen, weiß Raiser. Vor allem auch deshalb boomt der Hopfenanbau in den Vereinigten Staaten seit einigen Jahren, während Deutschland international zurückfällt. Zum Vergleich: In den USA werden aktuell 87 Hopfensorten angebaut, in Deutschland dagegen nur etwa die Hälfte.

Weil der Craftbier-Boom von den Vereinigten Staaten ausgehend nach und nach auch auf andere Länder übergegriffen hat, steigt die Nachfrage nach Hopfen seit einiger Zeit kontinuierlich an. Das ist so, obwohl der globale Bierausstoß seit 2014 rückläufig ist und 2018 mit zwei Prozent so stark wie lange nicht auf 1,9 Milliarden Hektoliter gesunken ist.

Was eine Verlagerung der Anbaugebiete angeht, mache die Untersuchung wenig Hoffnung, erklärt der Hopfenexperte von Barth-Haas. Wenn man die Flächen einfach ein paar hundert Kilometer innerhalb von Deutschland Richtung Norden verschiebe, bringe das aus klimatischer Sicht nur kurzfristig etwas, mittelfristig werde das Klima auch dort zu warm. Sinnvoller wäre es demnach Richtung Osteuropa zu gehen, wo auch ausreichend Flächen zur Verfügung stünden. „Aber das würde enorme Investitionen verschlingen“, weiß Raiser. Damit sei Hopfenanbau in Osteuropa im großen Stil finanziell unwahrscheinlich.

Braucht es neue Biere?

Eine bessere Ausweichstrategie sei klimatechnisch der Anbau hitzeresistenter Hopfensorten. Die hätten allerdings andere Aromen als die heute gebräuchlichen. Damit müssten die Brauer dann zurechtkommen und vor allem deren Kunden, die Biertrinker. Das gilt auch im Falle einer erneut schlechten Hopfenernte und Versorgungsengpässen beim Standardhopfen. Dann müssten Brauer entweder ihre Rezepturen umstellen und auf andere Hopfensorten umsteigen oder einfach weniger Hopfen beim Brauen verwenden. Gewohnte Biersorten würden dann andere Geschmacksnuancen erhalten oder wässriger schmecken. Ende August startet hierzulande die Hopfenernte. Danach ist dann klar, wie es kurzfristig aussieht. Langfristig aber herrscht Unsicherheit.

Bierproduktion

Der 2018 weltweit rückläufige Bierausstoß geht fast ausschließlich auf China zurück. Im vergangenen Jahr sind dort 381 Millionen Hektoliter Bier gebraut worden, das waren ganze 60 Millionen weniger als ein Jahr zuvor. Experten erklären den überraschend deutlichen Rückgang mit dem Kampf der chinesischen Regierung gegen Korruption. Bier wird in China in großem Ausmaß auf Firmenkosten bei Feiern oder Einladungen ausgeschenkt. Weil auch diese Form der Begünstigung politisch auf dem Index steht, wird weniger Bier nachgefragt.

China bleibt beim Trinken und Brauen mengenmäßig aber dennoch die Weltbiernation Nummer eins, gefolgt von den Vereinigten Staaten, Brasilien und Mexiko. Deutschland folgt traditionell auf Rang fünf. Auf Basis einzelner Brauerei-Konzerne ist die Biernation Deutschland im globalen Maßstab unbedeutend. Radeberger schafft es als deutscher Marktführer weltweit mit 11,8 Millionen Hektoliter Bierausstoß gerade auf Rang 21. Im Vergleich zum Weltmarktführer AB Inbev aus Belgien mit 567 Millionen Hektoliter ist das geradezu zwergenhaft. (tma)

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