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Hessen: Industriepräsident Flammer warnt vor Umverteilungsdebatte

  • Pitt v. Bebenburg
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Dass durch die Corona-Folgen Firmen verschwinden könnten, sei „per se nichts Schlimmes“, sagt Hessens Industriepräsident Eberhard Flammer. Im Interview warnt er vor einer Umverteilungsdebatte.

Herr Flammer, wie geht es den hessischen Unternehmen in der Corona-Krise?

Naturgemäß ganz unterschiedlich. Da gibt es Unternehmen, die vielleicht sogar Gewinner sind, weil sie beispielsweise im Hygienesektor tätig sind. Es gibt auch gewisse Handwerke, die bestens beschäftigt sind. Und dann gibt es zum Beispiel Unternehmen im Wertschöpfungsstrang der Automobilindustrie. Die sind herb betroffen, weil ihre Kunden Betriebsschließungen hatten und Lieferketten gestört sind.

Gibt es Verlierer, die es nicht überleben werden?

In der Wirtschaft gibt es seit Adam Smith Anpassungsprozesse, indem Unternehmen verschwinden und neue entstehen. Es verschwinden die, die nicht mehr marktfähig sind, und es entstehen neue, meistens mit den gleichen Menschen. Das ist per se nichts Schlimmes. Das muss man ertragen können.

Sehen Sie denn eine normale Insolvenzquote oder gibt es einen besonderen Niedergang durch diese drei Monate mit Schließungen und Einschränkungen?

Ein Problem haben wir beim stationären Handel und bei Gastronomen. Das sind Betriebe, die zu unserer Lebenskultur beitragen. Denen ist durch die Corona-Soforthilfen und die entsprechenden Kredit-Fazilitäten geholfen worden. Auch Großveranstalter nehme ich dazu, Leute, die Events organisieren. Die brauchen wir später wieder. Deswegen ist es gut, dass man die unterstützt.

Insofern geht es nicht nur um Marktfähigkeit, sondern auch um eine politische und gesellschaftliche Entscheidung, was wir in Zukunft noch haben wollen.

Absolut. Gerade die Selbstständigen sind das Ferment in der Gesellschaft.

Wie kommt die Wirtschaft aus der Krise wieder raus?

Die Regenerationskräfte der Wirtschaft sind oft unterschätzt worden. Ich gehe davon aus, dass wir 2022 wieder normalere Verhältnisse haben werden. Ich hoffe, dass es ab dem ersten Quartal des nächsten Jahres einen nachhaltigen Aufstieg in diese Richtung gibt.

Was bedeutet das für Ausbildung und Arbeit? Gerade für die Ausbildung ist ja für diesen Herbst ein schwerer Einbruch vorhergesagt worden.

Da bin ich zuversichtlich, dass wir diesen Einbruch so nicht sehen werden, weil die Firmen ganz genau wissen, dass das Demografieproblem langlebiger ist als Corona. Sie erinnern sich: Bis vor Kurzem ging es noch um Fachkräfte. Das sollten wir nicht vergessen. Mit der Ausbildung können wir heute die Arbeit von morgen sichern.

Bund, Land und Europa haben Milliarden-Pläne beschlossen, um die Konjunktur nach der Corona-Delle wieder anzukurbeln. Wie hilfreich sind die?

Natürlich kann es die Politik nicht jedem Einzelnen recht machen. Aber das sind gute Impulse. Zum Beispiel die degressive Abschreibung von 25 Prozent für 2020 und 2021. Dann gibt es 25 Milliarden an Bargeldhilfen für Sektoren, die durch die Schließung in ihrer Existenz bedroht werden. Das ist wichtig. Da geht es auch um die Kultur der Selbstständigkeit in diesem Lande. Man kann nicht immer an die Leute appellieren, sich selbstständig zu machen, um sie dann in der Not hängen zu lassen. Auch die Mehrwertsteuer-Absenkung ist sehr sinnig, weil sie direkt zu mehr Umsatz und damit zu mehr Wertschöpfung führt.

zur Person

Eberhard Flammerist seit 2018 Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK).

Der 67-jährige Unternehmersteht seit 2014 an der Spitze der IHK Lahn-Dill. Seit 40 Jahren führt der Betriebswirt Flammer die Geschäfte des Unternehmens Elkamet Kunststofftechnik im mittelhessischen Biedenkopf, das 850 Menschen beschäftigt.

Der Hessische Industrie- und Handelskammertag (HIHK)bündelt die landespolitischen Aktivitäten der zehn hessischen IHKs. Er vertritt rund 400 000 Unternehmen mit rund 1,8 Millionen Beschäftigten in Hessen. pit

Auch wenn sie nur für ein halbes Jahr läuft?

Das wird man beobachten müssen. Ich könnte mir vorstellen, dass im vierten Quartal die Diskussion geführt wird, ob man das verlängern kann.

Eine Prämie, mit der viele gerechnet haben, ist nicht gekommen: die Autokaufprämie. Ihr Unternehmen liefert auch an die Automobilindustrie. Sind Sie enttäuscht?

Meine Auffassung ist: Man sollte keine einzelne Branche bevorzugen, selbst wenn es eine Kernbranche ist. Auch die sind dem Wettbewerb um ihre Zukunftsfähigkeit ausgesetzt. Dazu zählt auch die nachgeordnete Wertschöpfungskette. So sehr das dem einen oder anderen gefallen würde, wenn die Kaufprämie gekommen wäre, war es vermutlich die richtige Entscheidung.

Erstaunlich, das aus Ihrem Munde zu hören.

Dafür stehe ich.

Hessens Wirtschaft ist besonders von Exporten abhängig. Welche besonderen Auswirkungen sehen Sie hier?

In Hessens Industrie geht deutlich über die Hälfte der Wertschöpfung in den Export. Das zeigt, wie wichtig die internationale Arbeitsteiligkeit ist, die jetzt immer wieder infrage gestellt wird. Wenn wir heute fordern, Produktionsprozesse zurück ins Inland zu holen, dann ist das sicher nicht produktiv mit Blick auf die eigenen Exportwünsche. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die hessische Wirtschaft in dem Maße wieder belebt, wie benachbarte Länder und unsere Zielländer über Corona hinwegkommen.

Das heißt, in Hessen wird die Wirtschaft langsamer wieder anlaufen, weil sie besonders abhängig ist von Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien?

Den Zusammenhang gibt es. Aber wir haben auch Südkorea, Japan, China, wo es sehr viel schneller wieder läuft, was auch stützend wirkt.

Gibt es etwas, was Sie sich von der Politik wünschen würden in dieser Zeit?

Die Politik hat in der Corona-Krise bislang gut gearbeitet, die Gesellschaft ist in einem erstaunlichen Maß geeint geblieben. Eine Verteilungsdebatte würde das gesellschaftliche Klima vergiften. Zur Tilgung der öffentlichen Corona-Schulden sollten wir auf Wachstum und zukünftige Überschüsse setzen, nicht auf höhere Steuern und Abgaben. Das ist der richtige Weg.

Interview: Pitt von Bebenburg

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