1. Startseite
  2. Wirtschaft

Flughafen-Chaos: Hilfskräfte aus der Türkei kommen – „Niemand wird gezwungen, das Angebot anzunehmen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nina Luttmer

Kommentare

An den deutschen Flughäfen fehlen Arbeitskräfte. Viele Reisende fürchten deshalb um ihren Sommerurlaub.
An den deutschen Flughäfen fehlen Arbeitskräfte. Viele Reisende fürchten deshalb um ihren Sommerurlaub. © dpa

Ulrich Kober, Migrationsexperte bei der Bertelsmann-Stiftung, spricht im Interview darüber, ob es fair ist, dass Beschäftigte aus der Türkei nun das deutsche Flughafenchaos eindämmen sollen.

Frankfurt – Stundenlange Wartezeiten beim Check-in und vor den Sicherheitskontrollen, annullierte Flüge, verschwundene Gepäckstücke: An deutschen Flughäfen herrscht momentan Chaos. Die Bundesregierung hat daher am Mittwoch angekündigt, mehrere Tausend Menschen, vor allem aus der Türkei, zur Unterstützung an den Airports vorübergehend ins Land zu holen. Doch ist das ethisch betrachtet in Ordnung? Migrationsexperte Ulrich Kober findet: Ja.

Herr Kober, bei vielen Kolleginnen und Kollegen in unserer Redaktion hat die Ankündigung der Bundesregierung, Tausende Arbeitskräfte ins Land zu holen, ein Störgefühl ausgelöst. Der Reflex war zu fragen: Ist es nicht unmoralisch, dass wir ein von Unternehmen verursachtes Chaos bereinigen, indem wir Menschen, die sonst wohl in Deutschland keine Arbeitserlaubnis bekommen würden, vorübergehend zur „Rettung unseres Urlaubs“ ins Land holen. Teilen Sie dieses Störgefühl?

Nein, ich habe dieses Gefühl nicht. Aber ich finde es sehr interessant, dass Sie es haben. Es scheint mir mitunter ein sehr deutscher Reflex, beim Thema Migration sofort ethische Fragen aufzuwerfen. In Ländern wie Kanada oder den USA, die eine hohe Einwanderung haben, ist das nicht so der Fall. Allerdings finde ich es auch sehr gut, dass diese ethischen Fragen in Deutschland nicht aus dem Blick geraten.

Deutschland hat ein legitimes Interesse an Arbeitskräften aus dem Ausland

Erklären Sie mir bitte, warum Ihnen die Ankündigung der Regierung nicht aufgestoßen ist.

Wir beschäftigen uns bei der Bertelsmann-Stiftung mit der Frage, wie Migration fair gestaltet werden kann. Dabei nehmen wir den sogenannten Triple-win-Gedanken als Grundlage. Der wurde im Jahr 2005 von der Global Commission on migration unter dem damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan formuliert. Faire Migration heißt demnach, dass die Interessen des Herkunftslands, des Aufnahmelands und der betroffenen Menschen beachtet werden. Ich denke, das ist bei dem, was die Bundesregierung angekündigt hat, – jedenfalls wenn es auch so umgesetzt wird – der Fall.

Können Sie das noch mal an den genannten Punkten festmachen?

Deutschland, in dem Fall Zielland, hat ein legitimes Interesse an Arbeitskräften aus dem Ausland, weil wir unseren Bedarf nicht decken können. Die Türkei, in dem Fall Herkunftsland, benötigt diese Arbeitskräfte momentan nicht. In der Corona-Krise haben viele Menschen in der Luftfahrtbranche dort ihre Jobs verloren. Migration kann ja auch eine Entlastung des Arbeitsmarkts im Herkunftsland sein. Die türkische Wirtschaft steckt insgesamt in der Krise. Für die türkischen Menschen, die in Deutschland aushelfen werden, ist das Angebot vermutlich sehr attraktiv. Sie sollen ja – und das ist ein wichtiger Punkt bei fairer Migration – laut Arbeitsminister Hubertus Heil Tariflöhne erhalten, in ordentlichen Unterkünften wohnen und nicht als Leiharbeiter, sondern direkt bei den deutschen Firmen beschäftigt sein. Ich denke, das wird auch so umgesetzt werden, da die Gewerkschaften und auch die Öffentlichkeit darauf schauen werden. Das Thema bekommt ja sehr viel Aufmerksamkeit.

Ulrich Kober ist Direktor „Demokratie und Zusammenhalt“ und Experte für Migration und Integration bei der Bertelsmann-Stiftung. Er hat Theologie und Philosophie in Frankfurt und Bogota sowie Sozialwissenschaften in München und London studiert. Seit dem Jahr 2000 arbeitet Kober für die Bertelsmann-Stiftung. Zuvor war er im Jesuitenorden in Brüssel, Dresden, Berlin sowie in Kolumbien tätig. FR Bild: Bertelsmann-Stiftung
Ulrich Kober ist Direktor „Demokratie und Zusammenhalt“ und Experte für Migration und Integration bei der Bertelsmann-Stiftung. Er hat Theologie und Philosophie in Frankfurt und Bogota sowie Sozialwissenschaften in München und London studiert. Seit dem Jahr 2000 arbeitet Kober für die Bertelsmann-Stiftung. Zuvor war er im Jesuitenorden in Brüssel, Dresden, Berlin sowie in Kolumbien tätig. © Jan Voth

Was wäre denn eine „unfaire“ Migration?

Natürlich aus Sicht der betroffenen Menschen, wenn Dumpinglöhne bezahlt werden. Aber auch, wenn es einen sogenannten Brain Drain in den Herkunftsländern gibt – also wenn die Industriestaaten beispielsweise Ärzte und Pflegepersonal aus Ländern holen, die diese Kräfte selbst benötigen. Deutschland scheint mir da allerdings im Gesundheitsbereich den Kodex der Weltgesundheitsorganisation zu beachten und nicht in Ländern anzuwerben, die Eigenbedarf haben. Es gibt aber auch Länder wie die Philippinen, die gezielt Pflegekräfte deutlich über dem eigenen Bedarf ausbilden – um sie dann ins Ausland zu schicken und von den Heimatüberweisungen dieser Auswanderer zu profitieren. Das ist dort ein großer Wirtschaftsfaktor.

Vielleicht sind die deutschen Unternehmen begeistert von den türkischen Kräften

Ulrich Kober

Ist es aber nicht unfair, wenn man – wie die Bundesregierung es jetzt tut – die Menschen nur vorübergehend holt? Was wir ja sagen ist: Bitte kommt und beseitigt schnell unser hausgemachtes Flughafenchaos, aber dann verschwindet auch schnell wieder.

Die Menschen, die kommen werden, kennen ja die Bedingungen. Niemand wird vermutlich gezwungen, das Angebot anzunehmen. Und wer weiß: Vielleicht sind die deutschen Unternehmen begeistert von den türkischen Kräften und wollen sie gerne behalten. Ich erinnere an das erste Abkommen zur Anwerbung türkischer Gastarbeiter von 1961: Ursprünglich sollten die Leute nur zwei Jahre bleiben und dann ausgewechselt werden. Es waren die deutschen Unternehmen, die das nachher nicht wollten; sie wollten die beruflich integrierten Arbeiter natürlich nicht wieder abgeben und die nächsten mühsam einarbeiten. Und außerdem ist es ja auch nicht so, dass alle Menschen, die hier mal arbeiten, unbedingt auch in Deutschland bleiben möchten.

Globalisierung findet nicht nur im Güterverkehr statt

Hat es etwas vergleichbares schon einmal gegeben, also dass Deutschland aus einer gefühlten großen Not heraus Arbeitskräfte nur für einige wenige Monate ins Land holt?

Ich denke, es ist vergleichbar mit der Saisonarbeit. Die Arbeitskräfte dafür kommen ja vor allem aus osteuropäischen EU-Staaten, sie können also durch die Freizügigkeit ohne Probleme nach Deutschland einreisen. Aber denken Sie an die Corona-Zeit: Die Grenzen waren zu und die Bauern waren verzweifelt, weil sie keine Leute für die Spargel- und Erdbeerernte hatten. Da hat sich die Bundesregierung auch schnell darum gekümmert, dass diese Arbeitskräfte trotz der Reisebeschränkungen einreisen konnten.

Vermasselt hat es im Falle des Flughafenchaos ja die Luftfahrtbranche. Hätte man nicht eher die zwingen sollen, nun schnell Abhilfe zu schaffen? Also wenn die Flughafenbetreiber 40 Euro Stundenlohn für die Arbeit am Gepäckband zahlen würden, fänden sich bestimmt auch viele arbeitswillige Studenten …

Das mag sein. Alternativen gibt es immer. Aber da sitzen natürlich Betriebswirte in den Unternehmen, die ganz genau rechnen. Und die Bundesregierung hilft den Unternehmen ja nun bereitwillig aus der Patsche. Ob das wirtschaftspolitisch klug ist, ist eine ganz andere Frage. Als Fazit zu der Ankündigung der Regierung möchte ich sagen: Wenn die Migration der türkischen Arbeitskräfte fair geregelt ist, sehe ich das als ethisch unproblematisch an. Und der Vorgang zeigt: Die Globalisierung findet eben nicht nur im Güterverkehr statt, wie wir lange geglaubt haben. Sie ist voll im Dienstleistungssektor angekommen. (Interview: Nina Luttmer)

Auch interessant

Kommentare